Ende gut. Alles Goethe

Ein Sammelband über Goethes Kritiker

Von Frauke NowakRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frauke Nowak

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie betreibt man Goethepolitik? Man veranstaltet eine Ringvorlesung an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität unter dem Stichwort "Goethes Kritiker" und veröffentlicht anschließend einen Sammelband.

Trotz der eindeutigen Umschlagabbildung des Bandes und trotz des Vorwortes - auf beide komme ich zum Schluss meiner Rezension zu sprechen - habe ich mir den Band näher angesehen. Zwölf chronologisch geordnete Beiträge beginnen mit Goethes literarischem Ruhm und reichen bis in die Gegenwart. Behandelt werden Lichtenberg (Spätaufklärung), Fr. Schlegel und Novalis (Romantik), als weitere Zeitgenossen Goethes: Kleist, Heine, die Eheleute Varnhagen. Fontane wird als exemplarischer Vertreter des 19. Jahrhunderts dargestellt. Die zweite Hälfte der Beiträge ist dem 20. Jahrhundert vorbehalten: Thomas Mann, Heidegger, Arno Schmidt, Hans Blumenberg, siehe da: Eckhard Henscheid, und dem US-amerikanischen Historiker W. Daniel Wilson, der den politisch aktiven Goethe, das Regierungsmitglied, den Minister Goethe mit gesundem Misstrauen und umfassender archivarischer Kleinarbeit aufarbeitet. Ausgewählt wurden ausschließlich Kritiker - bis auf Rahel Varnhagen, die als Goetheanhängerin dargestellt wird, die ihren respektlosen, jüngeren Ehemann auf den "rechten" Weg der Goethe-Rezeption weist.

Lichtenbergs ablehnender Reaktion auf den "Werther" wird in einem soliden Beitrag von Gerhard Neumann genauer nachgespürt. Dabei verteidigt Neumann aus der Perspektive der "Heutigen" die Leitformeln des Wertherschen Bildungsweges in ihrer von Goethe bewusst konstruierten Aporie gegen die vehemente Kritik Lichtenbergs. Es wird zwar deutlich, warum dem Spätaufklärer die religiöse Aufladung menschlicher Sinnlichkeit und eine damit verbundene 'empfindsame' Bildungsidee zeitlebens zuwider bleibt. Bei Neumann erscheint Goethe jedoch als noch immer interessanter Vordenker der modernen Individualität und Subjektivität. Lichtenbergs Kritik bekommt die dienende Rolle eines "Brennspiegels", die "den kulturellen Konflikt, welcher der Geburt unserer Moderne und ihrer Konstruktion von Individualität zugrunde liegt", exemplarisch verdichtet.

Hendrik Birus' Artikel ist inmitten der Auseinandersetzung um die Romantik situiert. Er rekonstruiert die zunächst positive, dann jedoch ablehnende Bewertung des "Wilhelm Meister" durch Fr. Schlegel und Novalis. Während Novalis Ende 1799 tatsächlich einen eklatanten Wechsel hin zu schärfster Kritik vollzieht, etabliert sich Schlegel aus der Sicht germanistischer Tradition mit seiner berühmten "Charakteristik" des "Wilhelm Meister" zunächst als einer der ersten ernstzunehmenden "literarischen Kritiker". Indem Birus den Doppelsinn der vordergründig bejahenden und positiven Meister-"Charakteristik" noch einmal gemeinsam mit den erst später publizierten prinzipiellen Einwänden Schlegels darstellt, gibt er einen detaillierten Einblick in den nicht allein ästhetisch motivierten Kritikansatz der Romantik an Goethe.

