Sein Leben

Marcel Reich-Ranickis späte Autobiographie

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was für ein Leben! Es war wie ein Wunder. Und was für eine Liebe! Sie ist immer noch wie ein Traum. Der Autor selbst kann es kaum fassen. Am Ende leiht er sich die Stimme eines Dichters: "Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein,/daß wir zwei beieinander sein." Marcel Reich-Ranickis Autobiographie enthält viele Geschichten. Sie ist Liebesgeschichte, Freundschaftsgeschichte, Literaturgeschichte und Erfolgsgeschichte in einem. Überlagert aber sind sie alle von den Wundern einer Überlebensgeschichte. Deren triumphale Krönung ist dieses Buch, vor allem der zweite Teil. Mit ihm wird Marcel Reich-Ranicki lange weiter leben.

"Warum durften gerade wir überleben?" Die Frage lastete auf denen, die 1945 in Warschau von den Nazis befreit wurden, so stark, dass sie das Glück ihrer Befreiung nicht recht empfinden konnten. "Mein Bruder Alexander hatte ungleich bessere Chancen als ich gehabt, die deutsche Okkupation zu überleben." Doch der musste in einem Lager bei Lublin sterben. Durch den Besitz von Zyankali ist er der Ermordung zuvorgekommen. Keine Chance, die wiederkehrenden "Selektionen" zu überleben, hatten die Eltern. Der Sohn war dabei, als sie deportiert wurden. Die nüchterne Sachlichkeit, die bewundernswerte Würde, mit der und von der die Autobiographie hier erzählt, vermag weit mehr Emotionen beim Lesen zu evozieren als jedes Pathos: "Ich sagte ihnen, wo sie sich anstellen mußten. Mein Vater blickte mich ratlos an, meine Mutter erstaunlich ruhig. Sie war sorgfältig gekleidet. Sie trug einen hellen Regenmantel, den sie aus Berlin mitgebracht hatte. Ich wußte, daß ich sie zum letzten Mal sah. Und so sehe ich sie immer noch: meinen hilflosen Vater und meine Mutter in dem schönen Trenchcoat aus einem Warenhaus unweit der Berliner Gedächtniskirche. [...] Als sich die Gruppe, in der sie standen, dem Mann mit der Reitpeitsche näherte, war er offenbar ungeduldig geworden: Er trieb die nicht mehr jungen Leute an, doch schneller nach links zu gehen. Er wollte schon von seiner schmucken Peitsche Gebrauch machen, aber es war nicht mehr nötig: Mein Vater und meine Mutter - ich konnte es von weitem sehen - begannen in ihrer Angst zu laufen, so schnell sie konnten."

Angesichts der erzählten Todesarten wirkt die Überlebensgeschichte noch wunderbarer. Zumal sie mit einer Liebesgeschichte verbunden ist, in der Liebe und Tod so eng verwoben sind. Da ist die denkbar knapp erzählte Geschichte einer tödlichen Demütigung. Ein jüdischer Fabrikbesitzer wird nach dem Einmarsch der Wehrmacht enteignet, am nächsten Tag von einem deutschen Soldaten geohrfeigt: Das reicht für den psychischen Zusammenbruch. Der Gedemütigte verfällt in eine Depression, scheint sich davon zu erholen, doch eines Tages finden Mutter und Tochter ihn erhängt an seinem Hosengürtel. Die Tochter bemüht sich vergeblich, den Gürtel zu durchschneiden. - Zehn Minuten später tröstet, streichelt, küßt die Neunzehnjährige ein gleichaltriger Mann; die beiden bleiben ein Leben lang verbunden: Theofila, geb. Langnas, und Marcel Reich, der sich nach dem Krieg Reich-Ranicki nennen wird.

Die hier einsetzende Liebesgeschichte steht im Zeichen des Todes und seiner Überwindung. Die beiden haben überlebt, sich mehrfach gegenseitig gerettet. "Warum durften gerade wir überleben?" Zum zweiten Mal gestellt, findet die Frage eine Antwort: "Es war purer Zufall, nichts anderes. Doch kann ich nicht aufhören, diese Frage zu stellen."

