Ernte der Geheimnisse

John Grishams Roman "Die Farm"

Von Athanasia DimopoulosRSS-Newsfeed neuer Artikel von Athanasia Dimopoulos

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf der Baumwollfarm der Familie Chandler im ländlichen Arkansas wird hart gearbeitet, denn es ist Erntezeit. Auch der siebenjährige Luke Chandler, der Jüngste der Familie, nimmt am anstrengenden Farmerleben uneingeschränkt teil. Im September des Jahres 1952 schlagen die Familie Spruill aus dem Norden und eine Gruppe Mexikaner ihr Lager auf der Farm auf, um bei der Ernte zu helfen. Luke arbeitet genauso hart wie alle anderen, träumt jedoch von einem anderen Leben, einem Leben als Baseball-Star bei den Cardinals. Jeden Abend sitzt er auf der Veranda und verfolgt gebannt die Spiele im Radio. Der Junge ist fest entschlossen, mit der Tradition der Familie zu brechen und nicht Farmer zu werden - zu aussichtslos erscheint ihm der Überlebenskampf auf dem Land.

Einzig die Wochenenden stellen eine Abwechslung in seinem Alltag auf der Farm dar. Samstags fahren alle in die nächstgelegene Stadt, und für Luke bedeutet das einen Besuch im Kino inklusive Coca-Cola und Popcorn. Eines Tages, als Luke verbotener Weise eine Schlägerei in der Stadt beobachtet, muss er mit ansehen wie Hank, der aggressive Sohn der Spruills, seinen Gegner totschlägt. Obwohl der Junge weiß, dass Hank nicht aus Notwehr gehandelt hat, schweigt er aus Angst davor, das nächstes Opfer zu sein.

John Grisham überrascht seine Leser mit einem Schauplatzwechsel: weg von den Gerichtssälen seiner früheren Justizthriller, hin zu einer Baumwollfarm in Arkansas. Der Bestsellerautor versteht es, das Leben auf dem Land aus der Sicht des kleinen Luke einfühlsam zu beschreiben. 1955 selbst in Arkansas geboren und aufgewachsen, sind es vor allem Kindheitserinnerungen, die ihn dazu befähigen, diesen ländlichen Teil Amerikas für den Leser greifbar zu machen.

Es sind die gefürchteten Unwetter sowie der Krieg in Korea, die die Farmer umtreiben. Luke hingegen plagen andere Sorgen. Der erste Liebeskummer und der brutale Mord machen dem Jungen zu schaffen. Als einziges Kind auf der Farm, als aufmerksamer Beobachter den Problemen der Erwachsenen ausgesetzt, wünscht sich Luke einen Vertrauten, der ihm einen Teil der schweren Last abnehmen könnte.

Streckenweise verliert sich der Autor im Detail und streckt die Handlung unnötig. Durch Wiederholungen werden ganze Passagen teilweise vorhersehbar. Grisham bevorzugt einen einfach gehaltenen Stil, der sich vor allem durch kurze, klare Sätze und geläufige Idiomatik auszeichnet. Schnell lässt man langatmige Abschnitte hinter sich, um sich auf die vorwiegend handlungsreichen Teile des Romans zu konzentrieren. Gelungen scheint vor allem die kindliche, naive Erzählweise Lukes. Die Beobachtungen und Gefühlsschilderungen des Siebenjährigen wirken authentisch und erlauben es dem Leser, sich in die Lage des Jungen zu versetzen. Geschickt ist ebenso, wie Grisham es schafft, Ricky, der in Korea kämpft und nur durch Briefe präsent ist, als vollwertigen Charakter zu integrieren.

Besonders an diesem Buch ist also, dass es sich hierbei nicht um den von Grisham gewohnten, spannenden Krimi handelt, sondern um die Alltagsbeschreibung eines kleinen Jungen, dem nicht alltägliche Dinge passieren.

Titelbild

John Grisham: Die Farm. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Anette Grube.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2002.
464 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 3453864786

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