In Verteidigung der Gesellschaft

Michel Foucaults Vorlesungen aus dem Nachlaß

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nicht selten haben Vorlesungsmitschriften ein bedeutendes Werk zutage gefördert. Was wäre etwa Hegels Œuvre ohne die Mit- und Nachschriften seiner Schüler? Ein Torso ohne die "Ästhetik" und die "Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie" (und - vice versa - die "Philosophie der Geschichte"). Oft wirkt gerade der mündliche Duktus besonders anschaulich, erhellend und lebendig.

So auch bei Michel Foucault. Die jetzt aus dem Nachlaß herausgegebenen Tonbandprotokolle von 1975 und 1976 sind als Einführung in sein Denken hervorragend geeignet. Wer mit den Ohren liest, meint Foucault in seiner kühlen, gleichwohl poetischen Dialektik sprechen zu hören: "Bis dahin war die Geschichte nie nur die Geschichte gewesen, die sich die Macht über sich selbst erzählte, oder die Geschichte, welche die Macht über sich erzählen ließ: Es war die Geschichte der Macht durch die Macht."

Die Kernthesen des Foucaultschen Denkens sind hier auf den Punkt gebracht: Es geht um die Diskursregeln des Wissens und seiner Genealogie, um Macht- und Repräsentanzfragen, um den Ort des Subjekts in der politischen Morphologie, um die substantiellen Funktionstypen innerhalb komplexer Gesellschaften wie den "Nationen", um die Gefährdungen der Individualität durch Sieger- und Strafjustiz, durch Gesetzgebung und Klassenkampf, durch Psychiatrie und sexuelle Normierung. Krieg und Kampf sind in Foucaults "Verteidigung der Gesellschaft" die fast ubiquitären Prinzipien. Kein neuer Foucault tritt uns hier entgegen, sondern ein vertrauter.

Foucaults Methode, seine Historiographie (oder besser "Archäologie"), ist in jüngster Zeit wieder verstärkt kritisiert und diskutiert worden. Seit Mitte der 90er Jahre kann Foucault geradezu als "Sorgenkind der deutschen Historiker" (Franziska Augstein) bezeichnet werden. Erst haben sie ihn ignoriert, dann modisch paraphrasiert, und jetzt schicken sie sich an, ihn mit Quellenstudien ad absurdum zu führen. Hans-Ulrich Wehler, Bielefelder Historiker, will Foucault zweimal komplett gelesen haben, bevor er ihm zu nahe trat. Freilich, Wehlers historische Sozialwissenschaft und Foucaults historische Archäologie können sich nicht verstehen. Sie provozieren Ressentiments, wie sie Wehler in seinem Buch "Die Herausforderung der Kulturgeschichte" immer wieder unterlaufen, einen häßlichen Voyeurismus, den Wehler uns und sich besser erspart hätte. Denn Wehler wäre ohne Foucault gar nicht denkbar. Die französische Schule erst hat begreiflich gemacht, wie sich am Ende des 17. Jahrhunderts ein neues Subjekt in der Geschichte manifestierte, die Gesellschaft, "die das Wort in der Geschichte ergreift und sich zur Nation formiert". Foucaults Ansatz geht auf eine Tradition zurück, die den Historismus, der bis in die Nachkriegszeit hinein die Geschichtswissenschaften lähmte, erst zu bannen vermocht hat. Dieser Tradition erst gelang es, das moderne Subjekt der Geschichte für die sozialgeschichtliche Forschung zu öffnen. Auch das war ein Kampf, der quer durch die Institutionen ausgefochten werden mußte. Wehler hat sich wacker geschlagen, in Unkenntnis offenbar von Foucaults Werk, in unerkannter Abhängigkeit.

Titelbild

Hans-Ulrich Wehler: Die Herausforderung der Kulturgeschichte.
Verlag C. H. Beck, München 1998.
160 Seiten, 10,10 EUR.
ISBN-10: 3406420761

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Titelbild

Michel Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am College de France (1975-1976).
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
350 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3518410687

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