Ein realistischeres Bild der Roma - aber wie?

Susan Tebbutts Sammelband über die Sinti und Roma in der deutschsprachigen Gesellschaft und Literatur

Von Stefanie HartmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefanie Hartmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Verfolgung der Sinti und Roma hatte bereits 1933, als die Nazis in Deutschland die Macht ergriffen, eine lange Vorgeschichte. Diese Vorgeschichte sowie Aspekte der Sprache(n) und Literatur der Roma wurden bis in die jüngste Vergangenheit vor allem im englischsprachigen Raum untersucht. Die nun in deutscher Sprache vorliegende Aufsatzsammlung zu den Bereichen Gesellschaft, Sprache und Literatur, herausgegeben von Susan Tebbutt, ist folgerichtig die Übersetzung einer englischsprachigen Arbeit.

Bereits seit dem 15. Jahrhundert wurden "Zigeuner" aus den Städten vertrieben und als "vogelfrei" erklärt. Kaiserin Maria Theresia und Friedrich der Große unternahmen Assimilisierungsmaßnahmen. Frühe Versuche, die Roma wissenschaftlich zu untersuchen, waren meist von Vorurteilen geleitet und die Forschungsergebnisse wurden eher gegen diese Gruppe verwandt als dass sie zu deren Verständnis beigetragen hätten. Die 1890 eingerichtete Zigeunerpolizeistelle der Polizeidirektion München überwachte Gesetzesverstöße von Zigeunern weit über Bayern hinaus. Diese Einrichtung sowie die daraus resultierenden pseudowissenschaftlichen Erkenntnisse und Gesetzesentwürfe konnten von den Nazis auf der Grundlage der Rassengesetze und bei der Arbeit in der "Rassehygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle" bruchlos weitergeführt werden. Die Vernichtung vieler Sinti und Roma in den Konzentrationslagern und die medizinischen Versuche an ihnen gehören zu den dunkelsten Kapiteln der NS-Geschichte. Doch auch in der Nachkriegszeit ging die Diskriminierung weiter: Sinti und Roma wurden nicht als NS-Opfer anerkannt und entschädigt, rassistische Stereotype wurden weiter medial transportiert. Die Ärzte, die während des Dritten Reiches medizinische Experimente durchgeführt hatten, wurden nicht verfolgt. Erst langsam änderte sich etwas an der öffentlichen Wahrnehmung, ausgehend von der Selbstorganisation der Sinti, zuerst, um Selbsthilfe nach dem Krieg zu organisieren, später in zunehmendem Umfang, um juristisch den Opferstatus zu erstreiten und in der Gegenwart in internationalen Bündnissen zu arbeiten. Die verschiedenen Phasen dieser Organisierung werden im vorliegenden Band besonders akribisch, auch unter Beleuchtung interner Konflikte, beschrieben und macht den eigentlichen Wert der Arbeit aus.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei der Analyse der zahlreichen Roma-Sprachen. Sie sind allein schon deshalb ein schwieriger Untersuchungsgegenstand, da als Roma eine vor allem mündliche Sprache ist. Ansätze, sie zu verschriftlichen, gibt es kaum, und Wissenschaftler, die sich hiermit beschäftigen, verweigern sich solcher Verschriftlichung aus Respekt vor den Roma, die seit dem 19. Jahrhundert negativste Erfahrungen mit solchen wissenschaftlichen Unterfangen gemacht haben und daher ein verständliches Misstrauen gegen solche Versuche hegen. Was sich für die meisten Roma-Sprachen sagen lässt, ist, dass sie indische Anteile haben (Indien wird als Ursprungsland der Roma und Sinti angenommen), durch langjährige Wanderungen aber Sprachanteile aller durchreister Länder integriert wurden. Da viele Gruppen seit längerer Zeit in einem bestimmten Sprachkreis leben, sind diese Sprachen ebenfalls zum Teil eingeflossen und führen zur Unterscheidung heute gesprochener Roma-Sprachen in verschiedenen Ländern. Doch selbst innerhalb eines Sprachkreis gibt es Unterschiede, da durch mangelnde Verschriftlichung keine allgemein verbindlichen Regeln aufgestellt werden. So ist selbst die in Deutschland am häufigsten gesprochene Sprache Sinti nicht homogen in der Ausprägung.

In der Literatur ist das Bild des Zigeuners seit jeher negativ. Im 19. Jahrhundert gibt es den bösen Zigeuner im Volksmärchen. Im Kunstmärchen wird er auf romantische Weise zu einer positiv-naturnah-wilden Figur verklärt, die der Realität genauso wenig nahe kommt wie die Negativzeichnung. Und bei den so genannten Zigeunermärchen, die vortäuschen, von "Zigeunern" selbst zu stammen, handelt es sich um Anthologien, herausgegeben von Nicht-Zigeunern, die in diesen nur scheinbar authentischen Erzählungen wiederum ihre eigenen negativen Klischees transportieren. Bis in die Nachkriegszeit gab es - vor allem im Kinderbuch - die Fortsetzung solcher Stereotypien, bei denen der Rom entweder kriminell und verlumpt erscheint oder in romantischer Verklärung eine Phantasiewelt repräsentiert, die mit der Lebenswirklichkeit der Roma tatsächlich wenig zu tun hat. Solche Darstellungen gelangten gar in Schullesebücher. Die Autoren sehen erst in den letzten Jahrzehnten auch positive Beispiele literarischer Thematisierung. Besonders hervorzuheben ist der Roman "Abschied von Sidonie" von Erich Hackl.

Die vorliegende Arbeit bietet also Erkenntnisse zu gesellschaftlichem Engagement, Sprache und literarischer Darstellung der Roma bis in die Gegenwart, doch unübersehbar bleibt die Diskrepanz zwischen der kontinuierlich erhobenen Forderung nach realistischer, klischeefreier Darstellung in Medien und Literatur und der Tatsache, dass wenig bekannt ist über die in Deutschland lebenden Roma und Sinti. Der Leser erfährt, dass viele Roma seit Jahrhunderten sesshaft sind, erfährt aber nicht, wie viele tatsächlich noch als "fahrendes Volk" bezeichnet werden können, wie sich die Traditionspflege in den sesshaften Familien vollzieht, inwieweit die unmittelbare Umwelt integriert wird oder die eigene Roma-Identität vielleicht bis heute nach außen verborgen wird, wie das Leben der fahrenden Roma aussieht, wie die Sprachpflege funktioniert oder ob die Roma-Sprachen "vom Aussterben bedroht" sind.

Titelbild

Susan Tebbutt (Hg.): Sinti und Roma in der deutschsprachigen Gesellschaft und Literatur.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2001.
196 Seiten, 37,50 EUR.
ISBN-10: 3631353499

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