Power-Luder und Space-Barbies

Alexandra Kühtes Blick auf das Frauenbild der feministischen Zeitschrift EMMA

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Reisenden, die am Bahnhof noch schnell eine Lektüre suchen, wird in den dortigen Kiosken eine schier unüberschaubare Auswahl an Zeitschriften geboten. PC-Magazine und Fernseh-Zeitschriften soweit das Auge reicht, politische Wochenzeitungen und literarische Periodika, Sport- und Motor-Hefte, Soft-Pornos vom "Playboy" bis zum "Hustler" und leicht separiert die Hardcore-Ausgaben, Sparten-Publikationen für jedes Hobby und tausenderlei anderes. Nicht wenige Regalmeter sind von Publikationen belegt, die gemeinhin als Frauenzeitschriften gelten. Wie sie zu diesem Label kommen, steht außer Frage: Sie wenden sich an Leserinnen; die Macher hingegen sind meist männlichen Geschlechts, jedenfalls diejenigen in den entscheidenden Etagen. Eine Ausnahme gibt es jedoch unter den so genannten Frauenzeitschriften. Meist droht sie allerdings zwischen all den Hochglanzmagazinen mit eher niedrigem Niveau und den schon durch ihre Aufmachung Billigkeit signalisierenden 'goldenen' Blättchen zu verschwinden. Die Rede ist natürlich von "EMMA", dem einzigen feministischen Magazin in der Kiosk-Landschaft. Und gerade bei ihr ist zweifelhaft, ob sie zu den Frauenzeitschriften zu rechnen ist. Selbst den üblichen Kriterien nach wohl kaum. Denn anders als die gängigen Frauenzeitschriften wird sie zwar von Frauen gemacht, ihr Zielpublikum aber besteht aus LeserInnen beiderlei, nein aller Geschlechter.

Solche, nur einigermaßen diffizile Überlegungen stellt Alexandra Kühte in ihrer Untersuchung zum "Frauenbild der feministischen Zeitschrift EMMA" während der Jahre 2000 bis 2002 nicht an. Ihr ist "EMMA" kurzerhand eine der vielen Frauenzeitschriften; eine allerdings, die sich von allen anderen unterscheidet.

Zwar ist Kühte nicht entgangen, dass verschiedene AutorInnen für die Zeitschrift schreiben, von denen nur wenige feste Mitarbeiterinnen sind, doch differenziert ihre Untersuchng nicht zwischen ihnen, sondern sucht das eine von "EMMA" vermittelte "Frauenbild" zu eruieren und fragt, ob sie "ein benachteiligtes und diskriminiertes oder ein selbstbewusstes und emanzipiertes Frauenbild" zeichnet, welche "Meinung" sie "zum aktuellen Stand der Gleichberechtigung der Frau und zum Verhältnis der Geschlechter" vertritt und schließlich, welche "(Frauen-Themen" für "EMMA" relevant sind. Außen vor bleiben dabei nur Texte, die "als nicht originär für die Zeitschrift EMMA verfasst kenntlich gemacht sind".

Um das von ihr ermittelte Frauenbild mit der "weiblichen Lebensrealität" vergleichen zu können, zieht sie Daten aus zahlreichen statistischen Erhebungen heran. Eine wahre Fleißarbeit. Allerdings lässt sie eine kritische Würdigung dieser Erhebungen vermissen. Vielmehr gelten ihr diese als wahrhaftige und getreue Spiegel weiblicher Lebensrealitäten. Dabei zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die Kategorisierungen etwa der im Auftrag der Zeitschrift "Freundin" vom Marktforschungsinstitut Rheingold im Jahre 2002 erstellten V.E.N.U.S-Frauenstudie, dass sie so objektiv, wie die Autorin meint, nicht ist, denken sich deren Macher für ihre "Frauentypologie nach tiefenpsychologischen Merkmalen" doch die folgenden sieben Frauentypen aus: "Super-Girls", "Self-Designerinnen", "Soft-Feministinnen", "Golden Ladies", "Schmuseengel", "Power-Luder" und "Space-Barbies". Zweifellos Männerfantasien und zudem Einteilungen, die signalisieren, dass es sich bei Frauen schwerlich um ernst zu nehmende Wesen handelt. Wissenschaftliche Kategorien jedenfalls sehen anders aus. Die Fragwürdigkeit der von Kühte so unkritisch herangezogenen Untersuchung zeigt sich auch daran, dass sie die "Super-Girls" insbesondere unter den 30- bis 40-jährigen Frauen ausmacht, also unter Frauen, die das 'Girl'-Alter doch schon etwas überschritten haben. Auch weckt es nicht eben Vertrauen in die Seriosität der Studie, dass sich ihre "Soft-Feministinnen" durch die Auffassung auszeichnen, es sei die "Domäne der Männer", "das Geld nach Hause zu bringen". Dabei ist die V.E.N.U.S-Frauenstudie nicht einmal die misogyne Ausnahme innerhalb der von Kühte herangezogenen Untersuchungen. Eine andere etwa kategorisiert ihre "Frauenleitbilder" in die vier Rubriken "Neue Hausfrau", "Smarte Schlampe", Öko-Spiritistin" und "Moderne Amazone".

"EMMA" nun zeigt sich der Autorin zufolge "vielfach sehr progressiv, unkonventionell, unangepasst und der Zeit voraus". Dies ist nicht nur ein neutrales wissenschaftliches Statement, hier schwingt auch Sympathie für die Zeitschrift mit. Allerdings, so kritisiert Kühte fast im gleichen Atemzug, verliere sie bei bestimmten Themen "an Sachlichkeit" und zeige sich "emotional, dogmatisch und provokativ". Dies gelte insbesondere für das Thema Abtreibung. Zudem spreche der in "EMMA" verwandte Begriff "Zwangsheterosexualität" für deren "Dogmatismus und Provokation". Aus dem wissenschaftlichen Heterosexismus-Diskurs scheint der Terminus Kühte nicht bekannt zu sein.

Frauen, so die Ergebnisse der Autorin, werden von "EMMA" lediglich "aus zwei verschiedenen Perspektiven" thematisiert und kommentiert. Die "optimistisch-positive Betrachtungsweise" portraitiere "'starke Frauen' [...], die sich zumeist durch Kompetenz, Erfolg, Emanzipiertheit und Unabhängigkeit auszeichnen". Die "charakteristische 'EMMA-Frau'" der Portraits sei "emanzipiert, frauenbewusst und -solidarisch, unabhängig, berufs- und karriereorientiert sowie erfolgreich". Die "weibliche Mehrheit" bleibe hier "eher unberücksichtigt". Aus "kritisch-negativem Blickwinkel" befasse sich die Zeitschrift hingegen mit der "Benachteiligung, Diskriminierung und Unterdrückung" von Frauen. Eine "differenzierende Betrachtungsweise" jenseits dieser beiden "positiven bzw. negativen Perspektive[n]" lasse die Zeitschrift vermissen. Dennoch, so lautet das nicht eben überraschende Fazit der Autorin, vermittle "EMMA" von allen "Frauenzeitschriften" das "emanzipierteste und progressivste Frauen(leit)bild".

Titelbild

Alexandra Kühte: Das Frauenbild der feministischen Zeitschrift Emma.
Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2005.
308 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-10: 3865730566

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