Zeigen, was sich nicht vorstellen lässt

Die Comics von Pascal Croci und Joe Kubert bebildern den Holocaust

Von Fabian KettnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Fabian Kettner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ob und wie man den Holocaust künstlerisch, gar populärästhetisch darstellen könne und dürfe, ist eine beliebte Debatte. Selten geht es dabei um die Frage nach der Darstellbarkeit, das heißt nach ihrer grundsätzlichen Möglichkeit. Meistens ist es mehr eine Frage der Moral: Darf etwas, was wie der Holocaust auf einen Gipfel des Grauens verweist, überhaupt gemein gemacht werden? Dann wird auf Theodor W. Adornos Satz über Gedichte nach Auschwitz zitiert und Celans "Todesfuge" als Gegenbeispiel genannt. Die ehrwürdigen Medien des bildungsbürgerlichen Kanons (Roman, Gedicht) haben weniger Legitimationsprobleme als die populären Medien. Die Debatten um den Film sind seit "Schindlers Liste" und erst recht seit dem danach einsetzenden Boom der Holocaust-Filme (und vor allem der Komödien) noch lange nicht erledigt. Geht es aber um Comics, werden die Proteste erst recht laut. Denn schließlich gelten Comics gemeinhin als Kinderkram, als oberflächlich und banal, gar als Schund - und dies trotz des viel gelobten Werks "Maus" von Art Spiegelman, der dafür 1992 sogar den Pulitzer-Preis erhielt. Deswegen spricht man statt von "Comics" lieber von "graphic novels".

Wenn anlässlich der deutschen Ausgabe der Comics von Pascal Croci und Joe Kubert sogar "Bild" fragt: "Darf man den Schrecken des Holocaust als Comic zeigen?", dann geht es allerdings mehr um die Frage, ob man den Schrecken des Holocaust darstellen dürfe und ob dies ethisch vertretbar sei - nicht etwa darum, ob es zeichnerisch möglich sei. Man befürchtet, dass man die Leiden der Opfer ästhetisch ausbeute und den Betrachtern zuviel zumute. Versteht man unter "Schrecken" Gewalt, Grausamkeit, Erschießungen, Vergasung und Verbrennung, dann haben das beide Comics dargestellt: Crocis Band spielt komplett in Auschwitz; Kuberts im Warschauer Getto in den Tagen des jüdischen Aufstands, über die Erzählungen eines Flüchtlings allerdings zu fast einem Drittel auch in Auschwitz.