Der Beitrag von Erich Meuthen gehört in den Themenbereich um Kleists literarische Gegnerschaft zu Goethe. Diese wird am Beispiel des Konzepts der "schönen Seele" ästhetisch verortet. Meuthen versucht, die verdrängte rhetorische Dimension der idealistischen Ästhetik am Beispiel dieses Prestige-Begriffs zu entfalten und so zu einem einheitlichen Interpretationskonzept der "Iphigenie", der "Penthesilea" und des "Käthchen von Heilbronn" zu gelangen. Aus dieser Perspektive scheitert mit "Iphigenie" gewissermaßen auch die idealistische Ästhetik, im Hinblick auf die "Penthesilea" wird sie aber dadurch, dass Penthesilea als schöne Seele gelesen wird, in ihrer Konzeption wieder bestätigt. Die massive, vielschichtige und theoretisch anspruchsvolle Kritik Kleists an Goethe verliert sich in einer unkritischen Begriffsspielerei mit rhetorischen und ästhetischen Begrifflichkeiten und wird - durch den Wissenschaftler unkenntlich gemacht - entschärft.

Als einer der weiteren "prominentesten Kritiker Goethes" kommt Heinrich Heine in einem Beitrag von Günter Häntzschel zur Darstellung. Dieser Beitrag entspricht in seiner devoten Haltung vielleicht am direktesten den im Vorwort genannten Intentionen der Herausgeber. Wenn Heine Goethe verteidigt als jemanden, an dem "(s)pätere Zeiten [...] noch vieles [...] entdecken (werden), wovon wir jetzt keine Ahnung haben", so liest Häntzschel dies als klarsichtige Vorwegnahme einer später nachfolgenden wissenschaftlich fundierten Hochschätzung für Goethes Person und Werk: "(D)ie Hinwendung zu einer historisch-kritischen Position hat sich bei Heine schon vorher eingestellt." Heines Verdienst sei, "eine übergeordnete Perspektive (einzunehmen), Goethe in größeren Zusammenhängen (zu rezipieren) und neue Beurteilungskriterien (anzuwenden)." Häntzschel freut sich über das Fundament für ein "progressive(s) Bild Goethes und zugleich der deutschen Klassik", das Heine in dem "Schulstreit zwischen Klassik und Romantik" (Birus) legt. Unter dem Stichwort "Abtrennung der Kunst von der Wirklichkeit" kritisiert Heine zwar mit den "Goetheanern" auch den Urheber dieser "Verkultung" und spricht in diesem Sinne auch vom Ende einer "Kunst"-periode. Häntzschel jedoch lässt sich nicht ernsthaft auf diese Kritik ein. Goethes Werk bekommt aus der Sicht dieses Wissenschaftlers den Status des notwendigen Vorbildes zugewiesen. Im Sinne der Interpretation eines Aufeinandertreffens zweier "gegensätzlicher Naturen" kann sich das Heinesche Werk neben Goethe behaupten, hat aber einfach einen anderen "Charakter". -

Nach einem Beitrag von Konrad Feilchenfeldt zum Goethe-Kult des Ehepaars Varnhagen (Instrumentalisierung Goethes als Mittelsmann und Medium des Paares, Initiation der Goethe-Gemeinde, Goethe als Sozialisationsfaktor für Deutschland, subjektivistische Goethelektüre als 'Kunst der Interpretation'), bildet der Text zu Fontane den Brückentext zwischen Goethes Zeitgenossen und dem 20. Jahrhundert. In Fontanes Haltung zu Goethe spiegelt Walter Hettche die divergierenden Rezeptionsformen des 19. Jahrhunderts. Fontanes scharfe Ablehnung der bildungsbürgerlichen, kulturnationalen Vereinnahmung steht dabei im Kontrast zu seiner "stillen Goethe-Lektüre, die die Literatur als schützenden Fluchtraum vor den Widrigkeiten des Lebens versteht [...]. Als Goethe-Kritiker im eigentlichen Sinn kann man Fontane kaum bezeichnen, wenn man Goethe-Kritik als Kritik am Dichter und seinem Werk versteht. Die hat Fontane zwar auch geübt, aber weit mehr ist er doch ein Kritiker der Goethe-Rezeption seiner Zeit gewesen."

