Fontanes "Effi Briest" hätte Striche nötig

"Write Pro Fiction Master", das Profiprogramm für Autoren

Von Peter MeyerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Meyer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Write Pro Fiction Master" ist der Nachfolger des überaus erfolgreichen, wie der Autor Sol Stein selbst mit Verwunderung im Booklet zugibt, Vorgängers, des "Write Pro Fiction"-Programms, publiziert 1989, und dessen Grundlagenprogramm, "Write Pro Business", einem Programm zur Stilverbesserung der Geschäftskorrespondenz. "Write Pro Fiction" wurde in 38 Ländern publiziert und mit dem Star Search Award ausgezeichnet. Es vermittelt, Sol Stein zufolge, das nötige Handwerkszeug "publikationsreife Belletristik" zu schreiben, es löst Schreibblockaden und es macht Freude, "weil gut schreiben Freude macht".

Das Programm ist nach der Einleitung unterteilt in die Arbeitsbereiche Charakterisierung, Handlungsentwurf, Dialog und Feinschliff. Die angepriesene Interaktivität vermittelt sich durch so genannte "Eingabeboxen", in denen der Benutzer seine eigenen Vorschläge nach der zuvor formulierten Regel unterbringen kann. Zum Beispiel Figurennamen: Gewöhnliche Vornamen kombiniert man am besten mit ungewöhnlichen Nachnamen.

Die auf solche Eingaben reagierende Interaktion beschränkt sich jedoch auf die Nennung einiger Beispiele, zumeist bekannter oder erfolgreicher Autoren und deren Werke. Der mögliche Lerneffekt soll sich anscheinend daraus ergeben, dass diese bekannten Beispiele erst auf der nachfolgenden Seite präsentiert werden. Einen direkten Zugriff auf den Text des Users als Korrektur seitens des Programms gibt es nicht.

"Write Pro Fiction Master" zeichnet sich durch seine klaren knappen Handlungsanweisungen aus. Steins Vorstellung von Belletristik fußt auf seinen eigenen Erfahrung als Dozent für Kreatives Schreiben und Leiter verschiedenster Autorenschulungen. Kreatives Arbeiten ist für ihn machbar, erlernbar und lenkbar durch das Erlernen von Techniken. Schreiben ist Handwerk. Seine Angaben und Stilregeln stehen in der Tradition der "Creative Writing" - Ratgeber des Drehbuchschreibens. Betont wird die Gewöhnung des Lesers - als Zuschauer - an handelnde Figuren, auch im Dialog, durch Film und Fernsehen; desweiteren an bekannte Muster des standardisierten Hollywood-Films mit Protagonist und Gegenspieler, die stets auch zu Beginn zu nennen sind. Stein fordert "Drehbücher" für die einzelnen Figuren, in denen gewöhnliche oder konventionelle Eigenschaften zu vermeiden sind. Textbausteine, die dem Leser aus anderen Werken als gut oder gängig bekannt sind, dürfen ruhig Verwendung finden. Dieses Programm richtet sich an der Visualisierbarkeit einer Geschichte aus. Der viel beschriebene Vorteil der Praxisnähe seiner Tipps zielt deutlich auf die Vermarktung eines Buchs, denn "kein Leser wird Geld ausgeben, um seine Freizeit mit einem literarischen Personal zu verbringen, das nicht interessanter ist als er selbst."

Steins Ratgeber richtet sich an solche Autoren, die das bekannte Muster eines Drehbuchs, wie es zum Beispiel Syd Field in seinem Lehrbuch "Screenplay" beschreibt, oder eine Standard-Form der Belletristik, die den Anforderungen des Markts, mit Lektoren und Agenten als Erstlesern, erlernen wollen. Begreift man Kreativität nach der allgemeinen Definition eines Lexikons jedoch als die Fähigkeit vorhandene Informationen originell neu zu verarbeiten, so steht der Anspruch dieses Lehrprogramms im Widerspruch zu einer umfassender begriffenen Kreativität des Schreibprozesses. Das von ihm propagierte System erlaubt nur ein an den strengen Vorgaben des Programms ausgerichtetes Schreiben. Dies allein verursacht den schriftstellerischen Erfolg, der in erster Linie ein finanzieller ist. Mit diesem Lehrprogramm lassen sich, auf professioneller Ebene, etablierte Stilformen und Schreibweisen verbessern, jedoch lässt es keinen Raum für andere, den Regeln und Tipps entgegengesetzte Ideen, Schreibhandlungen und Sujets. Folgt man den Vorgaben dieses Schreib-Lern-Systems, so verspricht es Erfolg, wie er anhand vieler Autorennamen illustriert. Jedoch verträgt sich dieser Alleinvertretungsanspruch des Wissens, wie Literatur zu machen sei, nicht mit origineller Kreativität, die Bekanntes neu zusammensetzt, ändert oder gar Neues erfindet, indem sie Grenzen überschreitet. Hier wird gelehrt, wie der Schreibende in den Vorraussetzungen des Markts richtig agiert, jedoch ahmt er damit nur die bereits bekannten Strukturen zu verfassender Texte nach. Da bleibt kein Raum für das Erfinden, sondern nur für das Erfüllen.

Da man laut Sol Stein mit dem Auftritt des Helden beginnt, wäre der Beginn von "Effi Briest", da Fontane seine Hauptfigur erst auf Seite drei in Erscheinung treten lässt, im Sinne dieses Programms, um nur ein Beispiel anerkannter Literatur zu zitieren, weggestrichen worden.

Titelbild

Sol Stein: WriteProC Fiction Master. Das Profi-Programm für Autoren von Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücken, Filmscript.
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Bischoff, Dietmar Hefendehl und Andrea von Struve.
Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2002.
35,00 EUR.
ISBN-10: 3861503964

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