Zwei andere Antworten hätten vielleicht nahe gelegen. Die religiöse kommt für den bekennenden Atheisten nicht in Betracht. Die andere, die das Überleben zum eigenen Verdienst erklärt, weist Reich-Ranicki strikt von sich. Die Autobiographie erhält allerdings dadurch immer wieder eine doppelbödige Spannung, dass sie selbst unterläuft, was sie ausdrücklich behauptet. Es ehrt den Autor, daß er sich bescheiden, ja manchmal geradezu demütig gibt. Jenes selbstgefällige, triumphale Auftreten des Überlebenden, wie es Canetti einmal beschrieben hat, versucht er, wo es auch nur geht, zu vermeiden. Doch steht außer Zweifel, daß diese Überlebensgeschichte durchaus ihre Moral hat, eine Moral, die ihr Held vorbildlich verkörpert. Zum einen nämlich erzählt diese Autobiographie von den Wunderkräften der Kunst, die der Held geschickt anzuwenden versteht. Zum anderen vermittelt diese Lebensgeschichte unter der Hand ein Ethos, dessen Einhaltung belohnt wird.

Zu den beklemmenden Partien dieser Autobiographie gehören die Abschnitte über den Vater. Es gibt kaum eine andere Figur, die mit solcher Vehemenz kritisiert wird. Den Vater hat Reich-Ranicki verachtet. Er hat unter ihm gelitten. Und zwar nicht, weil er zu stark, sondern weil er zu schwach war. "Das Scheitern meines Vaters, kläglich und erbärmlich zugleich, warf einen düsteren Schatten nicht nur auf meine Jugend." Der Vater ist schuld an einer vom Kind nur vage, doch durchaus intensiv wahrgenommenen "Familienkatastrophe". Die Katastrophe "hatte zwei Gründe: die große Wirtschaftskrise und meines Vaters Mentalität." Seiner Aufgabe, die Familie zu ernähren, war der Mann offensichtlich nicht gewachsen. "Er war ein Geschäftsmann und Unternehmer, dessen Geschäfte und Unternehmungen in der Regel wenig oder nichts einbrachten. Natürlich hätte er dies früher oder später einsehen sollen, er hätte sich nach einer anderen Tätigkeit umschauen müssen. Aber hierzu fehlte ihm jegliche Initiative. Fleiß und Energie gehörten nicht zu seinen Tugenden. Charakterschwäche und Passivität bestimmten auf unglückselige Weise seinen Lebensweg." In Erinnerung an die Zeit im Warschauer Getto werden die Urteile sogar noch vernichtender. Auch im Getto "blieb mein gutmütiger, mein gütiger Vater ein Versager." Der Sohn schämte sich vor den Kollegen, daß er sich, damals zwanzig Jahre alt, für seinen sechzigjährigen Vater um eine kümmerliche Beschäftigung bemühen mußte. "Den beinahe traditionellen Konflikt zwischen Vater und Sohn habe ich also nie kennen gelernt. Wie hätte auch ein solcher Konflikt entstehen können, da ich meinen Vater niemals gehaßt und leider auch niemals geachtet, sondern immer bloß bemitleidet habe." Noch jene Abschiedsszene, in der der Sohn die Eltern das letzte Mal sieht, wird mit einer Bemerkung beschrieben, die sich wie ein leiser Vorwurf ausnimmt. Es habe den Eltern die "Kraft und Lust" gefehlt, "sich irgendwo zu verbergen".

Es war in der Perspektive dieser Autobiographie eben doch nicht bloßer Zufall, wenn man den Nazis entkam, sondern auch eine Frage der Kraft, des Mutes, der Klugheit und des Willens. Und noch ein Rettungsmittel gab es: die deutsche Kultur. Viele Juden im Warschauer Getto setzten ihre Hoffnung darauf, die Deutschen mit Musik erweichen zu können. Reich-Ranicki, der als Angestellter des "Judenrates" einer der bestinformierten Männer des Gettos war, verdankte sein Überleben nicht zuletzt der Literatur. Indem er aus ihr erzählte, hielt er sich im Warschauer Untergrund einen Helfer gewogen, der ihn vor den Nachstellungen der Deutschen verbarg. Günter Grass hat die wunderbare Geschichte 1972 im "Tagebuch einer Schnecke" aufgegriffen und erzählt.