Alle diese Beiträge tasten den "kulturellen Status" Goethes gewissermaßen nicht an. Ob dies für das 20. Jahrhundert gelingen wird? Bevor ich zum numerisch zweiten Teil der Beiträge komme, möchte ich an dieser Stelle eine inhaltliche Einteilung des Bandes unternehmen. Der überwiegende Teil der Beiträge beschäftigt sich mit Männern, die literarisch-schriftstellerisch gearbeitet haben bzw. arbeiten (Henscheid) und auch auf dieser Ebene, der literarisch-schriftstellerischen, eine Auseinandersetzung mit Goethe und seinem Werk gesucht haben: entweder im Hinblick auf ihr eigenes Dasein als Schriftsteller oder im Hinblick darauf, dass sie eine Position zu konkreten Goetheschen Werken einnehmen. Dieser Vorrang einer literarischen Herangehensweise gilt auch für Thomas Mann, der in dem Beitrag von Wolfgang Frühwald als politischer Literat inszeniert wird. Im Goethejahr 1932 tritt Mann als emsiger Kämpfer für einen "europäischen", "friedlichen", "humanen" und "bürgerlichen" Goethe auf, gegen die - wie Frühwald schreibt - "deutschnationalen", "kriegerischen" und "germanisch-kampfgierigen" Entfacher eines "Weltenbrand(es), wie ihn die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte." Frühwald sieht Manns "literarisch-intellektualistische Dekadenzgeste" (die einhergeht mit einem aus Einsicht in das schwache Menschenlos "sittlichen Benehmen" (Mann)) in den real inszenierten Untergängen der Nazis, ihrer "Realpolitik" unterliegen. Es scheint, als hätte man einfach damals mehr auf Mann, auf Goethe, hören sollen, um "Weltenbrand", Unheil, Holocaust zu vermeiden.

Zwei Beiträge (zu Blumenberg und Wilson) beschäftigen sich mit Kritikern, die eine dezidiert philosophische bzw. wissenschaftshistorische (Wilson) Frage in der Auseinandersetzung mit Goethes Person und Werk verfolgen. Natürlich ist die philosophische Dimension gewissermaßen nie ausgeschlossen, jede Auseinandersetzung impliziert philosophische Positionen. Jedoch zieht die historische Ausdifferenzierung und Institutionalisierung der Wissenschaftsdisziplinen eine grundsätzliche Veränderung der Herangehensweise nach sich. Die akademische Gemengelage Lichtenbergs als Naturwissenschaftler, Philosoph, Literat trifft weder für Blumenberg noch für Daniel Wilson zu, die als Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts mit ihren Publikationen unbestritten akademischen Fachrichtungen zuzuordnen sind. Blumenbergs Interesse richtet sich auf Goethes eigentümliche Dämonisierung des Todes, dessen obstinate Abwehr ("den Tod [...] statuiere ich nicht") und seine gleichzeitige Selbstvergottung als Prometheus. Goethes Realitätsverweigerung findet einen scharfsichtigen und intelligenten Interpreten: "Goethe verleugnet als wunden Punkt, was Blumenberg als conditio humana anerkennt." Ethel Matala de Mazza spannender Beitrag zeigt, wie "Blumenberg [...] eine Art kritischer Mythologie [betreibt], die Goethes Arbeit am eigenen Mythos analysiert und entmythisiert. Die Auseinandersetzung mit dem Mythos Goethe gestaltet sich als Rekonstruktion und Dekonstruktion zugleich." - W. Daniel Wilson wird von Hartmut Reinhardt als gnadenloser "Ermittler" inszeniert, als schnüfflerischer Detektiv, der Goetheforschung mit eigentlich fachfremden Fragen aus dem Bereich der eigentlich unangebrachten "political correctness" betreibt. Wilsons Antworten zu den Fragen nach dem politisch aktiven Goethe können von dem Ermittler Hartmut Reinhardt wissenschaftlich nicht disqualifiziert werden, aber wir haben ja noch Goethe selbst: "Seine [Wilsons, F.N.] Leistungen in der historischen Materialforschung bleiben unanfechtbar, wobei die biographische und politikgeschichtliche Ausrichtung auf Kosten der ästhetischen Wahrnehmung dominiert. Doch Einseitigkeiten dieser Art gehören zu den "Grenzen der Menschheit", um die nicht zuletzt Goethe selbst gewusst hat." Reinhardts Beitrag beendet den Band - warum ich diesen Beitrag in seiner Ausrichtung für den ärgerlichsten halte, wird vielleicht im Folgenden deutlich.

