Zwischen Familie und Gesellschaft

In Kyung Ran Jos Schlafzimmer spukt ein Elefant

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf den ersten Blick dominiert das Unglück in den Erzählungen Jo Kyung Rans: Die Protagonistinnen (und ein Protagonist) haben sich von denen getrennt, die sie liebten, und leben nun in Zufallsehen, in oberflächlichen Beziehungen oder ganz allein. Fast stets schlägt der Versuch fehl, offen zu sprechen, und häufig kommen Lügen ans Licht, von denen im Übrigen kaum eine nötig gewesen wäre. Kleine Katastrophen ereignen sich. Eine Frau etwa prahlt beim ersten Treffen mit einem angeblichen Regisseur mit einer Paris-Reise, die nie stattgefunden hat; besonders gern habe sie Rucola gegessen. Eifrig sorgt er dafür, dass sie beim nächsten Treffen ihr Lieblingsessen bekommt. Als sie sich über die bitteren Blätter beklagt, stellt sich ihr Schwindel heraus, und schreiend läuft sie aus dem Restaurant. Große Katastrophen: Eine junge Frau versucht sich das Leben zu nehmen, nachdem ihr Freund bei einem Unfall zu Tode kam. Am Krankenhausbett rekapituliert ihre Mutter das eigene Leben.

Überhaupt verbinden Suizide oder Suizidversuche fast alle sieben Erzählungen miteinander, in freilich enormer Spannbreite. Das eine Extrem stellt die Titelerzählung dar, "Wie kommt der Elefant in mein Schlafzimmer?" In den Erinnerungen der Erzählerin, einer Schriftstellerin, an ihre Familie geht es fast burlesk zu. Lakonisch denkt sie an den Tod der Lieblingstante zurück, die nach einem Streit mit ihrem Freund aus einer Hochhauswohnung sprang. Viel sorgsamer inszenierte die Großmutter ihren Tod: Bei einem Verwandtschaftstreffen zu ihrem Geburtstag aß nur sie die giftige Suppe und starb.

Bei einer derart wüsten Familie trägt ein solcher Tod nur noch zum Chaos bei, das ohnehin schon herrscht. In jedem Sinne ins Bild passt aber auch das andere Extrem, der Suizid im bei weitem umfangreichsten und auch gewichtigsten Text des Bandes. "Natürlich, wir sind alle Engel" führt natürlich ein Ensemble von Figuren vor, unter denen sich ein Engel bestimmt nicht findet. Kim Yohok leitet, nachdem ihre geliebte Schwester Daok verschwunden ist, alleine eine Malschule, die von einer überschaubaren Gruppe meist erwachsener Schüler besucht wird. Konstellationen mit erotischem Unterton entstehen zwischen den ausnahmslos unerfüllten Menschen, ohne dass Schranken überwunden würden; ein gemeinsamer Abend endet im Missklang. Kurz darauf finden die Schüler ihre Lehrerin tot auf, mit einer Schlinge um den Hals. Neben dem schon verfärbten Körper sehen die Schüler vier Staffeleien aufgestellt, das weiße Papier verlockt zur genauen Wiedergabe der Farben, die Kim Yohok zuvor immer lehren wollte. Will die Lehrerin ihren Tod in Kunst verwandelt wissen? Einer der Schüler erkennt in der Situation Schönheit; die anderen halten ihn moralisierend zurück. Der Tod wird nicht zum Bild, zunächst, und die Polizei tut ihre Arbeit. Später aber stellt ein anderer Schüler den Neon-Schriftzug fertig, der auf die Malschule hinweisen sollte. Vor den Augen seiner Frau, die gegenüber einen Imbiss betreibt und zuvor die hoffnungslose Zuneigung des Ehemanns zur Lehrerin geduldet hatte, nimmt er so Abschied, indem er wider besseren Wissens und der Vernunft die Existenz von Schule und Lehrerin bekräftigt.

Auf den zweiten Blick also dominiert die Widerstandskraft. Kim Yohok, die den Traum vom eigenen Werk längst begraben hat, richtet einen - vergeblichen - Appell an die Schüler, das Gelernte weiterzutragen, und hat auf ganz andere Weise doch Erfolg. Der Mutter wird der drohende Tod ihrer Tochter zum Anlass, sich Rechenschaft abzulegen über die Vergangenheit. Die Frau, die am Rucola scheiterte, findet irgendwann den Mut, ihren Regisseur anzurufen, der freilich auch kein Regisseur ist, sondern nur in irgendeiner Produktionsabteilung mitarbeiten darf; das dritte Treffen zweier Lügner deutet dann ein brauchbares Fundament für ein beschränktes Glück an. Die Schriftstellerin bewältigt ihre eigentümliche Familie, ihr Verlassenwerden und andere Unbequemlichkeiten mit einer sprachlichen Distanz, die ihr das Überleben ermöglicht.