Wie ein Wunder nimmt sich nicht nur das Überleben, sondern auch die Nachgeschichte aus. Es ist eine Geschichte sich addierender und überbietender Erfolge. Dass diese zweite Hälfte des Buches nicht das gleiche Gewicht hat wie die erste, sollte man dem Autor nicht vorwerfen. Das hieße, ihm ziemlich zynisch die glücklicheren Umstände zu missgönnen, die ihm nach dem Krieg das Leben leichter machten. Leicht war es allerdings nie. Als Reich-Ranicki 1958 zusammen mit seiner Frau in die Bundesrepublik übersiedelte, stand er ein weiteres Mal vor dem Nichts. Geld hatte er keines, doch als kulturelles Kapital immerhin vorzügliche Kenntnisse der deutschen Literatur, publizistische Begabung und Erfahrung. Als soziales Kapital brachte er einige Bekanntschaften mit westdeutschen Autoren mit. Heinrich Böll war sofort bereit, ihm durch eine Bürgschaft zu einem Ausreisepass zu verhelfen. Siegfried Lenz tat alles, um ihm Kontakte mit Rundfunksendern und Zeitungen zu verschaffen. Kritiken in der "Welt" und in der "FAZ" sowie die Teilnahme an Tagungen der "Gruppe 47" machten ihn rasch so bekannt und begehrt, dass "Die Zeit" ihn am 1. Januar 1960 als ständigen Literaturkritiker anstellte. In den vierzehn Jahren, die er für "Die Zeit" schrieb, wurde er schnell zu der literaturkritischen Instanz der Bundesrepublik.

Seine Fähigkeiten und seinen öffentlichen Einfluss ganz entfalten konnte er jedoch erst, als er 1973 die Leitung des Literaturteils der FAZ übernahm. So schien es zumindest. Als Reich-Ranicki Ende 1988, weil es die Gesetze der Zeitung so vorschrieben, diesen Posten an einen Jüngeren abgeben mußte, glaubten manche, eine Ära der Literaturkritik sei zu Ende, ein Generationenwechsel vollzogen. Nachdem die Kommentare zu Reich-Ranickis Abgang also schon den Ton von Nachrufen angestimmt hatten, belehrte dieser sie schnell eines besseren. Er erweiterte das Spektrum seiner Wirkungsmöglichkeiten erheblich, vor allem durch das "Literarische Quartett". Das fiel ihm zu, ja, es wurde ihm, der vom Fernsehen als Medium der Literaturkritik keine hohe Meinung hatte, geradezu aufgedrängt. Den Anschein jedenfalls vermittelt die gewitzte Erzählung darüber in der Autobiographie. Mit dem "Quartett" erreichte die Popularität des Kritikers ein neues Hoch. Es schien nicht mehr überbietbar. Doch als manche schon den baldigen Niedergang dieser Sendung prophezeiten, schrieb Reich-Ranicki seine Autobiographie. Ein Bestseller auf allen Listen ist sie geworden. Und noch einmal ist die Popularitätskurve des Mannes gestiegen.

Mit diesem bislang letzten Triumph scheint sich ein Muster zu wiederholen, das dieser Lebensgeschichte vielfach eingeschrieben ist. Unglück schlägt um in Glück. Oder: Das Glück verdankt sich dem Unglück. Dieses literarisch beliebte Muster, das viele der in dieser Autobiographie erzählten Geschichten prägt, zeigt sich auch noch an der Geschichte der Entstehung dieses Buches. Von ihr erzählt es allerdings nichts.

Immer wenn man ihn, noch Anfang der neunziger Jahre, drängte, seine Autobiographie zu schreiben, reagierte er eigentümlich wortkarg und abwehrend. Reich-Ranicki hat das jetzt begründet, in der seine Autobiographie abschließenden "Danksagung": Er habe Angst gehabt. "Ich wollte nicht das Ganze noch einmal in Gedanken erleben. Überdies fürchtete ich, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein." Wer den eindrucksvollen Teil der Autobiographie über die Entsetzlichkeiten im Warschauer Getto gelesen hat, muss ihm das glauben. Doch er wird sich zugleich fragen, was den Autor in den neunziger Jahren dazu veranlasst haben mag, seinen Sinn zu ändern.

