Die Wiederherstellung des Siegels

Zu einer kommentierten Neuedition des Corpus Theognideum

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Sammlung der Elegien des Theognis von Megara, die ursprünglich vermutlich unter Flötenbegleitung bei Symposien des 4. und 5. vorchristlichen Jahrhunderts gesungen wurden, darf als einzigartiges poetisches Kompendium gelten. Der Verfasser, der bei Platon und Isokrates als guter Ratgeber Erwähnung findet, ist in den ihm zuweisbaren Gedichten als älterer Mann dargestellt, der einem wohl fiktiven Knaben Kyrnos Ratschläge erteilt und durch seine Lieder Unsterblichkeit verheißt. Als Repräsentant der von den stürmischen Veränderungen dieser Zeit in ihrer gesellschaftlichen Stellung bedrohten Aristokratie preist Theognis Geselligkeit und Vertrauen unter "guten Männern" (agathoí), die "Freunde" (phíloi) und "Kameraden" (hetaíroi) sind; er selbst scheint jedoch von seinen Mitbürgern nicht geschätzt zu werden und präsentiert sich stets misstrauisch: "Doch auch wenn ich bei allen Menschen / bekannt / bin, / kann ich es nicht allen meinen Mitbürgern recht machen". Theognis greift wiederholt korrupte Politiker an, die Bürgerkriege und Tyrannei verursachen können, beklagt den sozialen Aufstieg von Männern, die er als niedrig geboren verachtet: "die, die zuvor kein Recht und kein Gesetz kannten, / die an ihren Hüften rauhe Ziegenfelle scheuern ließen / und draußen vor der Stadt wie Hirsche ihr Leben fristeten". Dies führt Theognis zufolge zu einer Inversion der Gesellschaft: "Und jetzt sind sie die Guten (agathoí) [...], und, die früher Edle (esthloí) / waren, sind jetzt die Erniedrigten (deiloí)". Unspezifische Klagen über die Folgen von Armut und Exil oder Beschwerden über eigene verlorene Güter sind wohl nicht - wie in der Forschung mitunter behauptet wird - als Beweis für eine Verbannung des Theognis zu lesen. Der Tyrann und die Feinde, an denen sich der Verfasser des ersten Elegien-Buches rächen möchte, werden nicht namentlich erwähnt, was den wiederholten Vortrag des Corpus Theognideum insgesamt erleichtert, aber die Identifizierung seiner Gegner unmöglich gemacht haben dürfte.

Zahlreiche andere Themen des ersten Elegien-Buches (soziopolitische Ratschläge, Aphorismen und Klagen mit sympotischen Weisheiten über Vergnügen und Trinken) stellen Theognis in die Tradition der griechischen Elegie, wie sie sich etwa in den wenigen uns überlieferten Fragmenten des Mimnermos, die in bewegenden Worten den Verlust der Jugend und der damit zusammenhängenden Lebensfreuden beklagen, oder in den ebenfalls wenigen Fragmenten des Phokylides zeigen, der sich weniger mit historischen oder geografischen Kontexten als mit allgemeinen Lebensregeln banaler Art auseinandergesetzt hat. Anders als die Gnomen des Phokylides aber sind die Theognidea keine Fälschung. Sämtliche der gesammelten Verse stammen aus archaischer Zeit, also aus dem 7. bis 5. vorchristlichen Jahrhundert, und sind keineswegs verfasst worden, um unter dem Namen des Theognis veröffentlicht zu werden. Theognis selbst können etwa 308 Zeilen zugeschrieben werden, aufgrund verlässlicher Zitate bzw. durch die stets im Vokativ erfolgte Anrede an Kyrnos (Kýrne). Dies entspricht etwa einem Viertel des ersten Elegien-Buches, doch können zweifellos auch weitere Gedichte von ihm stammen. Dirk Uwe Hansen, der für eine vorbildliche Neuedition des Corpus Theognideum im Rahmen der in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erscheinenden Reihe "Edition Antike" verantwortlich zeichnet, interpretiert in seiner Einleitung die Verse 237 bis 254 als adäquaten Abschluss des 'echten' Theognis, da "[d]urch die konsequente Universalisierung" der Gedanken das erreicht werde, was diese Sammlung fordere: "Die Gedichte sind überall und zu allen Zeiten verständlich und einsetzbar". Das allerdings setzt voraus, dass die Gedichte in einem Buch fixiert wurden. In diesem Sinne liest Hansen die Verse 19 bis 30 der Sammlung - "Kyrnos schlau habe ich mir ein Siegel ausgedacht, das auf / diesen Worten liegen soll. So kann sie niemand unbemerkt stehlen, / niemand sie zum Schlechteren ändern" - als Bestreben des Dichters, die Wiedererkennbarkeit der Elegien und eine grundsätzliche Sicherheit vor Veränderungen des Wortlautes der eigenen Dichtung zu gewährleisten.

Dem Copyright in antikem Gewande war allerdings kein großer Erfolg beschieden, ist doch nicht nur das erste Elegien-Buch von fremden Texten (aus der Feder des Tyrtaios, des Mimnermos, des Solon und des Euenos) durchzogen, sondern mit dem zweiten Elegien-Buch haben sich weitere 159 Zeilen an die ursprünglichen Elegien angehängt. Dieses zweite Buch entstand wohl erst in byzantinischer Zeit (9. nachchristliches Jahrhundert) durch eine Versetzung aller explizit päderastischen Texte an das Ende der Sammlung. Somit wurde das Siegel des Theognis mehrfach gebrochen. Wie Hansen bemerkt, hat sich "in mindestens drei Schritten in drei verschiedenen Jahrhunderten" unter dem Namen des Theognis "eine Sammlung von Gedichten gebildet, deren gemeinsamer Grundton und gemeinsame Themenstellung sich auf die diesem Theognis mit großer Sicherheit zuzuschreibenden Verse zurückführen lassen". Völlig zu Recht verweist Hansen darauf, dass es sich bei dem Corpus Theognideum nicht um ein zufälliges Konglomerat einzelner Bruchstücke handelt, sondern um ein Werk sui generis. Damit hätte sich die Funktion des Siegel-Gebens dann letztlich doch bewährt. Der Faszination, die sich bei der Lektüre dieser Texte auch heute noch einstellt, tut dies allerdings keinen Abbruch.

Titelbild

Theognis: Frühe griechische Elegien. Griechisch und deutsch.
Herausgegeben von Martin Hose.
Übersetzt aus dem Griechischen von Dirk Uwe Hansen.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004.
180 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3534181336

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