So wenig sich der Gesamtprozess der Judenvernichtung, inklusive der Entwicklung zu ihr hin, in den Gaskammern und Krematorien von Auschwitz erschöpft, so wenig entscheidet sich die Frage, ob die Darstellung der Shoah gelungen ist, an der Illustration von Kopfschüssen und halb verwesten Menschen. Auch historische Exaktheit muss nicht ein Kriterium sein. Wenn Kubert "am anderen Ende" des Warschauer Gettos ein Gebäude der Sicherheitspolizei erfindet, wenn er Gaswagen auch in Auschwitz zum Einsatz kommen lässt, wenn er berühmt-berüchtigte Häftlingsarbeiten von Mauthausen nach Auschwitz verlegt oder wenn er die Wehrmacht statt der SS in Auschwitz Dienst verrichten lässt, dann ist dies zwar historisch falsch, berührt die Probleme künstlerischer Darstellung aber nur äußerlich. Kubert erzählt eine Geschichte und hat keine geschichtspädagogischen Absichten wie Croci. Kuberts Zusammenziehen unterschiedlicher historischer Fakten geschieht entweder aus erzählerischer Freiheit oder aus Unwissenheit. Manchmal allerdings muss man beobachten, wie ein Mangel an historischem Wissen mit Assoziationen und wilden Vermutungen aufgefüllt wird. Wenn Kubert aus den "Sonderkommandos" in den Lagern - eine abgesonderte Gruppe Häftlinge, die ausschließlich mit dem Vernichtungsprozess beschäftigt waren und schließlich selbst vergast wurden - kurzerhand Elitekommandos für verdiente, freiwillig besonders hart arbeitende Häftlinge macht, dann wird es ärgerlich. Nicht nur weil es scheint, dass die grauenhafte Hohn-Parole, dass Arbeit frei mache, wenigstens zum Teil gestimmt habe, sondern noch viel mehr, weil die Angehörigen dieses Sonderkommandos zu einer Art derber 'Frontschweine' mit harten, fast trutzigen soldatischen Gesichtern stilisiert werden, die von harter Arbeit und Erfahrung des Grauens gestählt worden seien. Der nackte Körper eines Fliehenden, der sich entschlossen unter dem Stacheldraht durcharbeitet, ist der eines muskelbepackten Kämpfers. Allein schon auf Grund der extrem mangelhaften Ernährung in Auschwitz war ein derartiges Bild undenkbar. Das Profil seines kahlen Schädels sieht aus wie das von Marlon Brando als Colonel Kurtz in Francis Ford Coppolas Film "Apocalypse now". Der Weg eines Rabbi vom gewöhnlichen Häftling über das Sonderkommando bis hin zur Flucht aus Auschwitz, um die Bewohner des Gettos zu warnen, ist eine Helden- und Märtyrergeschichte, mit der man aus der vollendeten Sinnlosigkeit der Judenvernichtung noch Funken von Sinn schlagen möchte. Für Kuberts Comic gilt dies aber glücklicherweise insgesamt nicht.

Dass Kubert an diversen Superhelden-Comics mitarbeitete, schlägt trotzdem durch. Sein Erzähler und Alter Ego ist Yossel, ein 16-jähriger Getto-Bewohner, der gerne typische Superhelden zeichnet, um so der schlimmen Realität zu entfliehen. Dass er für die Nazis immer wieder arische Superhelden zeichnen muss, dass also das Körperideal seiner Helden mit dem Arno-Breker-haften seiner Mörder nahezu übereinstimmen muss, das hätte Kubert zu einer schönen Reflexion über den Comic im Comic ausbauen können. Aber diese Chance verpasst er. "Sogar meine von Comic-Helden angeheizte Vorstellungskraft konnte nicht die schrecklichen Ereignisse erfassen", lässt Kubert seinen Yossel an einer Stelle erkennen. Eben darum kann er es nicht! Hier sind Form und Inhalt inkompatibel. Kuberts Zeichnungen hervorstürmender und kämpfender deutscher Soldaten könnten auch einem SA-Mann gefallen.

Doch im Gegensatz zu Crocis flächigen, blassen, glatten Bildern sind die Kuberts die besseren. Absichtlich verwendete er Bleistift-Reinzeichnungen, die teilweise wie halbfertige Skizzen aussehen, nur angedeutet. Gestalten schälen sich aus dem Hintergrund, nehmen Kontur an, verschwinden. Auch wenn er dies um der "Unmittelbarkeit" willen tat, wie er selber sagt, so wird bei ihm doch durch die Sichtbarkeit von Hilfslinien eine möglicherweise vorgetäuschte Authentizität durchbrochen. Gerade diese möchte wiederum Croci erreichen und dabei möglichst getreu reale Historie erzählen. Sowohl die Geschichte wie die Historie werden eilig erzählt, als sollte möglichst schnell die gesamte Chronologie der Shoah im Allgemeinen wie die von Auschwitz im Besonderen erzählt werden. Darin schickt Croci hilflos Menschen hin und her; Textblasen ergänzen die Informationen. Aber nicht nur scheitert er bereits bei der ästhetischen Umsetzung, weil die Häftlinge einfach zu gut aussehen, zu gut gekleidet und genährt. Ärmlich zwar, aber doch stark und trotzig-mürrisch bis verwegen: Croci biegt sich das nach Belieben zurecht. Obwohl er von einem der ehemaligen Häftlinge, mit denen sich Croci bei der Arbeit zu seinem Comic ausgetauscht hat, darauf hingewiesen wurde, dass die von ihm erfundene Kopfbedeckung nicht wirklichkeitsgetreu sei, blieb er bei seiner Version; denn, so bekennt er: "Die Häftlinge sahen lächerlich damit aus." Und mit lächerlichen Gestalten kann man keine gescheite Geschichte erzählen. Aber mit einem Obersturmbannführer mit fiesem Gesicht, der stets an einer Zigarette in einem dekadent langen Mundstück zieht, dessen Hände mit unnatürlich langen und dünnen Fingern wie Fledermausklauen aussehen und der sich in einer Traumsequenz folgerichtig in Nosferatu verwandelt.

