Jenseits der bürgerlichen Fassade

In "Zeit aus den Fugen" analysiert Philip K. Dick die USA der 50er Jahre

Von Micha WischniewskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Micha Wischniewski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ragle Gumm, ein allein stehender Mittvierziger, ist der lokale Held des beschaulichen Städtchens Old Town, denn er ist es, der kontinuierlich als Sieger aus dem ominösen Spiel 'Wer findet das grüne Männchen?' hervorgeht. Ohne vom Rest der Welt wirklich berührt zu werden, lebt er sein ansonsten recht mittelmäßiges Leben mit seinem mittelmäßigen Umfeld in dieser äußerst durchschnittlichen Umgebung und genießt seine Existenz in diesem (spieß)bürgerlichen Klein- und Vorstadtidyll. Als er jedoch zu halluzinieren beginnt und dort, wo im Augenblick zuvor noch ein Getränkeverkaufsstand zu sehen war, nur noch einen Zettel mit der Aufschrift 'Getränkeverkaufsstand' liegt, beginnt Ragle Gumm sich zu fragen, wie real die Welt denn ist, in der er lebt - und tatsächlich scheint nicht nur mit den Objekten seiner Umgebung etwas nicht zu stimmen, sondern auch mit den Menschen und sogar mit der Zeit.

Mit "Zeit aus den Fugen" bietet Philip K. Dick eine pointierte Analyse der USA in den 50ern. Er greift das bürgerliche Bemühen, in jeder Beziehung die Fassade zu wahren, und die damit einhergehende, nicht nur in zwischenmenschlichen Beziehungen herrschende Künstlichkeit auf, um sie in seinem Roman durch eine bewusste Überspitzung des Artifiziellen zu karikieren; hier wird die völlig identitätslose Kleinstadt mit ihrem nicht minder austauschbaren Namen tatsächlich zu einer reinen Kulisse degradiert - sie ist ebenso substanzlos und auf ihre Weise irreal, wie es die 'wirklichen' Vororte und Kleinstädte sind. Einhergehend mit der Künstlichkeit der Umgebung sind die von Dick gezeichneten Charaktere Paradebeispiele US-amerikanischer Spießigkeit: Gefangen zwischen der Paranoia, deren Ursache wahlweise die Kommunisten oder die Nazis sind - wenn nicht ganz schlicht 'der Feind' -, und dem inneren Zwang, seine eigene Person sowie seinen Besitz vor sich selbst und (innerlich) vor seinen Mitmenschen zu rechtfertigen, sind Ragles Zeitgenossen - wenn man mal von seinem Schwager Vic absieht - außerstande, für irgendetwas aufnahmefähig zu sein, was ihren kleinbürgerlichen Geisteshorizont übersteigt; stattdessen flüchtet man sich in die Sicherheit vorgekauter Phrasen, die andernorts aufgeschnappt wurden.

Auch wenn "Zeit aus den Fugen" eines der Frühwerke Dicks ist, wird doch bereits hier sein später stetig steigendes Interesse an der Frage nach dem Wesen der Realität deutlich, die er in vorliegendem Band jedoch dahingehend modifiziert, dass er sie sich zur Bestandsaufnahme der Geisteshaltung seiner Landsleute zur Entstehungszeit des Romans zunutze macht. Dabei unterlässt er es allerdings nicht, auch einen Seitenhieb auf den US-amerikanischen Messiaskomplex zu landen - ein I-Tüpfelchen, das alles andere als aufgesetzt wirkt und sich sehr gut in die Gesamtstruktur des Werkes einfügt. Mit "Zeit aus den Fugen" hat Dick ein überzeugendes Portrait einer kleingeistig-bürgerlichen Gesellschaft geschaffen, die ob ihrer Substanzlosigkeit und Naivität geradezu grotesk-surreale Züge angenommen hat.

Titelbild

Philip K. Dick: Zeit aus den Fugen. Sonderausgabe.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gerd Burger und Barbara Krohn.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2002.
287 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-10: 3453217306

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