Habe die Ehre

Stefan Slupetzky gewinnt im "Fall des Lemming" mit einer Wiener Charme-Offensive

Von Susanne BlümleinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Susanne Blümlein

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Habe d'Ehre." So klingt und schreibt sich die im Wiener Schmäh übliche Grußformel, mit dem das hochdeutsche "Guten Tag" kaum zu vergleichen ist. "Habe d'Ehre." So begrüßt Leopold Wallisch, genannt der "Lemming", gerne die Menschen, auf die er im Laufe der Erzählung trifft. Und weil Stefan Slupetzky, Erfinder der Figur des Lemming, sich in seinem Kriminalroman "Der Fall des Lemming" ausgiebig des Wienerischen bedient, ist dem Buch ein kleines Glossar angehängt, das jedoch längst nicht alle unverständlichen Worte erklärt. Aber das ist auch nicht notwendig. Wichtig ist der Klang der Worte, der beim Lesen entsteht, in den peripheren Regionen des Gehirns nachhallt und den Leser dieser Wiener Charme-Offensive schutzlos aussetzt. Von Anfang an ist klar, dass man dieses Buch und seinen Helden lieben wird.

Wie sollte man einen Helden auch nicht lieben, der dem seit Sherlock Holmes' Zeiten geadelten Beruf des Detektivs nachgeht, diese Tätigkeit aber keinesfalls genießt, sondern sich eher als gezwungener Voyeur empfindet; der sich seinen schlimmsten Kämpfen nicht mit Grips und Schusswaffe, sondern allenfalls "unterwäschebewehrt" stellt; der von Anfang an eben nicht der strahlende Held, sondern zunächst ein fast schon lächerliches Opfer der fiesesten Figur des Buches ist. Auch deshalb wird man den Helden lieben - weil es dem Leser so leicht gemacht wird, den Gegenspieler des Lemming, Kriminalgruppeninspektor Krotznig, von Beginn des Textes an mit Leidenschaft zu hassen.

Der Roman beginnt mit der Fahrt von Krotznig und Wallisch zu einer Weinstube und der damit einhergehenden Konfiszierung eines Taxis samt Fahrer durch Kriminalgruppeninspektor Krotznig, der den dunkelhäutigen Taxifahrer "Neger" nennt und ihn in gebrochenem Deutsch anspricht: "Was is, Bimbo? Glaubst, mir sitzen wegn dera schönen Aussicht da? Du fahren weiter, du Kaffer, sonst ich dir Feuer machen unter deinem kackbraunen Arscherl!"

Was weiter gesagt wird, gibt Krotznigs Partner, Leopold Wallisch, genannt Lemming, den Rest. In der Weinstube betrinkt sich der Lemming mit Rotwein, zieht sich im vollen Lokal die Kleider aus und rennt nackt in den Schnee hinaus, was ihm eine unehrenhafte Entlassung aus der Gendarmerie beschert.

Der Lemming findet eine neue Anstellung in einer Detektei. Doch auch dieses Arbeitsverhältnis hält nur bis zu dem Moment, als der pensionierte Gymnasiallehrer Grinzinger, den der Lemming observieren soll, quasi unter seinen Augen ermordet wird - ohne dass seinem Aufpasser das überhaupt auffällt. Die Polizei, die zusammen mit Krotznig nach zehn Minuten am Tatort erscheint, und dort den Lemming über die Leiche gebeugt findet, verhaftet diesen zunächst.

Seine Freilassung geschieht ziemlich rasch auf Intervention des Pathologen Bernatzky, und was nun folgt ist ein Wettlauf Lemming gegen Krotznig. Jeder versucht, den Fall vor dem anderen zu lösen.

Die Spur führt in die Vergangenheit, zu einer Lateinklasse, die der Lehrer 20 Jahre früher unterrichtet hat und die der "Iden-Club" genannt wird. Frei nach den Iden des März, in denen Gaius Julius Cäsar ermordet wurde - und am selben Tag zweitausendvierundvierzig Jahre später der Lateinlehrer Grinzinger. Und es scheint, als hätte jeder von Grinzingers Schülern Grund gehabt, den Lehrer zu hassen. Der Lemming stochert in einem Geflecht aus Faschismus, Sadismus und Demütigung, und es dauert lange, bis die Spur auch zum tatsächlichen Motiv führt, bis das ganze Geflecht entzerrt und ans Licht geholt ist, da die Ermittlungen alles andere als geradlinig verlaufen - ein weiterer Umstand, der den großen Charme dieses Krimis ausmacht. Slupetzkys Held, der so voller Selbstzweifel ist, stolpert von einer skurrilen Situation in die nächste. Sei es, dass er einen Hund bei sich aufnimmt, der als Drogenlieferant missbraucht wurde und aus diesem Grund ständig stoned ist, homoerotischen Avancen ausweichen muss oder sich mit einigen seiner Verdächtigen lieber ein Trinkgelage liefert, als sich ihnen gegenüber zu verhalten, wie man es von einem professionellen Detektiv erwarten könnte.

All diese Behinderungen der Ermittlungsarbeit sind so voller Witz erzählt, dass man es als Leser keineswegs Übel nimmt, nicht sofort auf das Ziel zugeführt zu werden - bis sich am Ende herausstellt, dass die verschlungensten und scheinbar nebensächlichsten Wege die kürzesten sind.

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Stefan Slupetzky: Der Fall des Lemming. Kriminalroman.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2004.
253 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-10: 3499235536

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