Pop-Literatur zum Weghören

Hat sich durch "Ein schnelles Leben" nun Zoë Jennys Karriere schnell erschöpft?

Von Frauke HecklerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frauke Heckler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Liest man die Buchbesprechungen großer deutscher Tageszeitungen über Zoë Jennys neuesten Roman "Ein schnelles Leben", erschienen im Aufbau Verlag, so wird man erschlagen von der vernichtenden Kritik über das dritte Buch der jungen deutschen Autorin, die sich wunderbar in die "Schönes-Fräulein-Wunder-Literatur" einreihen lässt.

Dem Debütroman "Das Blütenstaubzimmer", ausgezeichnet mit dem "aspekte"- Literaturpreis, folgte "Der Ruf des Muschelhorns". Das Erstlingswerk wurde von Begeisterungsrufen begleitet, und auch dem zweiten Roman der jungen Schriftstellerin wurden durchaus positive Qualitäten zugesprochen. "Kein anderer deutschsprachiger Schriftsteller ihrer Generation verfügt über eine so reiche, lyrische Sprache und über dieses unschätzbare Talent unsere Welt in ein Licht zauberischer Melancholie zu tauchen", schrieb etwa Sascha Westphal.

Und was ist nun von dieser Euphorie geblieben? - Nichts. Grausam liegen die Vergleiche einzig mit einer "Bravo-Fotoromanze" nahe ("F. A. Z"), oder wie es "Die Zeit" ausdrückt: vor uns liege ein Roman mit der Qualität des "Tagebuchs einer Pubertierenden". Bitter sind solche Worte. Der schnelle Erfolg führt mitunter zu einem ebenso raschen, tiefen Fall. Ein Autor der Süddeutschen Zeitung rät Zoë Jenny sogar davon ab, sich weiter auf eine Schriftstellerkarriere zu versteifen. Sollte nach dem Erscheinen des jüngsten Romans folglich nur noch der Berufswechsel nahe liegen? Vielleicht könnte die junge Schweizerin ja einmal die Leser der Jugendliteratur für sich gewinnen.

Zoë Jenny ist eine Freundin der Thematik großer Schicksalsschläge heranwachsender Jugendlicher. Diese bestimmten auch ihre beiden vorangegangenen Romane. War bisher noch ein gewisses "Neuland" zu betreten (es ging um das Aufwachsen unter 68er-Eltern), so rutscht nun die Geschichte von Ayse und Christian in "Ein schnelles Leben" ganz tief in die Kiste abgedroschener Klischees. Es handele sich um "eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte", so verspricht es der Verlagstext dieser kleinen Teenager-Story.

Die junge Türkin Ayse verliebt sich in ihren neuen Mitschüler Christian. Dummerweise hängt dieser ausgerechnet immer mit dem rechtsradikalen Siggi zusammen. Auch wenn der Angebetete selber keine politischen Äußerungen von sich gibt, so sind die Konflikte doch bereits klar vorprogrammiert. Ayse wird in ihrem streng konservativen Elternhaus beinahe rundum überwacht, Bruder Zafir lässt ihr kaum Freiräume. Allen Gedanken, die im Kopfe einer Verliebten schwirren, kann die junge Türkin nur Ausdruck verleihen, indem sie Tagebuch führt und ihnen in ihrem "blauen Buch" freien Lauf lässt.

Mit einem Tagebuch-Eintrag beginnt auch die Hörbuchfassung des Romans, gesprochen von Sascha Icks. Ayses Traumwelt wird uns von einer leicht hallenden Stimme präsentiert, mit der die Ich-Erzählerin ihr Eingepferchtsein in die Zwänge ihrer Familie beschreibt. Wortwörtlich wird die Textvorlage in dieser Lesung wiedergegeben, auf zusätzliche Klangeffekte wird weitgehend verzichtet. Der Schauspielerin Sascha Icks gelingt es, durch geschickten Stimmlagenwechsel zwischen der spöttisch lässigen Freundin Sezen, dem dominierenden Bruder Zafir oder auch den ruhig melancholischen Monologen der Protagonistin zu agieren. Die klare, einfache Sprache Zoë Jennys bietet jedoch kaum Möglichkeiten zur extravaganten Gestaltung. Vielmehr tendiert die Prosa zu einem Jugendbuch aus der Reihe dtv-Pocket. Die dramatischen Ereignisse jagen einander, bis es zum finalen Höhepunkt kommt. Zoë Jenny macht uns neugierig, wie der kulturelle Konflikt zwischen dem Deutschen Christian und Ayses Elternhaus zu lösen ist. Doch anstelle einer plausiblen Lösung für ein schon altbekanntes Problem wählt die Autorin ein plötzliches, alles vernichtendes Ende: Das Liebespaar flieht, nachdem der verständnisvolle Deutschlehrer ihnen die eigene Wohnung für ihre geheimen Treffen zur Verfügung gestellt hat. Von nun an geht es dramatisch bergab: Unterschlupf für eine Nacht wird in einer entlegenen Waldhütte gewährt, des nachts kommt es zu einem Unwetter. Eine Schlammlawine erfasst und tötet beide. Alle Probleme sind aus der Welt und das Buch an seinem Ende. Schade eigentlich, denn ähnliche Konfliktlösungen haben schon ganz andere Autoren, vornehmlich des 18. und 19. Jahrhunderts angeboten. Nur auf die moderne Lösung, der Annäherung in einer stetig wachsenden multikulturellen Gesellschaft, warten wir gespannt - und vergeblich. Auch Zoë Jenny ist dabei nicht behilflich, sondern entschließt sich zu einem abrupten, wenig befriedigenden Schluss. Schöne Worte allein können darüber nicht hinwegtäuschen: "Es war ein schnelles Leben gewesen, das in diesen frühen Morgenstunden sein Ende nahm. Es hatte aufgeleuchtet, kurz und heftig, um auf dem Gipfel der Sehnsucht für immer zu erlöschen. Sie hatte gelebt wie die Königin der Nacht, die ihre Blüte öffnet, um ihren Duft zu verströmen in einer einzigen Stunde." Bleibt zu hoffen, dass es nicht für die Karriere der jungen Autorin gilt.

Titelbild

Zoe Jenny: Ein schnelles Leben. 3 CDs. Lesung mit Sascha Icks.
Audio Verlag, Berlin 2002.
205 Minuten, 24,95 EUR.
ISBN-10: 3898131955

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