Suche nach einem geistigen Wert

Kim Joo-Youns Essays zur koreanischen Literatur

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Koreanische Romane, Erzählungen und Gedichte liegen dank großzügiger Übersetzungsförderung mittlerweile in stattlicher Anzahl auf Deutsch vor, und auch einige Theaterstücke sind greifbar. Wer sich, davon angeregt, über literarische Debatten in Korea informieren möchte, die Landessprache aber nicht beherrscht, steht indessen immer noch vor einem Problem. Neben mehr und häufig auch weniger informativen Nachworten lag bisher nur der Band "Grenzerfahrungen" des Literaturkritikers Kim Byong-Ik im Pendragon Verlag vor. Schon deshalb sind die ausgewählten Essays des mit ihm fast gleichaltrigen, 1941 geborenen Germanisten und Literaturkritikers Kim Joo-Youn eine wertvolle Ergänzung.

Kern des Bandes ist eine Sammlung, die Kim auf Koreanisch publiziert hat. Die Übersetzerin Kim Young-Ok hat diese Texte dankenswerterweise durch eine Reihe von Literaturkritiken ergänzt, in denen der Autor wichtige Schriftsteller vorstellt, von denen auch auf Deutsch bereits Werke erschienen sind. Freilich hat ihr Bemühen, ein Problem zu vermeiden, zu einem anderen Problem geführt. Die etablierten Umschriften von Autorennamen sind weit von der koreanischen Aussprache entfernt und haben zu durchaus fantasievollen Deformationen geführt; Kim Young-Oks Entscheidung, neue Schreibweisen zu verwenden, lässt gerade deshalb die Identifikation mancher Schriftsteller zu einem Ratespiel werden. Dass etwa Kim Goang-Giu jener Lyriker ist, dessen Werke in Deutschland bislang unter dem Namen Kim Kwang-gyu veröffentlicht wurden, erschließt sich erst im Textvergleich. Das Bemühen um Korrektheit dürfte ähnlich scheitern wie der Versuch, mithilfe allerlei diakritischer Zeichen slawische Autoren neu zu benennen. Wahrscheinlich sollte da, wo die Namen deutschen Ohren und Zungen ohnehin allzu ähnlich wirken, Eindeutigkeit vor lautlicher Differenzierung gehen.

Der Hauptteil, Kim Yoo-Youns Auswahl von 1994, vermittelt einen ambivalenten Eindruck. Manche Texte sind erkennbar für ein zeitgenössisches koreanisches Publikum gedacht und interessieren deutsche Leser heute wenig. Der Beitrag "Einige Probleme in der Diskussion über Massenkultur" etwa mag zur Entstehungszeit 1978 in Korea wertvoll gewesen sein. Kim nahm eine "scharfe Grenzziehung gegenüber den traditionalistischen Kritikern der Massenliteratur" vor und stellte der überkommenen Hochschätzung weltenthobener Gelehrtenschaft entgegen europäische und US-amerikanische Theorien vor, die es erlauben, die Entstehung einer Massenkultur zunächst zu begreifen, um dann überhaupt mit ihr umzugehen. Der Überblick von Gustave Le Bon bis Adorno bringt indessen für Deutschland nichts Neues und lässt fragen, ob nicht besser eine am Zielpublikum orientierte Auswahl von Kims Essays Grundlage der Übersetzung geworden wäre.

Während sich hier Kim als Gegner eines starren Traditionalismus erweist, ist er in seinen Kriterien und Wertungen nach europäischen Kriterien selbst ästhetisch konservativ. So ordnet er in seinem Überblick "Koreanische Literatur - ihre Möglichkeit zur Weltliteratur" die Autoren danach, mit welchem Aspekt der Realität sie sich befassen. Dabei ist auch Parteinahme möglich und der literarischen Opposition gegen die Militärdiktaturen ein breiter Raum zugemessen. Andererseits erscheint die Literatur doch als Bereich von Harmonie, der nicht zugunsten radikaler Praxis verschwinden soll. In seiner Analyse von 1992, wie sich der Lyriker Ko Un von seinem "konservativen Nihilismus" der 60er Jahre zum politischen Aktivismus der späten 70er entwickelt, situiert er - nicht zu Unrecht - Ko als Dichter kosmischer Zusammenhänge gegen eine Literatur sozialer Analyse. Ebenso rezensiert er 1988 den Roman "Das Haus am tiefen Hof" des ihm fast gleichaltrigen Kim Wonil, der 2000 auch auf Deutsch erschienen ist, identifikatorisch, während er bei allem Bemühen um Verständnis die avantgardistische Lyrik der ein gutes Jahrzehnt jüngeren Lyrikerin Kim Hyesoon den Leser "nicht selten in Verlegenheit" versetzen sieht. Seinen Überblick von 1995 schließt er mit der Vorstellung zweier Autoren, die aus seiner Sicht eine "essentielle Leerstelle" geschlossen haben, nämlich die einer "Suche nach einem geistigen Wert, der über die kritische Darstellung und Analyse hinausgehen könnte"; unter ihnen liegen von Yi Chong Jun mehrere Werke auf Deutsch vor, zur Buchmesse 2005 neu "Die Gerüchtemauer" in der Edition Peperkorn.

