Autosarkastisches Agieren

Daniel Falb und "die räumung dieser parks" in Gedichten

Von Ron WinklerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ron Winkler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Juli dieses Jahres wurde im Umfeld des Berliner Künstler-für-Künstler-Labels kook ein hoch ambitionierter Verlag gegründet, der schon jetzt als einer der Glücksfälle für die jüngere Literatur zu bezeichnen ist. Gleich mit dem ersten Band gelingt es kookbooks, sowohl hinsichtlich des feinen Buchdesigns aufzufallen als auch inhaltlich mehr als nur zu überzeugen. Als broschierte, von Andreas Töpfer mit heiter futuristischer Grafik versehene Edition erschien als Debüt der Lyrikband "die räumung dieser parks". Autor ist der in Berlin lebende Daniel Falb.

Falb zählt zu den jüngsten gewichtigen Stimmen der deutschsprachigen Lyrik. Seine Gedichte machen uns nichts vor: sie haben es nicht nötig, ihre Wahrnehmungen mit der Patina salbender Schönheit zu tarnen. Ihre Wahrnehmung ist scharf, auch wenn sie oft verrückt ist und seltsam bizarre Beobachtungen in die Zeilen speist. "zwischen ortschaft und ortschaft", heißt es in einem seiner Gedichte lakonisch, "rauschen die anamnesen / als drehbuch".

Jene latent dramatische Zwischenräume entblößenden Anamnesen sind in ihrer Aufdringlichkeit die Drehbücher der falbschen Lyrik: Kariesbilder einer Wirklichkeit, in der die Utopiezertrümmerung der Utopie als Laufzettel beigegeben ist.

Das Ich, träumerischen Sequenzen nicht abgeneigt, reflektiert dies in der Regel lapidar, in bitter klugen Farcen.

Es handelt sich hier um eine hoch kognitive Poetik, die urbane Alltagserfahrung in die Form poetischer Roadmovies bringt: auf Gelassenheit heruntergeschaltet, impressionistisch, manchmal schmunzelnd, manchmal das Gereizte nahezu erztrocken vortragend.

Falb notiert der Gegenwart, für die "anwesenheitspflicht" besteht, Szenen ab, die oft grotesk sind und noch häufiger eine solide Zwanghaftigkeit offenbaren. Sie wirken entschleunigt und sind doch Situationen dynamisch-absurder Verrichtungen: "du hattest probleme mit dem schutzanzug, / der horizont war und dich flachlegte. führ bitte die raupennummer / noch einmal auf, vor den rabatten. ausatmen. gib mir alles."

Man versucht, sich in Richtung einer Perspektive zu konfigurieren. Fast schon verzweifelt. Doch ist man zumeist with stupid oder von Tristesse heimgesucht.

Der Autor generiert ein Wir, welches "rezessive gewohnheiten" erledigt und sich dessen bewusst ist, dass es von diesen erledigt wird. Man holt sich die Ambitionen aus der Zurechtkalibrierung eines beschädigten Lebens, in der Hoffnung, doch noch auf das mangelnde Wunderbare zu stoßen. Doch man kommt damit nicht an. Oder aber es gibt "nur ankünfte", sich anstauende.

Irgendwie bewältigt man sein Leben dennoch. Sei es in Form einer "zierbiografie", sei es durch einen diese abwehrenden Aktionismus. Daher der befremdete Ton dieser Gedichte. Daher eine Haltung, die Gerhard Falkner im Nachwort "autosarkastisches Agieren" nennt.

Da ist den Gedichten auf der einen Seite etwas stark Beengendes zu entnehmen. Und das Stutzen daran. Auf der anderen Seite schillert aus ihnen ein feiner fatalistischer Witz.

Das lyrische Ich, ein schwer involvierter Zaungast, erklärt in einem seiner eigentümlichen Bulletins umstandslos: "diese handlungen waren eine sonderschule, eine schulung, / in der auch gespielt wurde. dein gesicht als aufkleber auf deiner stirn."

Das Authentische erscheint als Aufkleber, als Trompe-l'œil in die Landschaft gemalt. Es ist dies eine ubiquitäre Landschaft, mit gleichermaßen den Konturen des Provinziellen und des Urbanen. Felder tauchen auf, "waggonweise" Bundesstraßen, "polizeifunk", "maschinenparks". Eine b-movie-"diaspora", die einem nicht näher kommt, auch wenn man ihr bis in die Poren filmt. Was auch in den Städten gilt, welche Orte sind durch Containerplätze, Hotels, Durchreichen und Versandhauskataloge. Orte, an die der avancierte "biologische palast" verloren ist. Um letztlich tickreich einen Abbildcharakter auszuleben, als "geräumte, / anschmiegsame ikonen".

Die Räumung der Parks meint auch die alten Paläste: "umgeworfene bmws, genaue beschreibung der sachschäden / im tageslicht und so viel tourismus. ich sah überall muskeln / und durch die gesten hindurch auf das meer. ein paar tage lang / hieß die animateurin beate, dann blieb sie plötzlich weg und alle / ahnten etwas. im hotelzimmer gab es kabelfernsehen, wir / sahen die tagesschau, die terroristen waren wirklich gut gemacht."

Die scheinbare Beiläufigkeit, mit der Daniel Falb die Verstörungen des Lebens für die Poesie gewinnt, ist sehr souverän intoniert und in dieser Form ein neues, spannendes Kapitel der zeitgenössischen Lyrik.

Titelbild

Daniel Falb: die räumung dieser parks. Gedichte.
Mit einem Nachwort von Gerhard Falkner.
Kookbooks Verlag, Idstein 2003.
72 Seiten, 13,80 EUR.
ISBN-10: 3937445005

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