Heidegger gehört nicht in die Reihe derjenigen Wissenschaftler, deren Publikationen zu einer in Demokratie institutionalisierten Universität gehören. Seine Auseinandersetzung mit Goethe wird in ihrer brutalen politischen Dimension in einem exzellenten Beitrag von Clemens Pornschlegel aufgearbeitet, den ich für den erfreulichsten und wichtigsten Beitrag des Bandes halte.

Dieser Beitrag gibt meiner Ansicht nach die einzige ernsthafte Antwort auf die von den Herausgebern im Vorwort formulierte Frage nach dem heutigen Umgang mit Goethe.

Pornschlegel untersucht in seinem Beitrag sparsame, "beiläufige" Aussagen Heideggers zu Goethe. "Versgehüpfe, Reimgeklingel, Singsang. Heideggers Auseinandersetzung mit Goethe" lautet der etwas irreführende Titel seines Aufsatzes. Irreführend deshalb, weil Umschlag und Vorwort des Sammelbandes nahe legen, es könne sich um das "gerade-Rücken" eines verfehlten Umgangs von Heidegger mit Goethe handeln. Etwa so, als habe Heidegger die Goetheschen Werke, ihre Ästhetik und Qualität aus Verblendung oder Desinteresse nicht begriffen und verfehle deshalb den wesentlichen Teil dessen, was Goethe uns Nachgeborenen zu bieten hat. Weit gefehlt. Pornschlegel rekonstruiert aufmerksam, sorgfältig und elegant eine Auseinandersetzung um "große" deutsche Denktraditionen und bringt Begriffe ins Spiel, die Vergangenheit und Gegenwart bestimmen.

"In Heideggers Auseinandersetzung mit Goethe geht es nicht um philologische Details, nicht um Werkdeutungen und Lesarten. Umso offenkundiger und grundsätzlicher geht es um den Status des Namens 'Goethe', das heißt, um das richtige Emblem und um den richtigen Namen des kulturellen Bezugspunkts der Deutschen. Mit Heideggers Verschweigen und Nennen des Namens 'Goethe' steht nichts Geringeres auf dem Spiel als die Frage nach der dichterischen Referenz der Nation, die Frage nach dem wahren Vorzeige-Spiegel deutscher Identität." Und hier gilt zunächst, dass Hölderlin Goethe vorzuziehen ist: "weil er nämlich 'das deutsche Seyn am weitesten hinaus- und vorausgeworfen' habe. [...] Hölderlin - nicht Goethe - ist der Vorsager und Schöpfer der deutschen Welt, und zwar deswegen, weil er die große Zeitenwende, den Neu-Anfang der Götter vorausgedichtet habe. In ihm fänden die Deutschen endlich zu ihrer weltgeschichtlichen Bestimmung, zu ihrer, wie Heidegger unablässig wiederholt, 'deutsch-griechischen Sendung'." Damit verbindet sich gleichzeitig der Versuch, die "behagliche Kulturimmanenz aufzusprengen und eine Goldschnitt-Klassik in die Luft zu jagen, die keine Antworten mehr gibt. Sie war und ist keine Wiederholung der anfänglichen Griechen, sondern Weimarer Prinzessinen-Klatsch oder Stoff für lungenkranke Sanatoriumskonversation." Pornschlegel rekonstruiert nun, was dahinter steckt, "wenn Heidegger 1950 an Hannah Arendt schreibt, er lerne mit der Zeit Goethe verstehen, wenn er ab 1955 seine Gedankengänge mit Goethemaximen schmückt und kein einziges Wort mehr über seine früheren Verurteilungen verliert, also kein Wort mehr zu den Versuchen, 'Kultur' und 'Bildung' zu verabschieden". Einerseits fällt diese Umorientierung exakt zusammen mit Heideggers eigener 'politischer Zäsur', dem Wechsel von "kulturrevolutionäre(r) Aufbruchsstimmung [...] (zu) trotzig-gelassene(r) Verwindung desselben 'Aufbruchs'": "Die Weimarer Stunde schlägt in Todtnauberg genau dann, wenn Deutschland, wie zu seligen Xenienzeiten, als souveräne Nation wieder einmal verschwunden ist, nur vorhanden in den heilig stillen Herzensräumen seiner Dichtung."

