Literatur im Umbruch

Ein Sammelband zur Literatur zwischen Wilhelminismus und Nachkriegszeit

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zweifellos haben sie schon zahlreiche Menschen gesehen. Unbekannt dürfte sie den meisten dennoch sein. Selbst ihren Namen werden wohl die wenigsten kennen. Allenfalls, dass sie sich an Lucy erinnern, das schöne Opfer des Vampyrs in Murnaus Film "Nosferatu", die sie im Alter von gerade mal 17 Jahren spielte. Allerdings "sehr dilletantisch", wie ihre Freundin Marianne Feilchenfeldt später urteilte. Und die Aktrice selbst räumte wenige Jahre vor ihrem Tod ohne weiteres ein, dass sie seinerzeit weder verstanden hatte, "was ich zu tun hatte, noch, worum es ging". Sie sei eben "keine Schauspielerin" gewesen, "sondern nur ein aufgeregtes Mädchen, atemlos und unwissend." So sind auch weniger ihre schauspielerischen Versuche als junges Mädchen erinnerungswürdig als vielmehr die Früchte ihrer späteren Arbeit als Schriftstellerin: Gedichte, Kurzgeschichten und Romane, aber auch "Biographische Impressionen" einiger Berühmtheiten ihrer Zeit, welche die Nichte des Verlegers Samuel Fischer im Laufe ihres Lebens kennen gelernt hatte.

Nun wird Ruth (oder wie sie ihre Werke unterschrieb Rut) Landshoff-York zusammen mit Karl Otten, Philipp Kerr und einigen weiteren Autorinnen und Autoren, "die in ihren Biographien und Werken die Möglichkeiten und Begrenzungen, die Kontinuitäten und Brüche des 20. Jahrhunderts in besonderer Weise widerspiegeln", in einem von Gregor Ackermann, Walter Fähnders und Werner Jung herausgegebenen Sammelband gewürdigt. Das Buch enthält jedoch nicht nur Untersuchungen ihres Schaffens und Wirkens - darunter eine - erstmals in literaturkritik.de publizierte - Rezension von Landshoff-Yorks kürzlich wieder veröffentlichtem Roman "Die Vielen und der Eine", sondern auch "Stimmen" von Zeitgenossen - und nicht zuletzt Texte der AutorInnen selbst.

Den Mittelpunkt des Bandes bildet der Ruth Landshoff-York gewidmete Teil, nicht nur weil er der umfangreichste ist, sonder auch, weil sie zweifellos auch die wichtigste der drei AutorInnen ist. Landshoffs hier abgedruckte Kurzgeschichten haben nicht nur etwas von "kleinen Feuern", wie Walter Fähnders sagt, sondern spielen zudem klug und pfiffig mit den Erwartungen der Lesenden und mit Geschlechterklischees, wie etwa in dem kurzen Text "Ein Brief".

Die von Karl Otten abgedruckten Texte können da nicht mithalten. Dies gilt insbesondere für seine journalistischen Arbeiten, in denen er schon mal feststellt, dass die von "braven Handwerkern und Baumeistern" errichteten Wohnungen "neue[n] Stil[s]" die Arbeit im "Reich der Hausfrau", also in - wie er ausführt - Küche, Heizung und Waschküche, zu "einer Freude" machen und so auch der "berufstätigen Frau" erlauben, "ihren häuslichen Verpflichtungen nachzukommen, ohne ihrem Beruf entsagen zu müssen". Ottens literarische Werke stehen, soweit sie hier abgedruckt sind (etwa "Unser Dorf", "Unsere Fremden" und "Der Hund, der sprechen konnte"), ebenfalls hinter denjenigen von Landshoff-York zurück. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass er im Editorial als einer der "wichtigsten Prosaisten" des deutschsprachigen Expressionismus vorgestellt wird. Und der hagiographische Ton, den Bernhard Zeller in seinem Begleittext anstimmt, wirkt eher deplaziert als überzeugend. Eine solch Hohes Lied der Lobpreisung mag zwar als Ansprache anlässlich einer Gedenkveranstaltung für Ellen Otten angemessen gewesen sein, erscheint als Eingangstext für den vorliegenden Band jedoch ungeeignet.

Weit mehr noch als Ottens Texte bleiben allerdings diejenigen des Aacheners Philipp Keller hinter Landshoff-Yorks kleinen Preziosen zurück. Keller, ein Dermatologen, verstand mit den Instrumenten ärztlicher Kunst vermutlich besser umzugehen als mit der Schreibmaschine - zumindest was seine literarischen Versuche betraf. Reüssierte er doch auch als Autor immerhin mit dem in mehreren Auflagen und Neubearbeitungen erschienenen dermatologischen Standartwerk "Die Behandlung der Haut- und Geschlechtskrankheiten in der Sprechstunde".

Ebenso, wie Otten und insbesondere Keller als Literaten hinter Landshoff-York zurückstehen, erreichen auch einige der ihnen und den im Untertitel unter "andere" zusammengefassten Autoren geltenden Untersuchungen - in denen schon mal auf das chinesische "Yin/Yang-Symbol" als Argumentationshilfe zurückgegriffen wird - nicht immer das Niveau der Landshoff-York gewidmeten Texte.

Kaufen sollte man das Buch dennoch. Denn schon alleine der Abdruck des guten Dutzends teils bislang schwer zugänglicher, teils unveröffentlichter Texte Landshoff-Yorks lohnt die Anschaffung.

Titelbild

Gregor Ackermann / Walter Fähnders / Werner Jung (Hg.): Ruth Landshoff-Yorck, Karl Otten, Philipp Keller und andere. Juni Magazin Heft 35/36 Literatur zwischen Wilhelminismus und Nachkriegszeit.
Weidler Buchverlag, Berlin 2002.
380 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-10: 3896932357

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