Nicht allein der Literatur, auch der Literaturkritik schreibt Kim im Beitrag "Die zwei Funktionen der Literaturkritik" (1990) eine "Vermittlerrolle" zu. Sie soll "die derzeit noch divergierenden und antagonistischen Aspekte und Elemente in eine harmonische Gesamtkonstellation" einbringen und so "ihren Beitrag zur Einheitsbildung und Einheitsfindung der Gesellschaft" leisten. Kims Konzeption von Kritik zielt damit nicht auf Streit und eine Erkenntnis auf höherer Stufe, sondern auf Versöhnung; eine Position, die nicht vage kulturalistisch mit einem nun eben konfuzianistischen Asien zu erklären ist, sondern durch die konkrete Erfahrung und Sehnsucht einer Generation, die nach dem Koreakrieg in der Kindheit eine Abfolge von Diktaturen und oppositionellen Protesten erlebte und nun in Frieden leben will.

So ist die Forderung nach "Einheitsfindung der Gesellschaft" anders, als es sich anhören mag, nicht volksgemeinschaftlich gedacht; in dem Beitrag "Aufgaben und Grenzen der Nationalliteratur" von 1979 setzt sich Kim zunächst mit der Schwierigkeit auseinander, Nationalliteratur überhaupt zu definieren. Das begriffliche Problem deutet Kim Joo-Youn schnell als ein politisches, wenn er auf die zeitgenössische linksnationalistische Opposition zu sprechen kommt, für deren Vertreter Nationalliteratur zum Wertbegriff wird und für die Nationalliteratur nur das ist, was gegen Kolonialismus, US-Imperialismus, Diktatur und koreanische Teilung die Interessen des Volkes befördere.

Kim Joo-Youn spitzt die Auseinandersetzung nicht zu der Frage zu, wie denn eine Oppositionsliteratur beschaffen sein sollte, die sich in keinen nationalistischen Irrweg verrennt; und dass gerade koreanische Linke in den 70er Jahren in manchen Texten eine durchaus ambivalente Hochschätzung von Volk und Dorfleben vermittelten, zeigen deutsche Übersetzungen von Gedichten Ko Uns und operativer Theaterstücke, die 2000 unter dem Titel "Koreanisches Madang-Theater" im Abera Verlag erschienen sind. Kim betont zwar, dass sich schwache Länder gegen die mächtigeren Staaten, die die Welt beherrschen, zur Wehr setzen sollen: In seiner Kritik am Nationalismus auch der herrschenden Diktatur zeigt er, dass es ihm nicht um konservative Beruhigung geht. Es geht ihm aber vor allem um die Literatur, genauer um die Gefahr, dass, wenn sie instrumentalisiert wird, von ihr "selbst kaum noch etwas übrig" bleibe.

Hier wie auch sonst wird der deutsche Leser allzu alleine gelassen. Er erfährt nichts über literarische und politische Konflikte der Entstehungszeiten. Wer Kims Gegner waren, war damals seinen Lesern klar - heute müsste man es hier wie dort erklärt bekommen. 1974 setzte sich Kim in "Die Problematik der Debatte um den Beginn der modernen Literatur in Korea" mit mehreren Positionen auseinander. Liest man ihn allein, so wirkt es, als habe er Recht. Doch über Meinung, Stellenwert und Ziele seiner Gegner, die er punktuell nennt, wüsste man gerne mehr, wie auch über Bedeutung und Funktion der Auseinandersetzung, die vor dreißig Jahren in einem fernen Land geführt wurde. Ein knappes Glossar ersetzt diesen notwendigen Hintergrund nicht. So ist zwar wichtiges Material übersetzt, in übrigens meist klares und brauchbares Deutsch, doch fehlen die Informationen, dieses Material auch angemessen zu lesen.

Titelbild

Joo-Youn Kim: Brennende Wirklichkeit - kalte Theorie. Literaturkritische Aufsätze zur koreanischen Literatur.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Kim Young-Ok, unter Mitarbeit von Matthias Gatzemeier.
Iudicium-Verlag, München 2004.
185 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-10: 3891298943

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