Ein 'deutsches' (somit nicht nur: Heideggerisches) Problem ergibt sich deshalb, weil es einen Zusammenhang zwischen der Konzeption des Goetheschen "Weltbürgertums", der Konzeption von "Humanität" und "Kultur" und dem abstrakt-verherrlichenden antisemitischen Deutsch-Nationalismus gibt. Anders gesagt: das Heideggersche Problem ist ein deutsches Problem - und Goethe ist nicht die Lösung. Der um 1800 entstandene deutsche Kulturnationalismus fungiert "zugleich als Ersatz und Transzendenz einer territorial konstituierten Staatsnation" und weist der Figur des Dichters als Repräsentant eines spirituellen Imperiums genau die Rolle zu, die Hölderlin ab etwa 1910 bekommt. Die Problematik einer kultisch-religiösen Aufladung eines geistigen, kulturellen Bezugssystems jenseits der Niederungen der profanen Politik entsteht mit Schillers, mit Goethes "Hilfe" um 1800. Die "Kultur", und zwar die von Goethe und Schiller, war "insgeheim je schon kultisch aufgeladen [...]. Es saß nämlich ein reichstheologischer Zwerg in ihr, der die Deutschen, aufgrund der translato imperii von 1800, zu den unvordenklichen Trägern der religio genau dieses Reiches, zu geistigen Weltbeherrschern bestimmt hatte. Und er hatte sie eben nicht zu einem Volk werden lassen, das sich die res publica zu Eigen gemacht und sich durch das politische Handeln seiner Mitglieder definiert hätte." Das Weltbürgertum, das Goethe entwirft, sein supra-nationaler Kosmos etwa in den "Wanderjahren" schließt die moderne Staatlichkeit mit Parteibildung und Mehrheitsverhältnissen aus. "[D]ie 'Cultur'- und Bildungs-Räume der deutschen Dichtung [waren] seit 1800 immer auch dazu da [...], den Traum von der Wiederkehr des alten Reiches und seiner über-staatlichen Einheit - ob Welt, Abendland oder Europa - zu bewahren und weiterzutragen, kurz, [...] die deutsche Dichtung [war] - neben der Philosophie - stets auch die Erbin dieser imperialen Ideologie [...]. Humanität und Interesse an der politischen Neu-Ordnung Deutschlands schlossen sich gegenseitig aus. 'Jeder verrichte sein Amt, jeder tue seine Pflicht', beschied Goethe den Revolutionären."