Realhistorie baut Croci immer wieder ein, zum Beispiel indem er die Szene vom Beginn von Claude Lanzmanns Film "Shoah" aufnimmt, in der ein polnischer Bauernjunge den in Viehwaggons zum Vernichtungslager Sobibor vorbeirollenden Juden gegenüber die 'Kopf ab'-Geste macht. Aber wieso kennzeichnet er nicht, woher er seine Ideen nimmt, hier so wenig wie dort, wo er fast wortgetreu (aber das mag bei der Übersetzung ins Deutsche verloren gegangen sein) eine Aussage des Auschwitz-Überlebenden Filip Müller abschrieb? Wieso vermerkt er nicht, dass ein Bild die fast exakte zeichnerische Kopie eines relativ unbekannten unscharfen Fotos von Verbrennungsarbeiten ist, das von einem Angehörigen eines Sonderkommandos aus einer Barackentür heraus aufgenommen wurde?

Seinem Comic ist ein achtseitiges Dossier angefügt, in dem er Stellung zu seinem Werk nimmt. Aber auch dort findet sich kein Hinweis auf solche problematischen Plagiats-Stellen. Dafür solle dem Leser Gelegenheit gegeben werden (so die Einleitung zum Dossier), die Puzzle-Teile des Comics selbst zusammenzufügen. Stattdessen finden sich hier häufig sinn- und zusammenhanglose Äußerungen des Autors. Man versteht nicht, wieso er "ein großes Risiko" einging, indem er Mitglieder von "Amicale d'Auschwitz" kontaktierte - aber die Wagnis-Pose sieht gut aus. Man weiß nicht, was er damit meint, dass der Zweite Weltkrieg "über eine lange Zeit hin [...] nur sehr eindimensional dargestellt worden" ist, so wenig wie wenn er meint: "Und außerdem, Jude oder Nicht-Jude, Geschichte gehört allen." Glaubt er, dass die Geschichte, vor allem die des Holocausts, zu lange von den Juden an sich gerissen worden sei? Nun spannt Croci sie für seine Ideologieproduktion ein: Der äußere Rahmen seiner Erzählung sind die Erinnerungen eines alten Ehepaars, welches 1993 in der Nähe von Tuzla von serbischen Soldaten eingesperrt wurde und angesichts der bevorstehenden Exekution ihr Schweigen über Auschwitz bricht. Und dafür kann Croci die Juden und ihre Vergangenheit gut gebrauchen. Croci, der bei der Berichterstattung aus Serbien brav "sofort an die Nazi-Todeslager" dachte, ist es "sehr wichtig, die Geschichte mit der heutigen Wirklichkeit zu verbinden". Seine Moral von der Geschicht dabei ist: Was die Nazis damals nicht mehr schafften, das vollenden in der Gegenwart die Serben. Vielleicht zeichnet er demnächst einen Comic über Palästina und die "Nakba" der Palästinenser, damit nicht nur die Juden ihre Shoah haben?

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Pascal Croci: Auschwitz.
Ehapa Verlag, Köln 2005.
88 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-10: 3770429486

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Titelbild

Joe Kubert: Yossel, 19. April 1943.
Ehapa Verlag, Köln 2005.
128 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 3770429478

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