Die Autobiographie vermeidet in geradezu provozierender, weil gegen alle Gepflogenheiten ambitionierter Literatur verstoßender Weise jede Art von Selbstreflexion über die Anlässe und Probleme autobiographischen Schreibens. Reich-Ranicki demonstriert damit, was ihn als kritischen Leser von Literatur oft so stört. Poetologische Metareflexionen sind ihm verhaßt. Autoren, so haben wir es sinngemäß bei ihm oft gelesen oder gehört, sollen ihre Energie darauf konzentrieren, gut zu schreiben, und nicht darauf, die Leser mit ihren Gedanken über das Schreiben und seine Schwierigkeiten zu behelligen.

Welchen Ereignissen verdanken wir es also, dass es Reich-Ranicki zum Bedürfnis wurde, doch seine Autobiographie zu schreiben? Sie gibt lediglich an, 1993 habe er sich entschlossen, sein Leben darzustellen. Dies ist vermutlich eine falsche Datierung. Aber warum sollte er sie vorgenommen haben? Die Entstehungsgeschichte des Buches scheint für den Autor persönlich so wichtig zu sein, dass er gleich in den ersten beiden Sätzen seiner Danksagung betonen muss, wie unwichtig sie für die Öffentlichkeit sei: "Jedes Buch hat eine Entstehungsgeschichte. Freilich ist sie in den meisten Fällen für die Öffentlichkeit ohne Interesse." Es ist nicht anzunehmen, dass Reich-Ranicki diese Geschichte verbergen wollte. Im Gegenteil: Er hätte sie wohl am liebsten erzählt. Doch fürchtete er, er könnte seiner Autobiographie mit dem Eingeständnis schaden, sie verdanke sich auch einer persönlichen Kränkung. Dass Worte für die Öffentlichkeit durch allzu Privates und Menschliches an Autorität verlieren können, hat man vor einem Jahr erleben können, als Martin Walsers Rede in der Paulskirche als Ausdruck persönlicher Gekränktheit erkannt wurde. Literaturkritische Stimmen zu seinem autobiographischen Roman hatten ihn zutiefst verletzt.

Dass Reich-Ranicki in seiner Autobiographie versucht hat, allzu offensichtliche Spuren privater Verletzungen zu verwischen, ehrt ihn und kommt seinem Buch zugute. Dass solche Spuren nicht völlig getilgt sind, gibt dem Buch jedoch auch eine untergründige Spannung.

Von zwei Begebenheiten, die ihn in jüngerer Zeit persönlich stark bewegt haben, erzählt die Autobiographie sehr ausführlich: von zwei zerbrochenen Männerfreundschaften. Der erste Bruch liegt schon etwas länger zurück: der mit Joachim Fest. Dieser hatte, als er 1973 Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde, dem Kritiker der "Zeit" die Leitung der Literaturredaktion in Frankfurt angeboten. Warum die Freundschaft in den späten achtziger Jahren zerbrach, darüber gibt Reich-Ranicki einfache und klare Antworten. Es war Fests Position im Historikerstreit, die Reich-Ranicki beschämend fand. Über die Gründe für den zweiten Freundschaftsbruch erfahren wir hingegen nichts.

Den Schöpfer von Winnetou und Old Shatterhand schätzt Reich-Ranicki nicht sonderlich. Es ging ihm auf die Nerven, "daß es immer ein Deutscher war, der in Karl Mays Romanen die Bedrängten heldenhaft rettete und die Bösewichter behandelte, wie sie es verdienten". Doch Reich-Ranickis Beschreibung seiner Freundschaft mit Walter Jens handelt ohne Scheu vor Sentimentalität von Qualitäten, wie sie ähnlich Karl May an seinen Helden in so empfindsamen Tönen schilderte. Zur Grundlage dieser Freundschaft gehörte nicht zuletzt die Einsamkeit des Kritikers, sein "monologisches Dasein" im Wechsel von Lesen und Schreiben. Existentiell notwendiges Gegengewicht dazu wurde die "Telefon-Freundschaft" mit Jens, eine höchst "seltsame", eine "ungewöhnliche Freundschaft", die "weitaus längste und wichtigste in meinem Leben". Sie sahen sich selten, doch telefonierten miteinander oft und lange. Knappe Andeutungen genügten, um sich zu verstehen. Man bestärkte sich gegenseitig in seinen Projekten, gab sich Versprechungen für den Fall, dass einer vor dem anderen sterben würde.