Die nach 1945 stattfindende eilige Besinnung der Deutschen auf die Humanität, Bildung, Kultur und das Weltbürgertum "unserer Klassiker" funktioniert nicht und niemals. Sie ignoriert den inneren Zusammenhang zwischen Kulturnationalismus und kultischer Bestimmung der Nation. "Der kultische Nationalismus nach 1910 wird [...] als die Wiederkehr des seinerzeit in die Kultur Verdrängten lesbar, als Wiederkehr genau jener das Welt-Reich tragenden Religion nämlich, die in Bildung und Wissenschaft vorübergehend ausgelagert worden war und die dann im schlechthin unübersetzbaren, deutschen Präfix "Welt-" Karriere machte: als Weltliteratur, Weltgeschichte, Weltstadt, Weltgeist." 'Welt' aber, dieser Goethesche Tick (H.J.Schrimpf), ist "nur ein anderer Name für das in Geschichte, Kulturentwicklung, zuletzt dann in die Abfolge der Klassenkämpfe übertragene eine Welt-Reich, für die neue Ökumene, die vornehmlich den Deutschen zu denken und zu dichten aufgegeben ist, jenseits aller Politik. 'Welt' war [...] nur ein anderer Name [...] für die deutsche Unfähigkeit, eine etwas beschränktere territoriale Souveränität und moderne politische Institutionen auszubilden."

Der Aufsatz von Pornschlegel ist deshalb wichtig, weil er nicht davor zurückschreckt, der eigenen wissenschaftlichen Arbeit einen im guten Sinne "aktuellen" Sinn zu geben. Mit der kulturphilosophischen Einordnung von Goethe als deutsches Emblem mischt er sich in den Prozess einer öffentlichen Meinungsbildung vehement ein: "Dass die a-politische Humanitätskultur und der neo-mythologische Seinskult zwei Seiten ein und derselben Weigerung waren, das Reich und seine Verheißung zu verabschieden, dass beide dazu beigetragen haben, dass die politischen deutschen Wirren derart unzivilisiert ausfielen, wie sie zuletzt ausgefallen sind, wäre also die schwierige, andere Lektion. Sie ist zwar seit Erich Auerbachs Bemerkungen zu Goethe nicht sonderlich neu, dennoch aber wert, wiederholt zu werden. Denn beide, Humanitätskultur und Seinskult, klammern den institutionalisierten Streit um die Macht aus ihrer Welt aus."

Sein Plädoyer lautet, an den französischen Goetheforscher Jean-Pierre Lefebvre anschließend, auf einen historisch distanzierten, entmystifizierten und interessierten Umgang mit Goethe - und zwar nicht deshalb, weil der historische Goethe als politische Person irgendwie Dreck am Stecken hat (siehe Reinhardts Beitrag zu D. Wilson).

Pornschlegels Beitrag formuliert einen Standard historischer Reflexion, den die anderen Beiträge nicht erreichen und meine Empfehlung geht dahin, seinen Beitrag als argumentatives Zentrum des Sammelbandes zu begreifen. Deutlich wird mit diesem Beitrag: es gibt keinen "eigentlichen" Goethe jenseits von Vereinnahmungen, auf den man sich als FachwissenschaftlerIn heute beziehen könnte. Dies wird - allerdings auf etwas andere Weise - auch bei Eckhard Henscheid deutlich, dessen Interesse einerseits dem unvollkommenen Goethe gilt und dessen "Spielereien" mit Goethes Person und Werk von Sven Hanuschek dargestellt werden.

Goethe hat als Name und Werk einen fragwürdigen Status in der deutschen Geschichte und (immer wieder in der) Gegenwart, der durch Pornschlegels Beitrag präzise herausgearbeitet wird und durch die Ergebnisse der übrigen Beiträge direkt und indirekt unterstützt wird.

Pornschlegel macht gleichzeitig deutlich, warum es sich für Fachwissenschaftler lohnt, um anderes als um diesen fragwürdigen Status zu streiten. Und damit komme ich zur eigentlichen Konzeption des Bandes, die aus der Umschlagabbildung ebenso herauszusehen ist wie aus dem Vorwort der Herausgeber herauszulesen.

Die Herausgeber Karl Eibl und Bernd Scheffer betonen im Vorwort, die Auswahl der Beiträge erhebe keinen Anspruch "weder auf Systematik noch gar auf Vollständigkeit". Die Beiträge sind auf den ersten Blick tatsächlich sehr heterogen, was den Blickwinkel der Auseinandersetzung und Darstellung angeht. Aber geht es den Herausgebern wirklich um einen losen historischen Überblick über einige beliebige kritische Stimmen zu Goethes Person und Werk?

