Fussel im Bauchnabel der Popmusik

Christian Gasser liefert mit "Mein erster Sanyo" seinen Beitrag zur Bekenntnisliteratur

Von Mario Alexander WeberRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mario Alexander Weber

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Christian Gasser, Schweizer, Jahrgang 1963 und hauptberuflich Redakteur und DJ bei DRS 3, hat ein Buch mit siebzehn Takes über seine Popsozialisation zusammengestellt. Es heißt: "Mein erster Sanyo" und trägt den Untertitel: "Bekenntnisse eines Pop-Besessenen." Damit war er auf Tour, las daraus vor und legte Platten dazu auf. In den einzelnen Takes geht es um Listen erstellen, die grausamen Achtziger-Jahre, Mädchen, peinliche Lieblingssongs, tausend und eine Band werden zitiert, Plattencover sind abgebildet, etliche Comic-Künstler haben Illustrationen geliefert. Im vorletzten Take liefert Gasser eine lehrreiche Anleitung zum Erstellen von Mixtapes in Zeiten des CD-Brenners. Dem Thema Mix-Tapes war sogar eine schlaue Wander-Ausstellung gewidmet (mehr dazu unter http://www.kassettengeschichten.de). Am Schluss stellt Gasser die rhetorische Frage, ob seine andauernde Pop-Besessenheit mit Mitte 30 nicht ein wenig lächerlich sei. Ist sie selbstverständlich nicht.

Karl Bruckmaier, Kollege beim Bayerischen Rundfunk, hat auf seiner empfehlenswerten Homepage http://www.le-musterkoffer.de in einer Kurzkritik Gassers Buch als "Fussel im Bauchnabel der Popmusik" bezeichnet. Was wollte er damit sagen? So wie das Mix-Tape Gegenstand akademischer Untersuchungen geworden ist, wurde im Jahr 2002 auch der ordinäre Bauchnabelfussel vom Physiker Karl Kruszelnicki, University of Sydney unter die Lupe genommen. Ich zitiere aus der "Jungle World" vom 16. Oktober 2002:

"Fusseln setzen sich hauptsächlich aus menschlichen Hautpartikeln und Wollflusen zusammen und wandern am liebsten, Haarwuchs am Bauch vorausgesetzt, in die Nabel dicker Männer."

Das ist also aus der Popmusik geworden, ein bierbäuchiger, haariger, wahrscheinlich von oben bis unten tätowierter, schwitzender alter Sack, der einen ausgewaschenen Baumwollpullover mit dem Rolling-Stones-Logo (der herausgestreckten Zunge) von deren "Steel wheels"-Tour Anfang der Neunziger trägt. "Pop hatte für mich nie ausgesprochen viel mit Mode zu tun", schreibt Gasser. Und weiter: "Ich meine, warum sollten jetzt, wo Pop keine Jugendkultur mehr ist, nicht auch alte Säcke erfolgreich Popkarriere machen?" Sein Buch also doch dieser halluzinierte Fussel?

Alles Unfug. Gassers Buch ist überhaupt kein Fussel, sondern - wie der Untertitel eindeutig sagt - ein Bekenntnisbuch. Und dieses traditionsreiche Genre (Aurelius! Jean-Jacques Rousseau! Felix Krull!) hat mit Wollflusen wenig zu tun. Bekenntnisse finden sich auch nicht im Bauchnabel, es sei denn es handelt sich um erotische. Gasser jedoch - so im Vorwort - will mit seinen "warnen", "sensibilisieren", "betroffen machen", "sogar vielleicht ein bißchen anprangern."

Da im Popbereich ohne Listen so gut wie gar nichts geht, sei das abschließende Urteil in eine Bekenntnisliste eingebettet: Platz 43 nach Jess Jochimsens "Das Dosenmilch-Trauma. Bekenntnisse eines 68er Kindes", aber noch vor Jürgen Schneiders "Bekenntnissen eines Baulöwen".

Titelbild

Christian Gasser: Mein erster Sanyo. Bekenntnisse eines Pop-Besessenen.
edition TIAMAT, Berlin 2001.
192 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3893200398

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Christian Gasser: Mein erster Sanyo. Bekenntnisse eines Pop-Besessenen.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2003.
192 Seiten, 7,95 EUR.
ISBN-10: 3453210824

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