Bürgerliche Reaktion und revolutionäres Pathos

Ein Sammelband zu Materie in Literatur, Kunst und Philosophie

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auch wenn der Begriff "Materialität" nicht in erster Linie an die Germanistik denken lasse, habe sich diese in den letzten Jahren doch "wiederholt der Geschichte und Theorie von Materialität und materiellen Dingen angenommen", konstatiert die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Strowick und sieht darin Anzeichen sowohl einer "kulturwissenschaftliche[n] Neufigurierung" des Gegenstandsbereichs der Wissenschaft als auch deren "methodischer Entwicklungen". Die Feodro-Lynen-Stipendiatin der Yale University äußert und begründet ihre Vermutung in einem von Thomas Strässle und Caroline Torra-Mattenklott herausgegebenen Band zu "Poetiken der Materie", welcher selbst Ausdruck der von Strowick festgestellten Tendenz ist und auf ein interdisziplinäres Symposium zurückgeht, das 2003 am Deutschen Seminar der Universität Zürich abgehalten wurde.

Wie die HerausgeberInnen festhalten, widmen sich die hier versammelten Beiträge der Frage, "wie sich die Welt des Stofflichen eingedenk der antiessentialistischen Vorbehalte als Gegenstand einer kultur- und medienwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft zurückgewinnen lässt". Dabei haben sich vier thematisch eng miteinander verknüpfte Schwerpunkte herausgebildet, deren erster die Rolle des Materiellen in der französischen Poetik und Literaturtheorie behandelt. Zum Zweiten wird die symbolische Dimension des Stofflichen ins Auge gefasst. Des Weiteren gilt das Interesse seinen Konzeptionen "im Spannungsfeld zwischen frühneuzeitlichem bzw. 'wildem' Denken und moderner Wissenschaft" und schließlich der "Emanzipation des Materials" in bildender Kunst und ästhetischer Theorie.

Jedoch gliedert sich der Band nicht nur nach diesen vier Themen-Schwerpunkten. Als fünfte Rubrik tritt die "Unlesbarkeit der Stoffe" in Adalbert Stifter-Lektüren hinzu. In ihr findet sich Stowicks eingangs zitierter Beitrag, in dem die Autorin der "Materialität in Literatur und Literaturtheorie" nachspürt und sich wie stets auf hohem theoretischen Niveau bewegt. Nachdrücklich weist sie die "zählebige" und im vorliegenden Band von Christine Schmieders vertretene Kritik an dekonstruktiven Ansätzen zurück, die besagt, diese betrieben die 'Entmaterialisierung' ihres Objekts. Strowick zeigt jedoch, dass dekonstruktive Ansätze und durch diese "instruierte Theorien des Performativen" Möglichkeiten zu einer "Neuformulierung von Materialität" eröffnen. Hierzu wendet sie sich der Tätigkeit des Lesens "als materiellem Akt" und dessen "literarische[r] Inszenierung" in Adalbert Stifters Erzählung "Aus dem bairischen Wald" und Maurice Blanchots Roman "Thomas der Dunkle" zu.

