Wenn tapfere deutsche Frauen im Strudel der Leidenschaft versinken

Im Nachkriegskrimi "Onkel Toms Hütte, Berlin" überzieht Pierre Frei eine atmosphärisch dichte Geschichte mit Kitsch

Von Bettina LaudeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bettina Laude

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Berlin im Spätsommer 1945. Im Südwesten der Stadt haben die Amerikaner das Kommando übernommen. Zwischen Schutt, Baracken, gediegenen Villen, Grunewald-Idylle und U-Bahn-Station "Onkel Toms Hütte" versuchen sie, ein einigermaßen funktionierendes Gemeinwesen aufzubauen. Außerdem müssen sie die deutsche Bevölkerung irgendwie satt kriegen und ihnen gleichzeitig den Nazi-Wahn austreiben. Zu diesen nicht gerade einfachen Aufgaben kommt noch eine Mordserie, die den Besatzern zu schaffen macht. Deutsche Frauen werden in der Nähe des Bahnhofs erwürgt und misshandelt aufgefunden. Alle waren blond, blauäugig und hübsch. Und alle arbeiteten bei den Amerikanern. Captain Ashburner und sein deutscher Kollege Inspektor Dietrich machen sich an die Aufklärung.

So viel zur Kriminalgeschichte, die Autor Pierre Frei detail- und kenntnisreich erzählt - wohl auch, weil er (geboren 1930) in diesem Teil Berlins zu dieser Zeit aufgewachsen ist. Wer weiß heute noch so genau, wie man aus nichts eine Kartoffelsuppe macht oder wieviele Zigaretten man zum Schwarzmarkt tragen musste, um einen Liter Speiseöl, etwas Speck und zwei Eier zu ergattern. Hier wird der Krimi zur Sozial- und Zeitgeschichte. Die Ermittlung bildet allerdings nur eine Art Oberflächenhandlung, denn in die Suche nach dem Täter schiebt Frei fünf lange Rückblenden: die Lebensgeschichten der Opfer während des ,Dritten Reiches'. Ein Mädchen vom Lande, das bei der Ufa Karriere als Filmschauspielerin macht, eine Krankenschwester, die ihr behindertes Kind aus einem Vernichtungslager rettet, ein Berliner Straßenmädchen, das einen KZ-Kommandanten heiratet, eine Brandenburger Adelige, die fürs Auswärtige Amt arbeitet, und eine Buchhändlerin, deren Mann im Krieg stirbt. Das Erzählmuster scheint nach der ersten Rückblende klar: Die jeweilige Biografie endet mit der Ermordung der Frau. In diesem Bewusstsein wird dem Leser das Leben im und nach dem Nationalsozialismus aus der jeweils eingeschränkten Perspektive der Frauen dargestellt. Die Schauspielerin und die Adelige genießen das mondäne Leben in Berlin, das es während der dreißiger Jahre noch gab. Frei zeichnet es atmosphärisch dicht mit Reklameschriftzügen, angesagten Lokalen, Moden und Musik. Historische Persönlichkeiten wie Joseph Goebbels oder der Verleger Eulenfels - unschwer als Ullstein zu erkennen - huschen hier und da durch die Szenerie. Die Krankenschwester glaubt lange, dass es mit Deutschland aufwärts geht, weil sie sich ein Auto leisten kann und die meisten Männer in der Nachbarschaft Arbeit haben. Pierre Frei setzt damit neuere Ansätze der Historiker literarisch um, die das ,Dritte Reich' nicht nur als Ansammlung von Daten, Fakten und Greueltaten behandeln, sondern seine Alltagskultur und die modernen Tendenzen, die es durchaus gab, einbeziehen.

Andererseits überfrachtet Frei seine fünf weiblichen Figuren dann doch wieder mit allen Grausamkeiten, die das ,Dritte Reich' zu bieten hatte. Konzentrationslager, Euthanasie, Judenverfolgung, Denunziation, Gestapo-Folter, Spionage, Leben im Untergrund, das ist alles etwas viel für eine Hand voll Mitläufer-Schicksale. Was diesem Buch dagegen fehlt, ist sprachliches Fingerspitzengefühl. Frei liefert Klischees wie aus dem Hedwig-Courths-Mahler-Fundus. Natürlich liebt die Krankenschwester eigentlich den Oberarzt. Die Gesinnung der Adeligen ist so rein wie ihr Blut. Der russische Soldat vergewaltigt den Ufa-Star doch nicht, weil er von ihrer Schönheit so geblendet ist. Zum Dank verführt sie ihn anschließend. Die Amerikaner sind alle sportliche, unbeschwerte Männer, denen jegliche Bildung fehlt. Ihre Ehefrauen dafür aufgedonnerte Alkoholikerinnen. Und alle Frauen, besonders die deutschen, wollen eigentlich immer nur Sex. Besonders diese Szenen sind extrem angestaubt formuliert.

Nicht umsonst kündigt der Verlag im Klappentext "bittersüße Wendungen" an. Wir bekommen sie zu lesen. Wer es authentischer mag, sollte lieber zum anonym veröffentlichten "Eine Frau in Berlin" oder Walter Kempowskis "Echolot" greifen. Diese Werke zeigen, wie Alltag unter Hakenkreuz und Besatzung anspruchsvoller verarbeitet werden kann.

Titelbild

Pierre Frei: Onkel Toms Hütte, Berlin. Roman.
Karl Blessing Verlag, München 2003.
544 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-10: 3896672509

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