Sportreport von alten Mären

Moritz Rinkes "Nibelungen" in einer grandiosen Hörspielfassung

Von Julia-Charlotte BrauchRSS-Newsfeed neuer Artikel von Julia-Charlotte Brauch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Sommer 2002 wurden uns die Wormser Nibelungenfestspiele mit hochkarätiger Besetzung angepriesen: In Moritz Rinkes Neufassung des Stoffes spielten u. a. Maria Schrader und Mario Adorf unter der Regie von Dieter Wedel. Das Spektakel vor der prächtigen Kulisse des Wormser Doms wurde im Fernsehen übertragen. Doch so groß der "Hype" war, um mit Rinke zu sprechen, so groß war auch der Flop: Unter all dem Brimborium erstickte das Stück. Die Inszenierung verkam zu einer mittelmäßigen Veranstaltung mit protzigen Effekten. Einen zweiten Presserummel erfuhren Rinkes Nibelungen im Streit um die Aufführungsrechte, als das Theater Freiburg die Kammerspielfassung "Kriemhilds Traum" absetzen musste. Vom eigentlichen Stück aber war selten die Rede.

Leonhard Koppelmann hat für den NDR eine ganz wunderbare Hörspielfassung geschaffen, die dem Stück endlich zu seinem Recht verhilft. Mit geringen Mitteln gelingt es Koppelmann, eine reiche Bilderwelt im Kopf des Zuhörers zu evozieren, wie es ein "Kulturevent" nie hätte erreichen können. Günther Koch berichtet mit dem Charme eines Sportreporters der 50er Jahre live von den Nibelungen: Wie ein Zoom fährt er mit knatterndem Hubschrauber an die entscheidenden Höhe- und Wendepunkte des Mythos' heran und lässt uns abwechselnd teilhaben an Massenszenen und intimen Gesprächen in den königlichen Gemächern.

Von ferne hören wir auf schwach fiepender Radiofrequenz den schneidigen Propagandaton der Nazis, der in dieser Sportreportage ebenso wie die klagenden Wagnergesänge am Rande verzerrt erklingt. Mit diesem vor Pathos triefenden Getöse verschwindet auch die übermächtige, schwerfällige Patina der Rezeptionsgeschichte, aus der Rinke seine Hauptfiguren vorsichtig herausgrub. Schließlich denkt, wer "Nibelungen" hört, zumeist an Wagners Ring und Bayreuth als Gralsburg der Nationalsozialisten oder an Hebbels kaum noch gespielte Bühnenfassung. Und auch in germanistischen Hauptseminaren geht der eigentliche Mythos meist unter Massen von Sekundärliteratur unter. Rinke bedient sich nur mit dem Handlungskern an den alten Mären und lässt vereinzelt mittelhochdeutschen Text zitieren - was dann erheiternd hochgestochen klingt.

In der Hörspielfassung von Rinkes Nibelungenneuauflage kommt der Wortwitz, den man in Worms so dringend vermisste, die Spannung zwischen alten Motiven und der heutigen hippen Sprache zum Tragen. So vermischen sich bei Kriemhilds "Werbungskosten" schon mal die Bereiche von Brautwerbung und Marketing. Als Siegfried vom folgenträchtigen Prunkgürtel Brünhilds schwärmt, entgegnet Gunther planlos: "Reden wir jetzt von Gürteln?" Siegfried kommentiert lakonisch seine eigene Hochzeitsnacht: "40 000 mußten für diesen Fleck sterben." Die Figuren verleugnen zwar ihre archaische Herkunft nicht, doch ohne platte Aktualisierung zeigt Rinke einen trägen, ideenlosen Staat mit eigennützigen Köpfen, der bisweilen sehr an die gegenwärtige Republik erinnert. Hier geht es weniger um Treue und Ehre als um Tatendrang und Liebe einer jungen Generation, die nach kampfloser Niederlage gegen Selbstsüchtigkeit und festegefahrene Strukturen rasch ihre eigenen Pantoffelhelden hervorbringt oder ihre Kraft in Rache umwandelt. Nach zehn Jahren berichtet Kriemhild frustriert, sie habe in Xanten eher dem Hirschragout zugesprochen als eine neue Welt geschaffen.

Während der draufgängerische Siegfried sich nach gewonnener Sachsenschlacht von den Burgunden vereinnahmen und mit Kriemhild abspeisen lässt, sind die beiden Damen die heimlich treibenden Kräfte im patriarchalischen Staat. Sie riechen förmlich, wo es unter der glänzenden Oberfläche fault und wehren sich unter der Bettdecke mit handfesten Taten und Machtplänen gegen die träge Oberflächenpolitik der Herrlichkeit. Der Kampf um den Vortritt beim Kirchgang wird hier nicht zum Zickenshowdown, sondern stellt letztlich die feigen Männerparteien mit ihren Stellvertreterkriegen bloß. Wütend faucht Mutter Ute im Hintergrund, wie man nur so dumm sein konnte, damals, auf der Feuerburg.

Bei Rinke weicht Pathos der Coolness und dem Galgenhumor. Doch hinter dieser Fassade sieht man die eigentlich fähigen Figuren zugrunde gehen. So flüstert die von der eigenen Familie gedemütigte Kriemhild beiseite: "Ihr seht nur euch!" und "Die haben mir mein Denken umgedreht." Ihre Rache wird genauso verständlich wie Hagens Verhalten, der als einziger Verantwortlicher das Geschehen nicht durch die rosa Brille sieht. Doch mit seiner warnenden Kassandrastimme wird er bis kurz vor dem grausigen Finale verlacht. Rinkes Hagen ist kein gewissenloser Schlächter, sondern ein altgedienter, verantwortungsvoller Staatsmann, der sich dagegen wehrt, von den achtlosen Jungen wie ein Hund herumgereicht zu werden. Hagens und Kriemhilds Kompromisslosigkeit kommt für ihre jeweilige Sache zu spät und endet darum im Blutbad.

Den Rahmen um dieses Treiben bildet der affirmative Ton des eifrigen Sportreporters, durchsetzt von ironischen Seitenhieben. Sein Mikrophon hört auch die Bauchrednerstimmen, die die Herren Könige bloßstellen. Ab und an lässt er ein Wort fallen, das in der offiziellen Presseversion nichts zu suchen hat. Vom sinnlosen Schlachten leitet er über zum Endsieg-Geschwätz mit Hitlers bellender Stimme - ein Kommentar auf die Nibelungen-Rezeptionsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ergänzt wird Koppelmanns kluge Hörspielfassung von der Musik Henrik Albrechts, die die wahrlich ungeheure Stimmung mit verzerrten und melancholischen Klängen in ihrem Ausdruck verstärkt. Die Sprecher (u. a. Sascha Icks, Bettina Engelhardt, Gisela Trowe, Sylvester Groth, Christian Redl, Christian Berkel und eben Günther Koch) verleihen dem Hörspiel die Vielschichtigkeit, die man in Worms vermisste. Wer vom Medienspektakel am Rhein enttäuscht wurde, sollte Rinkes Stück eine zweite Chance geben - das Hörspiel ist ein Genuss!

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Moritz Rinke: Die Nibelungen [Hörbuch].
Der Hörverlag, München 2003.
19,95 EUR.
ISBN-10: 389940064X
ISBN-13: 9783899400649

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