Mit dem Verweis auf die unvollständige Nicht-Systematik, durch die scheinbare Heterogenität der Beiträge unterstützt, soll deutlich werden: Es gibt viele verschiedene Versuche, Goethe (den Einen) zu kritisieren. Dabei geht es nicht um Goethe, "es geht um den Streit um Goethe, um die Geltung eines noch immer als klassisch eingestuften Nationalautors und den Umgang mit ihm." Die fragwürdige Frage nach der Geltung von Goethe als "Nationalautor" wird auf eine Weise angesprochen, als besäße sie nicht nur aktuelle Relevanz, sondern als könne sie unter Umständen auch bejahend beantwortet werden. Der Verweis auf das Niveau der Kritiker folgt: "Goethes Kritiker, wie sie in diesem Band versammelt sind, markieren Positionen des Streits um Goethe. Deshalb konnten wir die schnellen Verurteiler ebenso wenig brauchen wie die blinden Verehrer." Signalisiert wird: Wir haben es hier mit anspruchsvoller Kritik zu tun. Da jedoch diese "Ansprüche" an die Kritik an Goethe nicht genauer expliziert werden - die Herausgeber stellen sich, man glaubt es kaum, ein "Sowohl-Als-Auch, [...] [ein] Einerseits-Andererseits, [...] ein Ja-aber oder [...] Nein-aber" vor -, sieht sich die Leserin einerseits der willkürlichen Auswahl der Kritiker und andererseits der jeweiligen Darstellung durch die Autoren der Beiträge ausgeliefert. Das Renommée der öffentlich veranstalteten Ringvorlesung trägt dann zur Normbildung bei. So suggeriert der Band: Dies sind die relevanten Positionen des Streits um Goethe. Damit lässt sich der Verweis auf die "Nichtsystematik" getrost als rhetorische Geste verbuchen.

Vor allem aber wird versucht, einen letztlich emotionalen Umgang mit Goethe zu institutionalisieren: "Wichtig" waren den Herausgebern die "'Wohlwollenden', die gleichwohl ihr Unbehagen nicht unterdrücken konnten, und die 'Mißwollenden', die gleichwohl sich zum Respekt gezwungen sahen." Differenzierte Emotionalität als das gemeinsame Stichwort, unter dem Kritiker versammelt werden? Diese Kategorie lässt sich - wenn kritisch darstellbar - in ihren Aussagen jedoch letztlich nicht kritisieren; Emotionen sind bekanntlich nicht kritisierbar. Im Vorwort wird sie zum Maßstab der Auswahl der Beiträge gemacht. In einem Kampf Mann gegen Mann - Kritiker gegen Goethe. Leider haben sich einige Autoren tatsächlich auf diesen fragwürdigen argumentativen Rahmen eingelassen, anstatt die doppelte Ebene der Auseinandersetzung - einerseits der Kritiker, der sich mit Goethe auseinandersetzt, zweitens: der Autor des Beitrags, der sich wiederum mit der Auseinandersetzung des Kritikers auseinandersetzt - genau zu reflektieren.

