Akademische Rituale

Werner Zilligs Roman "Die Festschrift"

Von Markus SteinmayrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Markus Steinmayr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Krank, so dachte ich, hier ist alles und
jeder krank, und zwar unheilbar krank.
Das Kranksein gehört an dieser Institution
zum guten Ton, ist diesem sogenannten
Denkort a priori inhärent.
(Jörg Uwe Sauer: "Uniklinik")

Seit geraumer Zeit finden sich in den Katalogen der einschlägigen Verlagshäuser immer häufiger Ankündigungen von Festschriften. Dies mag damit zu tun haben, dass die fast komplett in Amt und Würden befindliche Generation der 68er sich nun langsam dem Rentenalter nähert und sich die Schüler und Schülerinnen mit der Frage konfrontieren müssen, ob denn der Ordinarius oder die Ordinaria wohl eine Festschrift zum 60. Geburtstag wünsche. Geheimniskrämerei wird dann zu einem guten Teil des Lehrstuhlgeschäfts, da der Ordinarius auf gar keinen Fall Wind davon bekommen darf, dass eine Festschrift ediert werden soll. In Folge dieses Entschlusses wird eine Liste möglicher Beiträger erstellt, welche auf das sorgfältigste geprüft werden muss, da persönliche Verwerfungen, sachliche Unvereinbarkeiten und methodische Grabenkämpfe zu berücksichtigen sind. So wird im Netzwerk des Ordinarius herumgeforscht. Die Herausgeber machen sich auf die langwierige Suche nach einem Verlag, der sich dazu herablässt, ein solches Sammelsurium herauszubringen; ist es doch häufig so, dass die thematische Kohärenz der Aufsätze allenfalls zu ahnen ist. Nachdem die Vorbereitungen in der Sache abgeschlossen sind, stellt sich für das Team häufig die Frage, wie denn die Festschrift überreicht werden könne. 68er, deren Verhältnis zu akademischen Ritualen mindestens zwiespältig ist, verweigern sich oft der Vorstellung, dass die Festschrift ihnen in einer offiziellen akademischen Feier überreicht wird, zu der dann die Spektabilitäten der angrenzenden Fakultäten und seine Magnifizienz höchstpersönlich erscheinen, um salbungsvolle Worte zu sprechen, da sie solche Rituale doch einst heroisch bekämpft haben. Soll man denn nun die Festschrift einfach am Tag des 60. Geburtstags auf dem selbstverständlich übervollen Schreibtisch im Dienstzimmer liegen lassen, soll man, sofern es eine private Feier gibt, einen Programmpunkt "Übergabe der Festschrift" reservieren? Wer muss von den Honorationen des Fachbereichs unbedingt eingeladen werden, wer nicht? Um den eigentlichen Text der Aufsätze spinnt sich ein Netz von Überlegungen und Schwierigkeiten, das allmählich beginnt, den eigentlichen Gegenstand zu überdecken...

Man ahnt, dass das Sujet "Festschrift" ein unterhaltsamer Stoff für einen Roman hergeben könnte. Es ist ein akademisches Ritual, dessen Beobachtung und Beschreibung Aufschlüsse über das universitäre Soziotop und seine Bewohner geben kann. Somit kann man mit einigem Recht Werner Zilligs Roman "Die Festschrift" als Campusroman bezeichnen, also als Exemplar jener Gattung, deren Entwicklung in Deutschland trotz des grandiosen Erfolgs von Dietrich Schwanitz' "Der Campus" immer noch in den Kinderschuhen steckt. Campus Novels spielen im literarischen Leben des angloamerikanischen Sprachraums eine viel größere Rolle als in Deutschland - man denke nur an den großen Erfolg von David Lodges Romanen. Seine Geschichten sind ethnologische Studien über die recht seltsame Spezies der Literaturwissenschaftler, die in anderen Jahreszeiten denken als andere (Semesterferien), die eine periodisch auftretende Ruhelosigkeit zu Beginn der Kongresssaison kennen und darüber hinaus sich durch exzessive Gemeinschaftsrituale auszeichnen.

Doch Werner Zilligs Roman "Die Festschrift" ist anders, ganz anders. Das fängt schon mit der Herausgeberfiktion an, ein literaturhistorisch nicht unbedingt als innovativ zu bezeichnender Trick. In Johann Gottfried Schnabels "Insel Felsenburg", Goethes "Werther" und Romanen E.T.A. Hoffmanns bis hin zu denen Thomas Manns ist die Herausgeberfiktion metafiktional. Ein anderer Trick, nämlich durch den Satz "Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig" dem Leser die Gattung "Schlüsselroman" deutlichst vor Augen zu stellen, ist ebenso ein wenig schal. Auch scheint die Verbeugung vor immerhin dreizehn Autoren, deren Motti in fünf Sprachen den Eingang zum Roman schmücken, nicht die Funktion eines Paratextes zu erfüllen, wie sie Gérard Genette erarbeitet hat.