Als im Herbst 1990 die Beziehung ernsthaft gefährdet war, beteuerte Jens in einer Widmung deren Unzerstörbarkeit. Dass sie dann doch zerstört wurde, war "grausam". Der Autobiograph scheut sich nicht, Max Frischs Beziehung zu Ingeborg Bachmann zum Vergleich heranzuziehen. Er zitiert jenen Satz aus "Montauk", dessen Knappheit in so wirkungsmächtigem Kontrast zum Ausmaß dieser Tragödie der Trennung steht: "Das Ende haben wir nicht gut bestanden, beide nicht."

Man weiß: Dieses Ende blieb für Bachmann ein Trauma, von dem sie sich nicht mehr befreien konnte. Wie es zu dem Bruch zwischen Reich-Ranicki und Jens kam, ist kein Geheimnis. Der Konflikt wurde öffentlich ausgetragen. Der Autobiograph möchte darüber jedoch nicht sprechen. Was er sonst vermeidet, hier tut er es: Er redet in Andeutungen, spricht "jene" an, die zur Zerstörung der Freundschaft "grausam beigetragen haben"; sie "mögen dies mit ihrem Gewissen ausmachen". Es mag viele Gründe für Reich-Ranickis 1993 oder 1994 gefaßten Entschluß gegeben haben, seine Autobiographie zu schreiben, einer davon scheint jedenfalls in den hier verschwiegenen Umständen zu liegen.

In der Fernsehsendung "Kulturspiegel" vom 29. Mai 1994 gab Tilman Jens, der Sohn des Freundes, sich später erhärtende Hinweise auf Reich-Ranickis zeitweilige Arbeit für den polnischen Geheimdienst und seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei. Die Sendung war ein völlig deplazierter Racheakt für eine - zugegeben - ziemlich polemische Kritik Reich-Ranickis an Christa Wolf. Dass diese überzeugte Kommunistin war, hatte Reich-Ranicki allerdings nie kritisiert. Und auch über die lange zurückliegende, kurze Episode, in der Christa Wolf Informelle Mitarbeiterin des Staatsicherheitsdienstes war, hatte er sich nicht geäußert. Dennoch wurde in jener mittlerweile schon wieder so fernen, hysterisierten Atmosphäre, in der andauernd neue Entdeckungen über Stasi-Kollaborationen veröffentlicht wurden, so auch über die Christa Wolfs, gleichsam ein Parallelfall Reich-Ranicki konstruiert und zum Gegenstand öffentlicher Enthüllungen, Anschuldigungen und Debatten gemacht. Es gab damals enge Freunde, die sich von Reich-Ranickis Reaktionen auf die Vorwürfe öffentlich irritiert zeigten - und auch davon, dass er sogar engsten Vertrauten über diese Episode seiner Vergangenheit nie etwas erzählt hatte. Ein Passus in dem Kapitel über Walter Jens klingt wie eine nachträgliche Rechtfertigung dafür: Es habe "Bereiche" gegeben, "über die er mich, wenn ich mich recht entsinne, nie befragte, die stets ausgespart blieben: meine Erlebnisse im Warschauer Getto, meine Erfahrungen in der Kommunistischen Partei Polens und im auswärtigen Dienst."

