Insourcing des Schlafes

Oder: Mit dem Mikrofon im Menschenzoo

Von Anne-Kristin PalmRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anne-Kristin Palm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nein, ein Fräulein ist Kathrin Röggla nicht. Der Text, aus dem sie an diesem Abend in der "lesershow" der Neuen Gesellschaft für Literatur liest, ist weder fragil noch poetisch, noch handelt er von Gefühlen zu Großvätern - was ihn von denen ihrer Vorrednerinnen am Mikrofon der Volksbühne angenehm unterscheidet. Denn mit "Wir schlafen nicht" hat Kathrin Röggla sich in das Herz der Bestie vorgewagt und Ethnologie betrieben dort, wo der Neoliberalismus gemacht wird: bei den Unternehmensberatern, Key-Account-Managern und IT-Supportern, bei den Phänotypen der schönen neuen Arbeitswelt. Mehr als dreißig Interviews hat sie auf Messen der Branche geführt, das authentische Material zu einem merkwürdigen Hybrid aus Dokumentation und Roman verdichtet und damit im Grunde genau das vorgelegt, was wir, mit der Hand auf den Tisch schlagend, forderten: Schluss mit der Fräuleinliteratur, her mit einer neuen, ernsthaften, einer Literatur, die politisch ist womöglich, kritisch aber auf jeden Fall.

Und doch stellt sich während dieser Lesung ein leichtes Unbehagen ein: der Verdacht, hier würden einem seine eigenen Vorurteile zum Fraß vorgeworfen, hier würden Leute vorgeführt, von denen jeder längst weiß: Es sind Freaks, die nie schlafen, merkwürdigen Berufen nachgehen und finstere Dinge treiben. Und die dabei unglücklich sind, natürlich, Menschen mit Tunnelblick, die reine Funktion, entfremdet, deformiert und ortlos.

Diesem Unbehagen soll nachgegangen werden.

Rögglas Projekt ist spannend: Der Ideologie will sie bei der Arbeit zusehen, der Ökonomisierung der Sprache zuhören. "Mich interessiert, was mit den Menschen passiert, wenn ihre Rhetoriken ständig dem strategischen Sprechen unterworfen sind, dem Sprechen über Effizienz und Leistungsmaximierung." Diese Methode der Ideologiekritik durch Sprachkritik, der Blick auf Rhetoriken als Seismografen internalisierter Zwänge, als Hohlspiegel der Lebens- und Arbeitsbedingungen, ist nicht neu; Röggla kann sich hier auf einen ganzen Theorieberg der kritischen Schule berufen und sich einschreiben in die Tradition ihrer Landsleute Werner Schwab und Elfriede Jelinek. Auch René Pollesch beobachtet seit Jahren Menschen beim Spracheabsondern, Sprache, die sie hinter sich herzieht wie Marionetten. Es ist bereits angelegt in dieser Methode, sich genau der Strategie zu bedienen, die sie anprangert: Nicht nur die Sprache macht hier Menschen zu Material. Was nicht verwerflich ist - doch Vorsicht vor der Versuchung gebietet, sich über die Eindimensionalität des BWLer-Deutschs und die Absurdität seiner Anglizismen lustig zu machen, sich bequem zurückzulegen: Seht ihr, so sind sie, die Leute, die Anderen, und wir verstehen nicht, warum.