Und ums Überleben geht es; ums Überleben in einer Welt, in der materielle Not, die durchaus erwähnt wird, nicht mehr Verhungern bedeutet, die seelische Not allein aber schon zum Tode führen kann. Expliziter Handlungsort fast aller Erzählungen ist Seoul. Vielfach lassen Ortsangaben die Umgebung für die Bewohner der Agglomeration, in der fast die Hälfte der Südkoreaner lebt, nachvollziehbar, doch nicht erfahrbar werden. Abreiß-, Bau- und Modernisierungswut ließen Seoul zu einer Stadt fast ohne sichtbare Geschichte werden; und so ist alles Neustadt, sieht fast jeder Stadtteil wie der andere aus. Den Ort zu nennen, verstärkt nur die Ortlosigkeit.

Und Ortlosigkeit heißt hier auch Gesellschaftslosigkeit. Die Figuren bewegen sich in der Leere zwischen der kleinen Einheit Familie, die allenfalls im Stadium der Auflösung noch in den Blick kommt, und einem gesellschaftlichen Zusammenhalt, der Verständigung über eine sinnvolle Entwicklung erlaubte. In diesem Zwischenraum gelingen Jo überzeugende Beobachtungen; ihre Sprache weiß sie genau zu schattieren, und es ist ein Verdienst der Übersetzer Young-Sun Jung und Herbert Jaumann, für jede Geschichte einen charakteristischen Stil gefunden zu haben. Ohne eine allzu geschlossene Struktur aufzuweisen, sind die Erzählungen doch wirkungssicher aufgebaut. Zu Beginn verrät Jo wenig; sie schafft Spannung, indem sie Informationen voraussetzt, die dem Leser jedoch fehlen. Erst allmählich werden ihm die Verhältnisse klar. So bleibt stets seine Aufmerksamkeit gefordert, sieht er sich in ein Geschehen verstrickt, für das allein die einfachen Handlungslinien zu wenig Interesse wecken würden.

Die Technik funktioniert dort nicht, wo Jo über ihre Fallstudien zum Individuum hinauszugreifen versucht. Programmatisch markieren die erste und die letzte Erzählung eine solche Ausweitung. Am Beginn des Buches steht die Mutter, die sich am Bett ihrer Tochter an ihr Leben erinnert. Ein märchenartiger Bericht von der Überlebenskraft der Bäume leitet die realistischen Schilderungen ein. Zwar ist auch er verknüpft mit dem Leben der Mutter - als freiwillige soziale Helferin lernte sie einen von einem Waldbrand verunstalteten Holzfäller kennen, der sie in "seinen" Wald führte. Am Ende aber wird die Kraft der Bäume wieder mit der Genesung der jungen Patientin verknüpft, gerät das Motiv zum aufdringlichen Symbol.

Ein Feuer steht auch im Zentrum der letzten Erzählung. In der Silvesternacht 2000 kommen, so will es die Fiktion, mehr als 500 Besucher einer Feier durch einen Brand ums Leben, und nur zwei Personen überleben. Liest man den Text, so scheinen auch die zwei Geretteten zwei zu viel. Satirisch werden Hohlheit, Großmannssucht, Oberflächlichkeit und Lügenfreude der reichen Prasser entlarvt. Liebe etwa schrumpft zu einer Frage des Kalenders: Der Regisseur Pak ist mit dem Model Ahn schon seit zwei Monaten zusammen, und so bleiben ihm nur noch zweiundzwanzig Monate, denn zwei Jahre hält er für die längstmögliche Dauer einer Beziehung.

Leider ist aber die Sozialsatire nicht Jos Stärke. Alle Personen dieser Erzählung bleiben Klischeefiguren, die sich genau so aufführen, wie man es ohnehin schon ahnte. Dass sie fast alle am Ende umkommen, nimmt man interesselos hin; ähnliche Charaktermasken werden ein Jahr darauf an einer anderen Ecke Seouls wieder feiern. Am Schluss geht es wieder symbolisch zu, das Feuer wird zum Jahrtausende alten Flammenbaum. Selbst das ändert freilich nichts daran, dass die quantitativ größte Katastrophe des Buchs auch die wirkungsärmste ist. In Kyung Ran Jos Welt der isolierten Existenz erschüttert ein Rucola-Blatt, das nicht erkannt wurde, mehr als ein Brandinferno mit hunderten Opfern. Das Können Jos zeigt sich in der Schilderung der entorteten, der tapferen Individuen. Greift sie darüber hinaus, zeigt sich ihre Grenze.

Aber wie kommt der Elefant ins Schlafzimmer? Das, in der Tradition der koreanischen Geistergeschichte, wird so genau auch nicht erklärt.

Kein Bild

Kyung Ran Jo: Wie kommt der Elefant in mein Schlafzimmer? Erzählungen.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Jung Young-Sun und Herbert Jaumann.
Pendragon Verlag, Bielefeld 2003.
244 Seiten, 18,50 EUR.
ISBN-10: 3934872581

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch