Riesenbaby auf Identitätssuche

Manfred Rumpls Roman "Zirkusgasse"

Von Andrea DienerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andrea Diener

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eigentlich ein klassischer Entwicklungsroman: Der Mittdreißiger Franz Maria Graf zieht nach dem Unfalltod seiner Eltern aus der beengenden Atmosphäre der Grazer Familienvilla in ein heruntergekommenes Wohnhaus in Wien und schickt sich an, endlich erwachsen zu werden. Seine Mutter entstammte einer strengen konservativen Offiziersfamilie, der Vater, eigentlich ein verhinderter Schriftsteller, hat sich als Versicherungsmakler hochgearbeitet. Und in Franz, dem Erben des Talents, der schon früher immer die besten Schulaufsätze mit nach Hause brachte, sollte sich der künstlerische Jugendtraum des Vaters schließlich erfüllen.

Doch Franz kommt nicht über die erste Zeile hinaus, das große Werk will einfach nicht entstehen. Er, ein Riesenbaby von hundertvierzig Kilo auf Identitätssuche, lässt sich ziellos treiben, "Zeit und Geld sind kein Problem" - und mit dem Einzug in Wien beginnt die Erzählung.

Das Haus in der Zirkusgasse hält, was der Name verspricht: Ein jahrmarktbuntes Panoptikum aus Vertretern jeder erdenklichen gesellschaftlichen Minderheit bewohnt die Nachbarschaft, und zwischen ihnen richtet Franz Maria sich ein; froh, dem elterlichen Erwartungsdruck entronnen zu sein: "Hier, wo ihn seine Eltern nicht einmal besucht hätten". Denn hier plagen ihn andere Sorgen: Das Haus soll generalsaniert und teuer an Flüchtlinge vermietet werden, die Nachbarn werden einer nach dem anderen aus ihren Wohnungen herausgeekelt. Aha, ein Spekulationsdrama also.

Aber eigentlich nicht wirklich. Der alles verschlingende Miethai diente schon in den Heimatfilmen der Fünfzigerjahre als grausam-kapitalistischer Antipode zu Werten wie Nachbarschaft und menschlichem Miteinander. Auch Rumpls Zirkusgassenbewohner in ihrer allzu schlichten Schwarz-Weiß-Zeichnung schlingern auf der Grenze zum Sozialkitsch entlang. Die gesellschaftlichen Außenseiter, die Türken, Schwulen, Juden geraten doch allzu putzig, und der Offizier Kröpfl mit seinem bissigen Rottweiler Hasso von Klamm in der braun in braun dekorierten Wohnung ist doch ein allzu durchsichtiger Gewährsmann des Bösen.

Es kann doch nicht sein, dass die Realität in diesem Buch genauso naiv gestrickt ist wie der Protagonist, das kann doch nicht alles sein, da muss doch noch etwas kommen?

Nein, an dieser Weltordnung wird nicht mehr gerüttelt, einzig Franz Maria schafft sich Souveränität und eine eigene Identität an, nicht zuletzt durch eine Affäre mit einem Hausbewohner diffusen Geschlechts sowie der wiederaufgetauchten Jugendliebe. Am Ende ist es ihm auch möglich, "kleine Geschichten" zu schreiben, die "seinem Leben eine Richtung" geben. Eigentlich der klassisch selbsttherapeutische Künstler, jedoch "erst wenn er das Fremde in seinen Worten und Sätzen erkennt, gibt er sich mit der Arbeit zufrieden". Eine merkwürdige Auffassung von künstlerischer Identität: Da sitzt einer am Küchentisch und schreibt solange, bis es "kalt glänzt" und nichts übrigbleibt vom alten Franz Maria.

Obwohl eindeutig auf den Jugoslawien-Krieg verwiesen wird, obwohl E-Mails geschrieben werden: So ganz aus diesem Jahrhundert ist Rumpls Roman nicht. Er scheint eine liebenswürdige alte Zeit wiederinstallieren zu wollen, in der liebenswürdige kauzige Menschen in liebenswürdigen alten Häusern wohnen und die Individualisierung der Großstadtmenschen nichts weiter ist als ein schlechter Traum. Eine Welt, in der man das Böse an den Uniformen und den Hunden erkennt. Und am Ende gibt es ein großes Feuerwerk.

Kein Bild

Manfred Rumpl: Zirkusgasse. Roman.
Reclam Verlag, Leipzig 2001.
238 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3379007749

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