Antiker Ghostwriter

Die Reden des Logografen Lysias sind in einer Neuedition zu bewundern

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seinen Reden zur "Verteidigung im Mordfall Eratosthenes" und zur "Verteidigung vor dem Areopag wegen Beseitigung eines Ölbaumstumpfes" erweist sich Lysias, der im 4. Jahrhundert v. Chr. als Zeitgenosse Platons in Athen lebte, als Meister der attischen Beredsamkeit nach allen Regeln der Kunst. Die Titel sprechen für sich, die Fälle sind aus dem athenischen Alltagsleben gegriffen, und Bezüge zu heutigen gerichtlichen Auseinandersetzungen sind keineswegs zufällig. Ein Teil der Reden diente aber auch dazu, wie es rhetorische Gepflogenheit war und dem Zweck der Glaubhaftmachung des eigenen Standpunkts diente, Rechenschaft über die persönliche Lebensführung zu geben. Und so erfahren wir aus der Eratosthenes-Rede etwa, dass Lysias bis zu diesem Zeitpunkt weder eigene noch fremde Prozesse geführt hat und mit diesem Prozess zum ersten - und in eigner Sache wahrscheinlich auch zum einzigen - Mal vor die Öffentlichkeit trat. Möglicherweise bewirkte sein überzeugender Auftritt in diesem Prozess, dass Lysias zum begehrten Verfasser von Verteidigungs- oder Anklagereden (logográphos) wurde. Vielleicht hat aber auch der Verlust eines großen Teils seines Vermögens unter der Herrschaft der Dreißig (404 v. Chr.) Lysias veranlasst, sein Geld in der Folge durch die Abfassung von Gerichtsreden zu verdienen.

Der Logograf Lysias darf aber keineswegs mit einem Rechtsgelehrten bzw. Rechtsvertreter verwechselt werden; er war vielmehr nach eigenem Verständnis ein Redenschreiber. Natürlich musste er für seine Reden die für den vorliegenden Rechtsfall zugrunde liegenden Vorschriften und Gesetze kennen, er konnte sie aber ganz individuell für diesen Fall interpretieren. Die Logografie als Besonderheit des attischen Redewesens verlangte vom Redenschreiber besonderes Einfühlungsvermögen hinsichtlich des individuellen Falls und vor allem natürlich auch der Person desjenigen, für den die Rede zu schreiben war. Für die Kunst, die hierzu vonnöten war, die Ethopoiie, die sich im Deutschen etwa mit dem Begriff 'Charakterzeichnung' wiedergeben lässt, wurde Lysias schon in der Antike besonders gelobt. Im Gegensatz zu den Texten vieler Rhetoriker des Altertums beruht die Kunst des Logografen darauf, nicht so sehr die eigene Person in der verfassten Rede hervortreten zu lassen als eben die des Sprechers unter Beachtung bestimmter Erwartungen des Publikums einerseits und unter Beachtung von dessen Lebensumständen andererseits. Der Logograf war kein Schreiber in eigener Sache, sondern ein Ghostwriter für die Belange seiner Auftraggeber.

Lysias' hervorragende Kunst der Ethopoiie entfaltet sich auf allen sprachlichen Ebenen, im Wortgebrauch ebenso wie in der Syntax und allgemein in der Stilistik. In seinem Dialog "Phaidros" lobt Platon Lysias als den fähigsten zeitgenössischen (Reden-)Schreiber (deinótatos tón graphein). Lysias' Reden sind ein Musterbeispiel an Klarheit und übersichtlicher Gliederung; sie folgen durchweg dem klassischen Muster: Einleitung (prooímion), Darstellung des Sachverhaltes (diégesis), Beweisführungen (písteis) und Schluss (epílogos). Seine eigentliche Meisterschaft entfaltet Lysias schon nach Meinung der antiken Theoretiker in der Darstellung der Diegese. Der antike Historiker Dionys aus Halikarnass meinte sogar, dass Lysias unter diesem Gesichtspunkt der beste aller Redner des Altertums sei (Lysias, § 18).

Neben seinen Fähigkeiten zur Ethopoiie wurden bereits von den antiken Literaturkritikern die stilistischen Qualitäten des Lysias hervorgehoben. Er galt den Zeitgenossen wie auch den Nachgeborenen als ein Meister des schlichten Stils und wurde zum vollkommenen Muster, als man in späthellenistischer Zeit und in der römischen Kaiserzeit im Rückblick auf die große klassische Epoche der griechischen Geschichte und Kultur bemüht war, Vorbilder für den echten attischen Stil zu statuieren. Der Blick auf das aptum, das jeweils Angemessene, ist es, was Lysias zum Meister der Stilistik macht. Dionys lobt dementsprechend die Fähigkeit, das richtige Wort an die jeweils richtige Stelle zu setzen, die Reinheit des Sprachgebrauchs, der sich an der attischen Umgangssprache orientiert, und überhaupt die Klarheit und Lakonie der Ausdrucksweise, die seinen Worten eine natürliche Eleganz verleiht. Zu keiner Zeit nehmen die Stilmittel überhand, nach Dionys (Lysias, § 4) wird dadurch der jeweilige Sachverhalt nicht zum Sklaven der Worte, sondern die Worte passen sich den jeweiligen Sachverhalten an.