Ausführlich erzählt darüber jetzt die Autobiographie. Es scheint, als seien ganze Teile des Buches eine wohl überlegte Antwort auf die damaligen Vorwürfe, nachholende Erzählungen über Dinge, über die zu erzählen ihm zuvor schwer fiel. Die hässliche Affäre von 1994 hatte den schönen Effekt, die Hemmungen herabzusetzen, über bestimmte Ereignisse der Vergangenheit zu reden. Wo andere begannen, Nachforschungen über sein Leben anzustellen, da wollte er ihnen seine eigene Version entgegenstellen. Das geschieht allerdings nur in wenigen Passagen noch ganz offensichtlich unter dem Rechtfertigungsdruck von 1994.

1945 suchte der polnische Geheimdienst junge Männer mit Fremdsprachenkenntnissen, die sich in Deutschland auskannten. Sie fanden auch Reich-Ranicki. "Wenn ich mich damals", so sieht er sich in der Autobiographie genötigt zu erklären, "noch im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland, dem Ruf polnischer Behörden, im Auslandsnachrichtendienst zu arbeiten, verweigert oder entzogen hätte - ich hielte es für einen Fleck in meiner Biographie." Flecken in seiner Biographie will Reich-Ranicki nicht zulassen, die Autobiographie zumindest kennt keine. Sie vermeidet jedoch auch jedes selbstgefällige Prahlen. Die Portraits berühmter Autoren, die der zweite Teil in der leicht und amüsant geplauderten Form von Anekdoten enthält, ist eine Galerie grotesker Eitelkeiten. In beinahe jedem Portrait versucht Reich-Ranicki eine neue Illustration dafür zu liefern, dass die meisten Schriftsteller und Intellektuellen ungeheuer egozentrisch, eitel und empfindlich sind. Ob Brecht, Canetti, Grass oder Adorno, sie alle sind Narzissten, und wären sie keine gewesen, dann wären sie wohl nicht berühmt geworden. Natürlich portraitierte der Autor mit anderen Berühmtheiten immer auch ein wenig sich selbst. Doch wie um sich von ihnen abzuheben, gibt sich der Erzähler dieser Autobiographie oft unglaublich bescheiden und selbstlos.

Mit welcher gewitzten Lockerheit dabei über die Geheimdienstepisode berichtet wird, ist schon frappierend. Es scheint, als habe sich der Autor sogar bei diesem Thema von der Zumutung, sich gegenüber öffentlichen Unterstellungen zur Wehr zu setzen, gänzlich befreit. Der Autobiographie ist das auch hier gut bekommen. Sie gewinnt streckenweise Qualitäten eines Schelmenromans. Eine Art Felix Krull gelangt in einem grotesken Apparat unversehens zu immer höheren Ehren und Posten. In Berlin weiß er nicht recht, was er für den Geheimdienst überhaupt zu tun hat, glaubt schließlich, von der Warschauer Zentrale vergessen worden zu sein, wird aber dann nach London in den Auswärtigen Dienst berufen. Der Konsul sollte dort zugleich weiter für den Geheimdienst tätig sein. In Warschau bekommt er von seinem Vorgesetzten die Aufgabe, seine Kollegen zu schulen. "Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich von dieser Materie keine Ahnung hätte. Das sei ihm keineswegs neu - meinte er nicht ohne Ironie -, doch seien wir alle in dieser Hinsicht Anfänger. Ob ich etwa meine, daß die Parteimitglieder, die unlängst Minister geworden seien, irgend jemand auf ihre Aufgabe vorbereitet hätte?" Im Nebenzimmer will der sowjetische Berater daraufhin wissen, wie er sich die geplante Schulung vorstelle. Die wortreichen Antworten schöpften vollständig "aus einer einzigen und für diesen Zweck wohl nicht immer zuverlässigen Quelle: aus Romanen, Erzählungen und Reportagen."

