Ein Brief an den Verlag

In seinem neuen Roman "Durst" nimmt sich Michael Kumpfmüller eines unerhörten Themas an

Von Gunnar KaiserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gunnar Kaiser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lieber Verlag, leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich mich außerstande sehe, eine Besprechung des Romans "Durst" Ihres Autors Michael Kumpfmüller zu verfassen. Kaum nämlich, dass ich beim Lesen über die ersten fünfzig Seiten hinausgekommen bin. Gelesen habe ich ihn zwar, auch ein zweites Mal, aber auch noch etwas über dieses Werk zu schreiben ist mir unmöglich. Dabei liegt es - verstehen Sie mich recht - beileibe nicht an der Sprache, der bisweilen kühlen, bisweilen anteilnehmenden Diktion, dem ästhetisch aufgeladenen Protokollstil, der gleich einen ganzen Katalog literarischer Stammväter heraufbeschwört, dass ich vor weiterer Auseinandersetzung zurückschrecke. Auch nicht das schaurig-verkitschte Bild, das Sie dem Cover verpasst haben, ist es, was mich von eingehender Beschäftigung mit diesen 200 Seiten abhält. Es ist allein das Thema, der Inhalt, die Geschichte, die Kumpfmüller zu erzählen wagt: Eine Frau (wir erfahren ihren Namen, aber der scheint nur wie ein zu weiter Mantel um sie herumzuhängen) geht für ein paar Tage ihres Lebens außer Haus, sie geht nicht weit, lebt "immer knapp unter der Oberfläche ihrer Erschöpfung" ein anderes Leben oder versucht es zumindest, zieht von Liebhaber zu Liebhaber, von Wohnung zu Wohnung, vom Einkaufszentrum zum Waldsee, versucht sich neu zu erfinden, und das wäre ja auch sehr in Ordnung, wir wünschten ihr viel Erfolg dabei, wäre da nicht dieses eine Detail, das alles ins Wanken bringt. Sie ist Mutter, alleinerziehend, Anfang zwanzig, und ihre beiden Söhne, drei und vier Jahre alt, hat sie in einem Tobsuchtsanfall ins Kinderzimmer gesperrt, wo sie nun elendig verrecken müssen.

Das sagt der Erzähler, dieser immer um einen klaren Kopf bemühte Alleswisser, natürlich nicht so. Das Schicksal der Kinder bleibt stets im Hintergrund, und da brummt es leise, aber vernehmbar unter der Geschichte der Frau hinweg, nur an einigen Stellen bricht der Schmerz, die Gewissheit hervor. Alles, was wir über die Frau erfahren, ihre verzweifelte Suche nach etwas anderem, nach Männern, nach Geld, ihr Wille, etwas loszuwerden, es wegzuwerfen, ihr Faible für Kuscheltiere, alles wird unterspült von unserer Ahnung dessen, was da passieren mag - nur ein paar Hundert Meter weiter weg in der abgeschlossenen Mietswohnung der Frau.

Wir gehen mit ihr mit, begleiten sie auf ihrer unbeholfenen Flucht, weil wir nicht von der Strömung weggerissen werden wollen. Wir lesen weiter, weil wir uns nicht mehr trauen, anzuhalten, weil das hieße, nachzudenken. Peter Handke hatte 1976 seiner Erzählung "Die linkshändige Frau", die als fernes, negatives Vorbild für Kumpfmüllers Frauengeschichte gelten kann, ein Motto aus Goethes "Wahlverwandtschaften" nachgestellt: "So setzen alle zusammen, jeder auf seine Weise, das tägliche Leben fort, mit und ohne Nachdenken; alles scheint seinen gewöhnlichen Gang zu gehen, wie man auch in ungeheuren Fällen, wo alles auf dem Spiele steht, noch immer so fort lebt, als wenn von nichts die Rede wäre." - Als wenn von nichts die Rede wäre: so lebt auch die Frau in "Durst" immer so fort. Dann und wann denkt sie an ihre Kinder, will zu ihnen gehen, nach zwei Tagen, nach acht Tagen, schließlich nach 13 langen und dumpfen Tagen, mit dem guten Vorsatz, den "Bälgern" zu verzeihen - "als wäre irgendein Leben doch möglich", wie der Erzähler sagt.

Wir, die halb willig, halb unwillig mitgezerrten Leser, ertappen uns beim Lesen dabei, nach Auswegen in der Geschichte zu forschen, nach Gründen, warum es doch so eigentlich nicht sein könne, warum es gar nicht möglich sei, dass eine Frau, eine Mutter ..., jemand könne doch auf das Geschrei der Kinder aufmerksam geworden sein, oder vielleicht haben sich die beiden schon selbst befreit und sind längst in Sicherheit, während wir, die Leser, noch fürchten müssen, das Schlimmste könnte passieren. Aber das passiert am Ende auch, kein Ausweg, keine Flucht, nirgends.

Mit Fluchten scheint es Ihr Autor ja sowieso zu haben. Und tatsächlich ähnelt sein zweites Buch dem Debüt, dem gefeierten Roman "Hampels Fluchten", in vielen Aspekten, wenn es von diesem auch so denkbar verschieden ist, dass beides kaum vom selben Verfasser zu sein scheint. Wie Heinrich Hampel damals geht auch jetzt in "Durst" ein Mensch über die Grenze, flieht vor dem, was ihn bindet, vor Verpflichtung und Verantwortung. Das ist ja das Schreckliche an diesem Roman, dass da jemand behauptet, ganz tief in uns drinnen sei es so düster und seien wir so schwach und angstvoll, dass wir alle Verantwortung von uns schieben wollten. Und dass da eine Geschichte von jemandem erzählt wird, der auf so fatale und gleichzeitig arglose Weise umsetzt, was in uns schlummert, nämlich den Wunsch, endlich wieder verantwortungslos zu sein, wie ein Kind. Und dann ist dieser Mensch auch noch eine Mutter, ein Wesen, auf dessen natürliches und angeborenes und gesteigertes Verantwortungsgefühl wir doch angewiesen sind. Michael Kumpfmüller aber lässt vor unseren Augen all diese Sicherheiten in sich zusammenbrechen, nicht gleichgültig, aber grausam.

Lieber Verlag, ich hoffe, Sie haben Verständnis für mein Unvermögen, dieses Buch zu rezensieren. Es ist eine Zumutung. Es zu empfehlen, grenzte an vorsätzliche Seelenverletzung. Ich sehe meine Kinder nicht mehr mit denselben Augen an, seitdem ich es gelesen habe. Ich frage Sie, kann ein Buch schrecklicher sein? Und doch, ich gebe zu, kann man von Literatur mehr verlangen?

Mit freundlichen Grüßen, Ihr Rezensent.

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Michael Kumpfmüller: Durst. Roman.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003.
208 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-10: 3462033166

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