Mach dich nackig!

Zwei Bände zur fotografischen und künstlerischen Anatomie des Körpers

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Kunst dem Klischee des schönen Aktes entgegengearbeitet und die idealen Körperbilder demontiert. Aus klassischen Akten werden Nackte. Für die (fotografische) Kunst der Gegenwart stellt sich daher die Frage nach der Physis des Körpers und seiner Fixierung durch den ästhetischen Blick neu. Der lebensechte Körper wird zur Projektionsfläche der künstlerischen Gedanken: Mit seinen Bedürfnissen und Trieben rückt er schonungslos offen, bisweilen drastisch ins Bild, wird zur Chiffre für das Menschsein an sich.

Mit einer Fülle von Beispielen sucht "Stripped Bare" nach einer Ikonografie dieses Körpers, der vermeintlich längst enthüllt und dennoch mit immer neuen Bedeutungen belegt wird. Aus den unterschiedlichsten Bildlösungen aber ergibt sich stets die Frage nach dem Blick, der Gefühle wie Lust, Begehren, Eros, Sexualität, Schmerz und Macht umsetzt und den Betrachter als Augenzeugen in das Spannungsfeld zwischen Künstler und Subjekt, zwischen Intimität und Öffentlichkeit einbindet. Der Betrachter ist es auch, der darüber entscheidet, ob er die Anhäufung klaffender Scheiden und erigierter Penisse als soziale Narration chiffriert oder sie zum Objekt eines platten Voyeurismus macht. Der Jeff-Koons'sche Balanceakt zwischen Kultur- und Pornoindustrie ist allgegenwärtig.

Der Amerikaner Robert Mapplethorpe (1946-1989) gilt als einer der wichtigsten Fotografen seiner Generation. Seine einzigartigen Blumenstillleben und hochästhetischen, manchmal schockierenden Akte und Porträts sind einem großen Publikum bekannt. Der Begleitband zur Ausstellung "Robert Mappelthorpe und die klassische Tradition" untersucht die Beziehung des Fotografen zur Skulptur und zu den exaltierten Formen des Manierismus. Die Verbindungslinien reichen zurück bis ins Altertum mit seiner Suche nach idealer Schönheit. Anhand der Tafeln, die alte Stiche, Skulpturen und Mappelthorpes Fotografien einander gegenüberstellen, lässt sich dann auch so manches lernen über die fotografischen Verarbeitungsstrategien der klassischen Vorbilder.

Ungewohnte Sichtweisen eröffnen zum Beispiel die Übersetzung eines niederländischen Stiches ("Kain erschlägt Abel") in eine sadomasochistische Szene. Aber ob einem Foto Arnold Schwarzeneggers wirklich ein Bildnis des Apollo zugrunde gelegen hat? Körper bewegen sich nun mal in bestimmten anatomischen Bahnen, und der bogenbewehrte Gott hat trotz des vorgeblich gleichen Posings mit dem österreichischen Schwellkörper ungefähr genauso viel gemeinsam wie das homerische Göttergelächter mit der bauchklatschenden Heiterkeit eines Dieter Bohlen. Der Deutungsdrang spielt verrückt.

Titelbild

Robert Mapplethorpe und die klassische Tradition. Fotografien und manieristische Druckgrafik.
Herausgegeben von Germano Celant.
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern/ Ruit 2004.
232 Seiten, 49,80 EUR.
ISBN-10: 377571457X

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Titelbild

Marianne Karabelnik (Hg.): Stripped Bare. Der entblößte Körper in der zeitgenössischen Kunst und Fotografie.
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern/ Ruit 2004.
253 Seiten, 49,80 EUR.
ISBN-10: 3775714995

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