Sogar als Mitarbeiter des polnischen Geheimdienstes agierte Reich-Ranicki fern aller Agenten- und Heldenklischees ganz als Liebhaber von Literatur. Ist das Dichtung oder Wahrheit? Das dürfte sich zumindest dort kaum trennen lassen, wo, wie hier, die Lust am Fabulieren unübersehbar wird. Leichter und wirksamer jedenfalls hätte Reich-Ranicki die Unerheblichkeit dieser Lebensepisode nicht demonstrieren können. Gewichtige Gründe führt er jedoch dafür an, dass er sogar engsten Freunden später nichts davon erzählt hat. Nach der Entlassung aus dem Außen- und aus dem Sicherheitsministerium wurde er noch einmal vorgeladen: "Ich hatte eine Erklärung zu unterzeichnen, derzufolge ich mich verpflichtete, niemals ein Wort über den polnischen Geheimdienst und über alles, was mit ihm zusammenhing, verlauten zu lassen. Sollte ich mich nicht daran halten, müsse ich - darüber wurde ich mit besonderem Nachdruck belehrt - die schlimmsten und schärfsten Konsequenzen gewärtig sein. Was damit gemeint sei, dessen sei ich mir wohl bewußt. Obwohl das Wort 'Todesstrafe' nicht verwendet wurde, hatte ich keinen Zweifel, worauf meine Gesprächspartner anspielten. Ich habe die Drohung sehr ernst genommen."

Um Missverständnisse auszuschließen: Dem Autor der Autobiographie wird hier nicht noch einmal vorgeworfen, etwas verschwiegen zu haben. Im Gegenteil: Zu den Qualitäten dieser Autobiographie gehören gerade die Verschwiegenheit und die Diskretion. Mit knappen Andeutungen, so führt sie gekonnt vor, läßt sich oft mehr sagen als mit vielen Worten. Die lapidare, schlichte, oft kunstlos wirkende Diktion, in der diese Autobiographie geschrieben ist, hat Methode. Das Buch handelt nicht nur andauernd von Literatur, es ist selbst Literatur, und zwar durch und durch, doch auf unauffällige Weise. Eines der Vorbilder literarischer Diskretion ist Dante mit jenem wiederholt zitierten Satz, der über das gemeinsam lesende und durch Lektüre verführte Liebespaar Francesca da Rimini und Paolo Malatesta alles sagt, ohne irgendetwas ausdrücklich zu benennen: "Wir lasen weiter nicht in jener Stunde." Es gibt viele diskrete Stellen dieser Art in diesem Buch, nicht nur dort, wo es von Liebe und Sexualität erzählt. Auch wo persönliche Wut im Spiel ist, hält es sich zurück: Zwei Schriftsteller habe er gekannt, die sich nachdrücklich zum Christentum bekannten. Doch nur einer habe ihn darin in seiner Redlichkeit überzeugt: Heinrich Böll...

Ähnlich verfährt der Autor mit seinen zahlreichen literarischen Anspielungen. Sie sind so eingesetzt, dass man sie zum Verstehen des Textes nicht unbedingt erkennen muss. Sie zu erkennen bringt der Lektüre jedoch zusätzlichen Gewinn. "Jemand mußte mich verleumdet haben, denn ohne daß ich etwas Böses getan hätte, bin ich verhaftet worden." Das war am frühen Morgen des 28. Oktober 1938. Mit der Festnahme, die mit Anspielung auf einen Autor erzählt wird, der damals noch kaum bekannt war, endete eine trotz der Zeitumstände relativ glückliche Jugend in Berlin. Und mit ihr der erste Teil des Buches. Der zweite Teil beginnt mit dem so traurigen wie wunderbar formulierten Satz: "So war ich nach Polen gekommen - in mein Geburtsland, das nun mein Exil wurde." Mit der Vertreibung ins Exil wurden alle Zukunftswünsche, die der junge Literaturliebhaber und Theaterenthusiast hatte, zunichte. Er wollte Germanistik studieren, wollte Hochschullehrer oder auch Literaturkritiker werden. Die schaurige Lebensgeschichte nahm später, wie wir wissen, eine wunderbare Wendung: Hochschullehrer wurde er auch ohne Studium; er wurde der berühmteste Kritiker Deutschlands - und in seinem 80. Lebensjahr zudem ein gefeierter Schriftsteller. Die Stoffe, aus denen Literatur gemacht wird: Reich-Ranicki hat sie durchlebt. Dafür dass er sie noch beschrieben hat, haben wir ihm zu danken.

Titelbild

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben. Autobiographie.
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999.
500 Seiten, 25,50 EUR.
ISBN-10: 3421051496

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