Hammer oder Amboss

Hans Rudolf Spühler und Kathrin Becker lesen die "Venus im Pelz"

Von Petra PortoRSS-Newsfeed neuer Artikel von Petra Porto

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

1845 erwischt ein Neunjähriger seine Tante beim Seitensprung. Diese gerät darüber so sehr in Zorn, dass sie den Jungen wütend bestraft. "Im Handumdrehen hatte sie mich der Länge nach auf dem Teppich ausgestreckt; dann packte sie mit der linken Hand meine Haare, setzte ein Knie auf meine Schultern und begann mich kräftig auszupeitschen. Ich biß mit aller Kraft die Zähne zusammen; dennoch traten mir die Tränen in die Augen. Aber ich muß doch zugeben, daß ich, obwohl ich mich unter den grausamen Schlägen der schönen Frau wand, eine Art von Lust dabei empfand", wird der Neunjährige später als Erwachsener in seinen Erinnerungen schreiben.

Die Züchtigung durch die "schöne Frau" wurde für Sacher-Masoch zur Schlüsselszene und bestimmte nicht nur die sexuelle, sondern auch die literarische Entwicklung des Dichters. 1870 erscheint bei Cotta der erste Band seines auf sechs Bände angelegten Hauptwerks "Das Vermächtnis Kains" - enthalten ist unter anderem die "Venus im Pelz", welche wohl zu seinen berühmtesten Werken zählt. Bekannt ist Sacher-Masoch heute allerdings wohl weniger als Schriftsteller (und als solcher zum Beispiel noch weniger für seine 1858 erschienenen Erzählungen aus Galizien, die ihm den Beinamen, Turgenjew Kleinrusslands' eintragen), sondern vor allem durch Krafft-Ebbings "Psychopathia Sexualis". Der Sexualwissenschaftler sah in Sacher-Masoch übrigens lediglich den Entdecker einer zur Zeit der Publikation seiner Werke noch nicht bekannten "Perversion" - erst nach der Namensgebung kam ihm zu Ohren, dass Sacher-Masoch "nicht bloss der Dichter des Masochismus gewesen, sondern auch selbst mit der in Rede stehenden Anomalie behaftet gewesen" war. Krafft-Ebbing setzt noch fast mitleidig hinzu, dass Sacher-Masoch, der "solange und soweit er sich nicht auf dem Boden seiner Perversion bewegte, ein sehr begabter Schriftsteller" gewesen sei, bestimmt "Bedeutendes" hätte leisten können, "wenn er ein sexuell normal fühlender Mensch gewesen wäre".

Der Diderot-Verlag hat es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht nachzuweisen, dass Sacher-Masoch auch dann ein sehr begabter Schriftsteller war, wenn er sich auf dem Boden seiner Perversion bewegte. Dazu gehört auch, das Hörbuch zu "Venus im Pelz" anspruchs- und geschmackvoll zu gestalten: Im Inneren der Hülle findet sich ein äußerst informatives Booklet, welches nicht nur einen ausführlichen sowie den tabellarischen Lebenslauf des Dichters enthält, sondern zum Beispiel auch detailliertere Angaben zu Sacher-Masochs Verbindung z. B. zu Paul Heyse macht. In diesem, von Arne Henning verfassten Heft wird auch der Versuch unternommen, soweit auf diesem eingeschränkten Platz möglich, Zusammenhänge und Unterschiede zwischen der favorisierten Lebensweise des Dichters und der Paraphilie zu erläutern, der er (unfreiwillig) seinen Namen gab.

Auch die Lesung selbst ist stilvoll. Sie bleibt einfach, wirkt dabei aber umso eindringlicher, zumal sie sich auf zwei Stimmen beschränkt: Hans Rudolf Spühler liest den Erzählertext, Kathrin Becker dagegen übernimmt die Rolle der 'Venus'. Die Aufnahme heischt nicht nach Effekten, es gibt weder Musik noch künstliche Geräusche, sie bleibt textkonzentriert. Ungewöhnlich ist es wohl lediglich, hin- und hergehende Briefe durchgängig von beiden Erzählern mit einander überlappenden Stimmen lesen zu lassen, so dass einer das Echo des anderen bildet.

Der Text benötigt auch keine Spielereien: Die Novelle ist eine anspielungsreiche und reflektiert verfasste Erzählung über Liebe und Macht. Auch wenn sie sich in einem Kreisbogen bewegt und am Anfang wie am Ende die Erkenntnis steht, dass einer gleichberechtigten Partnerschaft eine gleichberechtigende Gesellschaft zugrunde liegen muss, ist allein die dorthin führende Argumentation hörenswert.

Venus, die dem Erzähler zu Beginn der Novelle im Traum erscheint, verheißt bereits: "Der Mann ist der Begehrende, das Weib das Begehrte, dies ist des Weibes ganzer, aber entscheidender Vorteil, die Natur hat ihm den Mann durch seine Leidenschaft preisgegeben, und das Weib, das aus ihm nicht seinen Untertan, seinen Sklaven, ja sein Spielzeug zu machen und ihn zuletzt lachend zu verraten versteht, ist nicht klug", und nimmt damit den weiteren Inhalt der Geschichte vorweg.

Aus seinem Traum aufgewacht, ist der Erzähler verstört genug, einen Freund um dessen Deutung zu bitten - dieser beschränkt sich dann jedoch nicht auf die Auslegung der Vision, sondern erzählt aus seinem eigenen Leben. Selbst einer Venus im Pelz verfallen, wurde auch Severin zum Untertan und Sklaven, der sich letztendlich verraten ließ.

Eine vielschichtige Liebesgeschichte, wie der Klappentext erklärt? Oder doch eher Beschreibung eines Spiels um Macht, das nur verloren werden kann? "Wer sich peitschen lässt, verdient, gepeitscht zu werden." Diesen Schluss zieht Severin am Ende aus seinen Erlebnissen. Kann man in der Liebe nur Hammer oder Amboss sein, so meint er, dann wählt er den Weg des Herrschers, nicht den des Beherrschten.

Titelbild

Leopold von Sacher-Masoch: Venus im Pelz. 4 CDs.
Diderot-Verlag, Rottenburg 2003.
247 Minuten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3936088470

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