Übermütter und Schmerzensmänner

Was Einladungen und Visitenkarten können

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Spendenaufrufe, Preisverleihungen, Vorträge, Feste - all das sind Ereignisse, die durch eine Einladung definiert werden. Einladungen symbolisieren eine tief in der westlichen Mentalität verwurzelte Norm, Ereignissen einen hohen Stellenwert zuzumessen, wenn durch einen schriftlich dokumentierten Aufruf dazu eingeladen wird. In einer gelungenen Einladung spiegeln sich Absender, Empfänger und Einladungsanlass: Während eine Einladung zu einer Modenschau oder Designerparty um jeden Preis auffallen muss, geben sich Institutionen und staatliche Einrichtungen in der Regel formell und unterstreichen dadurch ihre Seriosität und Kenntnis gesellschaftlicher Konventionen.

Heute ist das Bewerben von Ereignissen stark von Kunst, Werbung und Popkultur geprägt. Auch die digitale Kommunikation verändert die Gepflogenheiten, wie die Versendung von Einladungen per E-Mail beweist. In den letzten Jahren sind Einladungen auf physischen Informationsträgern eher zu kostspieligem Beiwerk geworden. Wie der Band "Rückantwort erbeten" zeigt, birgt vor allem der Einsatz ungewöhnlicher Mittel die Chance, auch angesichts zunehmender Informationsflut beim Adressaten "anzukommen". Außerdem lässt sich Aufmerksamkeit oft besser mit dreidimensionalen Objekten und Formen erreichen als mit Schrift, Bildern und Papier allein.

Niemand hat den menschlichen Körper auf einer Einladung drastischer in Szene gesetzt als der Künstler Stefan Sagmeister. Für die Ankündigung seiner Vorlesung am American Institute of Graphic Arts 1999 verwendete er den eigenen Körper als Leinwand. Er ritzte die Veranstaltungsdaten in peinlicher Ausführlichkeit in seine Haut ein, um sich anschließend fotografieren zu lassen. Laut eigener Aussage wollte Sagmeister damit den Schmerz dokumentieren, der ihn beim überwiegenden Teil seiner Projekte begleitete. Zugleich kommunizierte er mit seiner Selbstverstümmelung, zu welchen Mitteln er zu greifen bereit ist, um seiner Botschaft den nötigen Nachdruck zu verleihen.

Ähnlich viel sagend können die Nachrichten sein, die Visitenkarten transportieren. Denn die vordergründig unscheinbaren Kärtchen leisten hinterrücks Außerordentliches: sie inszenieren Persönlichkeit. Und verraten schon beim ersten Hinsehen, wie extrovertiert, traditionsbewusst, einfallsreich, asketisch, verspielt, prahlerisch, sachlich oder eingebildet der Überreichende oder die Überreichende ist. Schon beim Material sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt: Fundstücke oder modifizierte Massenware, Holz, Metall oder Plastik, gefaltet, gerissen, geschnitten oder geklebt. Nämliches gilt für Beschriftung, Logos und Bilder.

Das mit Abstand originellste Beispiel in dem ebenfalls im Münchener Stiebner Verlag erschienenen Buch "Visitenkarten" stammt von der Londoner Werbeagentur "Mother". Die Karten zeigen - passend zum Namen und eher schrulligen Image - Fotos der Mütter der Mitarbeiter: mal betörend, mal niedlich und mal eher frech. Auf der Rückseite befinden sich schauerliche Tapetenmuster, wie man sie zu Mutters Zeiten gerne verwendete. Da möchte man doch gleich wieder zum Kind regredieren.

Kein Bild

Sara Manuelli: Rückantwort erbeten. Innovative Designideen für die professionelle Gestaltung von Einladungen.
Stiebner Verlag, München 2003.
208 Seiten, 42,00 EUR.
ISBN-10: 3830712804

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Titelbild

Michael Dorrian / Liz Farrelly: Visitenkarten. Typographie, Gestaltung, Material.
Stiebner Verlag, München 2004.
272 Seiten, 42,00 EUR.
ISBN-10: 3830712960

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