Die Überlieferung verzeichnete unter Lysias' Namen 425 Reden, von denen bereits die antike Literaturkritik nur etwa 230 als echt anerkannte. Das hat darin seinen Grund, dass nach Lysias' Tod auch Reden dubioser Herkunft unter seinem schon damals berühmten Namen verbreitet bzw. verkauft wurden. Über 170 Titel lysianischer Reden sind uns heute noch bekannt, tatsächlich erhalten im Corpus Lysiacum sind allerdings nur noch 35 mehr oder minder komplette Reden. Auch die moderne Philologie hat immer wieder die eine oder andere Rede in ihrer Authentizität aufgrund sprachlicher, stilistischer und mitunter chronologischer Kriterien in Zweifel gezogen. Einen Extrempunkt erreichte dieser Streichungsexzess in der Auffassung Kenneth J. Dovers, der zu der - allerdings angezweifelten - Auffassung gelangte, dass wir nur von der Rede gegen Eratosthenes sicher annehmen könnten, dass sie in ihrer Gesamtheit von Lysias allein verfasst worden sei, während sonst von der 'Mitwirkung' der jeweiligen Klienten am Schreib-Prozess auszugehen und dadurch die Identifikation eines genuin lysianischen Stils schlichtweg unmöglich sei. Auch über die im Rahmen des platonischen Dialogs "Phaidros" überlieferte Rede "Erotikos" wurde lange Zeit heftig debattiert; mittlerweile hat sich die Ansicht verfestigt, hier handele es sich lediglich um eine platonische Fiktion.

Insgesamt lassen sich die Gerichtsreden des Lysias nach einer größeren Anzahl von Verteidigungsreden und einer geringeren Anzahl von Anklagereden unterscheiden. Eine weitere häufig vorgenommene Differenzierung lässt sich nach öffentlichen und privaten Reden bzw. Prozessen vornehmen, wobei jedoch beachtet werden sollte, dass hierzu nicht nach modernen, sondern ausschließlich nach antiken Maßstäben zu unterscheiden ist. Der Tatbestand des Mordes etwa fällt in Athen in den Bereich des privaten Prozessrechts, da man für den Mord kein öffentliches Interesse reklamierte, ihn stattdessen als Angelegenheit allein zwischen Opfer und Täter ansah.

Nun könnte sicherlich gefragt werden, was die Reden des Lysias für heutige Lektüre überhaupt noch interessant macht. Eine ganze Menge: Abgesehen von ihrem immensen Wert für die Rekonstruktion der antiken Rechtsgeschichte und Rhetorik stellen die Reden eine wichtige Quelle für das Alltagsleben im Athen des ausgehenden 5. und beginnenden 4. Jahrhunderts v. Chr. dar. Auch wenn die zeitgenössische Politik zwar gelegentlich auch eine Rolle spielt, weil von den Sprechern wiederholt ihr eigenes Verhalten oder das der Gegner unter der Herrschaft der Dreißig reflektiert wird, steht aber deutlich die alltägliche Auseinandersetzung der Athener Bürger im Zentrum der Texte: Es geht um Mord und Körperverletzung, Eifersucht und Beleidigung, Darlehensschulden und anderes mehr. Die lysianischen Reden vermitteln somit nicht nur einen unterhaltsamen Einblick in eine ferne Vergangenheit, sondern weisen auch eine Vielzahl sozialer Agitationstypen auf. Ingeborg Huber hat im Rahmen der "Edition Antike" der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erstmals eine vollständige kommentierte Ausgabe dieser einzigartigen Reden des Lysias in Bänden mit deutscher Übersetzung und einer ausgesprochen informativen Kurzeinführung in Leben und Werk des athenischen Logografen vorgelegt. Es bleibt zu hoffen, dass diese mustergültige Edition zukünftig zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit Lysias beitragen wird.

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Lysias: Reden. 2 Bände. Griechisch und deutsch. Nur geschlossen und für Mitglieder der WBG beziehbar.
Herausgegeben von Kai Brodersen.
Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Ingeborg Huber.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005.
498 Seiten, 59,80 EUR.

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