Briefroman reloaded

Über "FM dj [reading reise durch die nacht]. Ein elektronischer Briefroman"

Von Heidi-Melanie MaierRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heidi-Melanie Maier

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Fiktionalisierung der pragmatischen Textsorte Brief ging die Individualisierung der bürgerlichen Gesellschaft voraus. Selbstreflexion und subjektive Wirklichkeitswahrnehmung wurden zu Kommunikationsinhalten, über deren Thematisierung sich eigene Identität und soziale Beziehung zur Umwelt manifestierten. Man verabschiedete sich im 18. Jahrhundert von den Vorgaben der weit verbreiteten Briefsteller. Das Alltagsgespräch galt als stilistische Richtschnur für den Brief: "Schreibe wie du redest, so schreibst du schön." (Lessing)

Damit löste man sich von jeglichen sprachlichen und stilistischen Konventionen. Im Brief musste und durfte man "ich" sagen - unabhängig von Geschlecht und Zugehörigkeit zu gesellschaftlicher Schicht. Und geschrieben wurden Briefe eben nicht nur bei räumlicher Trennung der Briefpartner, man schrieb zumeist aus einer inneren Notwendigkeit. Und man schrieb nicht, um "etwas" mitzuteilen, sondern um "sich" mitzuteilen: der Brief diente als Medium der Gefühlserkundung, Gefühlsverfeinerung und Gefühlsübermittlung.

Das Genre Briefroman erlebte seine Blütezeit im 18. Jahrhundert - in England und Frankreich mit Richardson und Rousseau ein wenig früher als in Deutschland mit Gellert und schließlich mit Goethe. Die Autoren griffen damit eine Textsorte auf, die sich von gesellschaftlichen Konventionen weitgehend gelöst hatte. Und ebenso unkonventionell konnten sie mit der literarischen Gattung arbeiten - inhaltlich wie stilistisch. Das Interesse für den inneren Zustand der Figuren, für deren Empfindungen und moralische Einstellungen stand dabei im Fokus. Nicht mehr der Erzähler schilderte das Geschehen, sondern die Figuren kommen selbst in Briefen und Dialogen zu Wort. So konnte einerseits ihre innere Einstellung zu Tage treten, andererseits die Konflikte aber auch aus der Perspektive mehrerer Figuren dargestellt werden.

Genau dies macht wohl die Attraktivität der Gattung um 1800 aus: die Möglichkeit des empfindenden Lesers, sich ganz auf das Geschehen einzulassen, denkend und fühlend mitzuerleben und -gestalten. Der Briefroman ist für die Goethezeit die paradigmatische Gattung schlechthin, da in ihr alle wichtigen Tendenzen der Epoche enthalten sind - Ich-Bewusstsein und Gegenwärtigkeit, individuelle Selbsterschließung und subjektive Authentizität, Verschränkung von Gesellschaft und Einsamkeit.

Nun könnte man meinen, dass mit einem veränderten Kommunikationsverhalten - E-Mails und Chats -, wie wir es seit Mitte der 1990er Jahre erleben, auch die Gattung Briefroman zu neuen Ehren gelangt wäre. Schließlich wurde jahrelang kulturpessimistisch auf das Aufkommen telefonischer und den Niedergang brieflicher Kommunikation hingewiesen. Außerdem verleihen Blogs, E-Mails und Chats der Schriftlichkeit neue Bedeutung. Und, in Bezug auf die vorliegende Publikation: im flüchtigen Genre der E-Mail sind Rechtschreibkonvention und Hierarchie der Kommunikationspartner weitgehend außer Kraft gesetzt.

Genau diese Umstände werden in einer Reihe kulturwissenschaftlicher Forschungsarbeiten, die sich mit dem Zusammenspiel von Sprache, Medien, Computern, Virtualität und Realität auseinander setzen, dezidiert untersucht. Gibt es auf dem Gebiet der künstlerischen Sprachgestaltung entsprechende Ambitionen? Oder eine künstlerische Überhöhung?

Auch das vorliegende Buch ist kein Briefroman im eigentlichen Sinne, wie der Titel dem Leser vermeintlich verspricht. Es ist eine "Reise", eine Auseinandersetzung mit Friederike Mayröckers bezaubernd verstörendem Prosastück "Reise durch die Nacht", die "r" und "e" - die "Briefpartner" des vorliegenden Buches - getrennt und doch zusammen unternommen haben und deren Stadien sie per E-Mail teilen: "dass wir einander posten zu kommen liessen, kleine datenpakete aus den stadien der lektüren, gab die äussere form für diese auseinandersetzung einer reise mit der reise in der hand. die 'stellen' (das texteigentum der friedrike mayröcker, schnitte aus der 'Reise durch die Nacht') durchziehen die posten, sind signalführer unserer querführungen, sind textverarbeitungen zweiten grades." Dabei geht der "elektronische Briefroman" zwar weit über Mayröckers Text hinaus und schafft etwas völlig Eigenständiges und Neues, versetzt mit Zitaten und Bezügen zu Alltagswelt und Popkultur, zu Geistesgeschichte und Philosophie. Der Titel des Bandes, "FM dj [reading reise durch die nacht]. Ein elektronischer Briefroman", verweist auf die intertextuellen Beziehungen zwischen Mayröcker und Derridas "la carte postale", lässt aber natürlich auch Raum für "ungeheuer" lustig-jugendliche Assoziationen. Auch die konsequent durchgehaltene Kleinschreibung, mit Ausnahme des anredenden "Sie", sowie die fehlenden Satzzeichen kommen wahrhaft modern daher. Wohl spiegelt diese Praxis den Schriftgebrauch in E-Mails und anderen flüchtigen Medien wider, ist beim Lesen des Buches aber doch eher anstrengend - zumal der spezifische Duktus einer Kommunikation zwischen einander bekannten Personen einem dritten Leser eben fremd ist. So mag denn letztlich am Ende dieser Besprechung keine wahre Kritik stehen, sondern einzig die Empfehlung, Mayröckers "Reise durch die Nacht" zu lesen, wenn man darüber etwas erfahren möchte. Das vorliegende Buch sollte man lesen, wenn man auf eine - im positiven Sinne - verstörende Reise gehen will.

Titelbild

Rolf B. Korte / Elisabeth Hödl: FM dj (reading reise durch die nacht) Ein elektronischer Briefroman.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2004.
136 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-10: 3895284025

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