Effizienz und Leistung, Durchhaltevermögen und Flexibilität, shortsleeping und quickeating: Die New Economy hat uns ihre Leitbilder hinterlassen, nun treiben sie in unseren Worten ihr Unwesen. Kein Wunder, wo Arbeit als einzige Identifikationsmöglichkeit, letzte Glaubenslehre zurückgeblieben zu sein scheint. Nur ist etwas hinzugekommen seit damals, als man sich bereitwillig vom Schlaf verabschiedete und die Arbeit als Droge entdeckte: die Angst. Angst ist der Treibstoff, der diese Maschinerie am Laufen hält, eine autopoietische Angst, Angst davor, selbst downgesized und wegrationalisiert zu werden, unter die Räder zu kommen dieses Karussels, das sich immer schneller um sich selbst dreht. Die sieben Figuren, die Röggla aus dem Tonmaterial synthetisiert hat, die Online-Redakteurin, den Senior Associate, den Partner wie die Praktikantin: Sie arbeiten aus Angst, und sie sprechen aus Angst. Hörten sie auf, könnten sie einschlafen, und einschlafen ist der Tod in diesem Spiel. Die Messe ist die Bühne, auf der sie umherirren, ständig in Bewegung, und doch in lähmender Statik. Figuren, die nur mehr ihren eigenen Geschäftsbericht leben, weil für eine Biografie keine Zeit bleibt. Bonjour Tristesse.

Doch soll hinter diesem Text der Anspruch stehen, Zitate realer Lebenswirklichkeiten soziologisch zu sezieren? Soll man diesen Chor von Untoten aus echten Menschen bestehend denken, denen auf den Mund geschaut wurde, als sie sagten: "er komme erst gar nicht runter. meist suche er sich gleich wieder einen neuen streß, also er würde sagen: so richtig runterkommen tue er nicht. wieso auch? ja, das runterkommen wäre für ihn viel stressiger, als sich einen streß zu organisieren"? Lieber nicht, denn was der Kunst offen steht, ist der Dokumentation streng verboten: Das Vorführen ihrer Figuren.

Versuchen wir also, dies Buch als Roman zu lesen, das heißt: als Farce. Was das Lesen erschwert - aber einfache Kost hatten wir ja auch nicht bestellt -, hilft hier: 219 Seiten indirekte Rede, konsequente Kleinschreibung. Das entwirklicht, schafft Distanz. Doch anders als in den überdrehten Theaterstücken eines Pollesch, der das ökonomische Sprechen radikal auf private Diskurse überträgt und damit zu einem schrillen Crescendo treibt, ist dieser Text für das Groteske des Bildes vielleicht einfach nicht verfremdet genug. Man muss seine Charaktere weder lieb haben noch ein Figurenversteher sein. Doch wenn nichts vom Reiz zu spüren ist, vom Kitzel, der ein wie auch immer schwer zu begreifendes Verhalten hervorruft, dann wird es einfach schnell langweilig, da harmlos: Für uns besteht keine Gefahr; in Gefahr, das sind die anderen. Die Schlaflosen sind in einem Alptraum gefangen, die eigentlich Wachen, das sind wir.

Erinnern wir uns an Kathrin Rögglas Ausgangsfrage: Was passiert, wenn Leute ständig dem strategischen Sprechen unterworfen sind? Die Antwort, die ihrem Text zu unterliegen scheint, und die sie selbst in einem Interview formuliert, würde sie "mit einem vielleicht merkwürdigen Begriff umschreiben: Man wird unmenschlich". Das Problem ist, das Nicht-Menschen alles sein können, nur nicht: wir. Daher ist das Unbehagen nicht auszuräumen, dieses Buch zu sehr das, was es nicht sein will, nicht sein darf: eine Moralpackung.

"also man könne gar nicht mehr von psychisch ungestörten menschen ausgehen, nein, das könne man nicht, man müsse eher von psychisch gestörten menschen ausgehen, aber das habe er ja schon gesagt, gut, jedenfalls, selbst in einem arbeitsverhältnis würde er nicht mehr von einem psychisch ungestörten gegenüber ausgehen, aber es gebe dennoch leute, die schössen übers ziel hinaus mit ihren neurosen." Gern hätte man mehr über seine eigenen Neurosen erfahren: Was spricht da, wenn ich rede? Interessant war es trotzdem. Schlafen Sie gut.

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Kathrin Röggla: Wir schlafen nicht.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
208 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-10: 3100660552

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