Hans-Edwin Friedrich beginnt seinen Beitrag zu Arno Schmidt mit einem humoristischen Gestus, der Schmidt als unbeugsamen Gallier im Kampf gegen eine übermächtige Schar von Goethebefürwortern auftreten lässt - ein kleines, witzig-spitzfindiges Asterixmännchen "von beeindruckender Chuzpe", der gegen die drögen Goethekultiker des Nachkriegsdeutschlands kämpft und sich mit der Abwendung von Goethe seine eigene "Geburtsurkunde des Schriftstellers Schmidt konstruiert". Der humoristische Gestus lässt sich aber weder von der Sachlage (siehe Pornschlegel) noch der Darstellung her rechtfertigen. Friedrichs distanziert-humoristischer Gestus löst sich im Verlauf seiner Darstellung in Nichts auf. Stattdessen freut er sich mit dem Leser darüber, dass Arno Schmidt in seinen späteren Jahren zu einer "Klärung" seines Verhältnisses zu Goethe findet. Diese "Klärung" besteht im wesentlichen darin, die literarische Größe Goethes trotz ihrer vorher kritisierten "Weltflucht" anzuerkennen und für sich als kanonisierender Schriftsteller Wege zu finden, den gleichen Rang einzufordern und zu erreichen. "Differenzpunkte (werden) eingeebnet zu Meinungsverschiedenheiten zweier Gleichgesinnter" - eine späte Versöhnung findet trotz aller Vorbehalte statt. Friedrich nimmt als Wissenschaftler eine gönnerhafte Rolle ein, der die Kritik eines aufbegehrenden und ehrgeizigen Jungschriftstellers darstellt, der mit den Jahren einen Weg findet, seinen Frieden mit dem großen Meister zu machen. Wissenschaftler als gönnerhafte Besserwisser, die das Konzept Goethes literarischer Größe (und alles was damit gesellschaftlich zusammenhängt) mit keinem Wort hinterfragen?

Genau dies ist der Knackpunkt der gesamten Auseinandersetzung. Wie geht man mit Goethe um? heißt nicht nur: wie ist da jemand umgegangen? sondern auch: wie gehe ich, der (Literatur)wissenschaftler, nun wiederum damit um? Dass es nach dem Willen der Herausgeber dabei letztlich um die Festigung des Goetheschen Denkmals geht und die Kritik an Goethe so eine genaue Funktion bekommt, wird schon durch die Umschlagabbildung sichtbar:

Dort finden sich nicht etwa Abbildungen der Kritiker, sondern der Meister selbst. Wir sehen den späten Goethe grauhaarig, ernsten Blickes als gut ausgeleuchtete Person in einem dunklen Zimmer vor uns. Seine Arme sind hinter dem Rücken verborgen, er ist mit Hausmantel und Schal bekleidet, aufrecht und frontal steht er da und blickt uns an. Sein Kopf ist leicht nach rechts gedreht, so dass sein Blick, durch die leichte Drehung des Kopfes verursacht, aus den Augenwinkeln skeptisch und prüfend auf den Betrachter trifft. Außerdem bekommt dadurch Goethes Antlitz gewissermaßen Profil. - Hinter dem stehenden Goethe befindet sich an der rückwärtigen Wand des Raumes ein großer Holzrahmen. Dieser umrahmt aus dem Bildhintergrund Portrait und Büste des Mannes, der de facto einige Schritte davor, lebendig, im Zimmer steht: noch nicht im Rahmen und dennoch gerahmt.

Um diesen Mann geht es: würdig, abwartend wirkt Goethe, alt, aber in tadelloser klassisch-dynamischer Haltung mit Standbein und Spielbein. Die Darstellung strotzt aufgrund dieser Details vor Vitalität, der Titel des Gemäldes: "Goethe im Arbeitszimmer, seinem Schreiber John diktierend", von 1829/31 weist zusätzlich darauf hin. Geistige Schaffenskraft, Produktivität bis ins hohe Alter, das ist Goethe - als Mensch, als Mann, als Persönlichkeit. Wir sehen Goethe vor uns - und nun kommen die Kritiker.

Der Titel und die Umschlagabbildung geben die Richtung vor: hier wird zwar mit "nein, aber" und "sowohl-als-auch" operiert. Letztlich jedoch rennen namenlose Scharen gegen Einen, der sehenden Auges unerschütterlich steht und die Kritik aushält. Wie lautet der letzte Satz des Sammelbandes so schön? "[...] Goethe hält es aus". Unser Goethe, dieses Bild von einem Mann, es bleibt trotz aller Kritiker.

Wie gesagt: ein Band, mit dem Goethepolitik betrieben wird.

Titelbild

Karl Eibl / Bernd Scheffer (Hg.): Goethes Kritiker.
Mentis Verlag, Paderborn 2001.
208 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-10: 3897851431

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