Auch Doerte Bischoffs Interesse gilt Stifter. Sie führt den Literaten mit einem anderen Autoren des 19. Jahrhunderts zusammen, von dem man gemeinhin nicht vermuten würde, dass er viel mit dem Verfasser des "Nachsommers" gemein hat: mit dem Ökonomen und Geschichtsmetaphysiker Karl Marx, dessen Anhänger den Literaten bis heute nicht schätzten. So hat etwa der Marxist und Literaturtheoretiker Georg Lukács Stifter kurzerhand als "Klassiker der deutschen Reaktion" abgefertigt. Natürlich sieht auch Bischoff, dass der - wie sie vorsichtiger formuliert - "eher konservativ-restaurative Gestus der Stifterschen Texte" den "politische Analysen" und dem "revolutionäre[n] Pathos" von Marx "diametral entgegengesetzt" zu sein scheinen. Allerdings mag dahin gestellt sein, ob das von Bischoff in Marxens Texten entdeckte revolutionäre Pathos auch tatsächlich in ihnen enthalten ist. Der seinem Selbstverständnis nach wissenschaftliche Sozialist jedenfalls hätte seine Arbeiten sicher nicht gerne als pathetisch charakterisiert gesehen. Zur Begründung ihrer Idee zieht Bischoff Stifters 1844 erschienene Erzählung "Streichmacher" heran. Mit dem Streichmachen, so die Autorin, verurteile Stifter die "Merkmale der bürgerlich-kapitalistischen Welt mit den ihr eigenen Mechanismen der Akkumulation und Zirkulation symbolischen und sonstigen Kapitals". Denn zum Wesen der "Streichmacherei" gehört es, dass sie - wie Stifter formuliert, "statt auf die Sache, auf die Zeichen ausgeht". Indem die materiellen Dinge als "Werte an sich" erscheinen, argumentiert die Autorin, lösten sich die Zeichen aus ihrer "Verweisfunktion". In Stifters Erzählung etwa werde "der modische Hut", "bald oben, bald unten aufgeputzt" und so von seinem "eigentlichen Zweck", ein Ding zu sein, "was vor der Sonne schützt" (Stifter), losgelöst. Hierdurch fühlt sich Bischoff an Marxens "berühmte Differenzierung" zwischen Gebrauchswert und Tauschwert erinnert. "Die Nützlichkeit eines Dings", erläutert Marx im "Kapital", mache es zum Gebrauchswert; den Tauschwert bestimmt er als "die Proportion, worin sich Gebrauchswerte einer Art gegen Gebrauchswerte anderer Art austauschen, ein Verhältnis, das beständig mit Zeit und Ort wechselt". Bischoffs These, dass sich "[d]ie Marxsche Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert, [...] auch bei Stifter etwa am Beispiel von dem Hut findet, der seiner eigentlichen Funktion entwendet und als Zeichen sozialer Geltung instrumentalisiert wird", kann angesichts der Marx'schen Definitionen der beiden Wertformen nicht überzeugen. Anders verhält es sich jedoch mit einer weiteren, von der ersten allerdings nicht scharf geschiedenen These der Autorin, die besagt, dass die "Apostrophierung" der bei Stifter "effektvoll dargestellten 'Fetische'" - Letzteres ein Begriff, der bei Stifter fällt - "frappierende Analogien" zu Marxens Denken erkennen lasse. Wenngleich Bischoff ihre erste These mit Hilfskonstruktionen zu stützen versucht und die Ausführungen zu ihrer zweiten These etwas dürftig ausfallen, lohnt die Lektüre ihres Aufsatzes dennoch.

Weitere Beiträge des vorliegenden Bands befassen sich mit den "Korrespondenzen zwischen Anselm Kiefer, Paul Celan und Ingeborg Bachmann" (Franziska Frei Gerlach), zeigen die Relevanz der drei Materiebegriffe "Materialität der Lebenswelt", "Empfindungsmaterie" und "Materialität des Filmleibes" für die Filmästhetik auf (Michael Albert Islinger), schreiten "Videoprojektionsflächen als Grenzen" ab (Änne Söll), untersuchen den "[b]egriffliche[n] und nichtbegriffliche[n] Gehalt von Wahrnehmung" (Markus Wild) oder wenden sich vergangenen Jahrhunderten und der "Verschiebung alchemischer und astrologischer Gedankenfiguren" im 16. und frühen 17. Jahrhundert und deren poetologischer Aneignung durch Philipp von Zesen (Maximilian Bergengrün) beziehungsweise der "prekären Transsubstantiation des alchemischen Sprachstoffs im 'Buch der Heiligen Dreifaltigkeit'" (Olga Solovieva) zu.

Wie man sieht, wird ein weit gefächertes Themenspektrum behandelt. Dennoch wirkt das Buch, anders als mancher vergleichbare Sammelband, nicht disparat. Vielmehr werden die Beiträge durch das einende Thema - Materie in den Künsten und in der Philosophie - durchaus zusammengehalten. Allerdings ist der Gehalt einiger Aufsätze nur von SpezialistInnen der jeweiligen Fachgebiete - möglichst noch mit einschlägigem Forschungsgebiet - nachvollziehbar und so auch nur für diese von Interesse.

Titelbild

Thomas Strässle / Caroline Torra-Mattenklott (Hg.): Poetiken der Materie. Stoffe und ihre Qualitäten in Literatur, Kunst und Philosophie.
Rombach Verlag, Freiburg 2005.
340 Seiten, 42,00 EUR.
ISBN-10: 3793094278

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