Der Autor oder Herausgeber Werner Zillig hat das Manuskript zu diesem Schlüsselroman von einer "alten Freundin" erhalten, deren Mann Bernhard Selig es "ausschließlich für die private Lektüre" vorgesehen hatte. Er hat sich aber das Recht vorbehalten, den Text gründlich zu überarbeiten und - um der besseren Lesbarkeit willen - noch durch erzählerische Eingriffe abzurunden. Alle diese Eingriffe haben aber, wie der Herausgeber nicht ohne Stolz berichtet, die Zustimmung des Manuskriptverfassers gefunden. So geht die Geschichte los, die eigentlich aus zwei Geschichten besteht. Die erste Geschichte erzählt sehr ausgedehnt und bis an die Grenze der Langeweile von den Mühen der Edierung einer Festschrift, wenn man es mit unterschiedlichen Textverarbeitungsprogrammen wie "Word Perfect", "StarWriter" und "Word" zu tun oder den Kulturkampf zwischen "Macintosh"-Betriebssystem und "Windows" erneut zu bestehen hat. Bernhard Selig, verdienter Hochschuldozent an der ehrwürdigen katholisch-theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität zu Tübingen, will gemeinsam mit anderen Schülern des hochberühmten Theologen Fischkirner, einer Koryphäe der Gleichnisforschung, dem verehrten Lehrer zum 60. Geburtstag diese Gabe überreichen. Zillig schildert die Arbeit als Martyrium, als nicht enden wollenden Kampf mit Laserdruckern, Druckformaten und orthografischer Ahnungslosigkeit. Unterbrochen wird die Fron der Festschrift immer wieder durch groteske Gespräche mit dem Leiter des Litter-Verlags, bei dem die Festschrift herauskommt, durch die üblichen Dozentenroutinen wie Sprechstunden und Gespräche mit der Universitätsverwaltung. Diese Schilderungen sind teilweise sehr amüsant, teilweise aber ufern sie auch aus und ermüden den Leser. Im zweiten Teil rückt die Arbeit an der Festschrift in eine Nebenrolle. Sie wird verdrängt durch den Eintritt von Manjo Monteverdi in die Welt des Romans, der sehr unvermittelt daherkommt. Sie taucht aus dem Nichts auf. Die erste Begegnung zwischen dem zölibatären Priester und der attraktiven Dozentin am romanistischen Seminar ist purer Zufall. Bernhard Selig will sich und das abgeschlossene Werk feiern und beschließt, in einem der zahlreichen guten Restaurants in der Tübinger Innenstadt ein Festmahl zu sich nehmen. Da die Tübinger Restaurants (wie in scheinbar jeder südwestdeutschen Universitätsstadt) immer sehr voll sind, muss Bernhard Selig sich den Tisch mit der besagten Frau Monteverdi und einem ihrer Kollegen teilen. Selig, der zur Entspannung gerne Romane eines gewissen David Lodge liest, zieht ein Buch aus der Tasche und kommt mit seinen Tischnachbarn in ein Gespräch, das die Situation der zufälligen Begegnung ins Literarische überträgt. Denn das Buch, um das es geht, ist von Paul Auster und trägt den Titel: "Musik des Zufalls". Es kommt, wie es kommen muss: Die wunderschöne Romanistin lädt Bernhard Selig noch auf einen abschließenden Kaffee ein, der sich aber als aphrodisierender Cocktail entpuppt, der den Helden der sexuellen Entsagung am Gelübde der Ehelosigkeit scheitern lässt. Die Festschrift kommt nur noch in Gestalt der Übergabe vor, dessen Schilderung so trocken wie die zu dieser Gelegenheit stattfindende akademische Feier ist.

Der Roman verliert im zweiten Teil deutlich an Qualität. Teilweise hinterlässt der Text den Eindruck, als wähle Zillig hier die 'Holzhammer-Methode' des intertextuellen Verweisens: Beispielsweise findet Bernhard Selig in der Wohnung der Monteverdi Bücher des Autors Bernhard Zillig. Sowohl die Figuren als auch das Setting des Romans haben deutlich von den Romanen David Lodges profitiert. So trägt Bernhard Selig deutliche Züge des Protagonisten des 1992 erschienenen Lodge-Romans "Neueste Paradies Nachrichten", Bernhard Walsh. Das Zusammentreffen zwischen zwei so verschiedenen Kulturen wie der der Theologie und der Literaturwissenschaft ist mit Sicherheit von der Begegnung zwischen Vic Wilcox und Robyn Penrose aus "Saubere Arbeit" inspiriert. Auch die abschließende Konferenz, auf der Bernhard Selig seinen Ausstieg aus dem Priesterberuf verkündet und erfährt, dass er Vater wird, schuldet nicht wenig dem Setting der zahllosen Tagungen in "Schnitzeljagd". Zillig verliert hier in seiner exzessiven Intertextualisierung seinen Gegenstand aus den Augen. Vielleicht aber auch doch nicht. Die Humorlosigkeit und die etwas trockene bis spießige Atmosphäre seines Romans ist möglicherweise die angemessene Darstellung der Realität an unseren Bildungsanstalten.

Titelbild

Werner Zillig: Die Festschrift. Roman.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2004.
214 Seiten, 19,50 EUR.
ISBN-10: 3937667008

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