Zu wenig Ausdauer

Auf den letzten Metern geht dem neuen Nibelungenroman von Wolfgang Hohlbein und Torsten Dewi die Luft aus

Von Daniel KönitzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Könitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seinem Roman "Hagen von Tronje" hat Wolfgang Hohlbein vor fast zwei Jahrzehnten schon einmal die Geschichte der Nibelungen verarbeitet. Daher ist es auch wohl kein Zufall, dass der Heyne Verlag mit der Veröffentlichung von Hohlbeins neuestem Werk "Der Ring der Nibelungen", das in Zusammenarbeit mit Torsten Dewi entstanden ist, auch eine erneute Auflage jenes Romans veröffentlicht. Während Hohlbein damals jedoch die Geschehnisse um Siegfried und den Wormser Hof hauptsächlich aus der Perspektive des Titelhelden erzählt, spannt er in "Der Ring der Nibelungen" den Erzählbogen von Siegfrieds Eltern, Siegmund und Sieglinde, und dem königlichen Hof in Xanten bis hin zu Kriemhilds blutiger Rache am Hof des hunnischen Königs Attila.

Der Roman beginnt mit der Zeugung des Helden - die letzte Tat, die König Siegmund vor seinem Tod vollbringt - und Sieglindes anschließender Flucht aus dem besiegten Königreich Xanten. Fest entschlossen, ihren Sohn fern ab der Heimat und jeglicher kriegerischer Auseinandersetzungen zu beschützen und großzuziehen, gibt die Mutter Siegfried in die Obhut Regins, eines Schmieds, bei dem er nach Sieglindes Tod heranwächst. Als Waffenschmiede finden Siegfried, der nichts von seiner königlichen Herkunft weiß, und Regin den Weg an den burgundischen Hof nach Worms. Spätestens ab da kommt die Handlung ins Rollen: Siegfried verliebt sich in Kriemhild, erschlägt den Drachen Fafnir und findet den Schatz der Nibelungen. Alles drei macht ihn nicht nur glücklich, unverwundbar und unermesslich reich, sondern auch ziemlich unbeliebt. Zumindest bei Hagen von Tronje, dem königlichen Hofberater, der Siegfried als potenzielle Gefahr für das Königreich Burgund sieht. So versucht dieser dann auch so lange König Gunther von der Unberechenbarkeit Siegfrieds zu überzeugen, bis dieser schließlich in das hinterhältige Mordkomplott einwilligt. Hagen meuchelt den königlichen Schwager, fällt aber gleichzeitig dem egoistischen Rettungsversuch Gunthers zum Opfer.

Und trotzdem bleibt Hagen der Romanhandlung als Figur erhalten. Mehr oder weniger. Hauptsächlich existiert Hagen nur noch in der Einbildung König Gunthers, wo er aber nach wie vor seine beratende Funktion ausübt. Dieser erzählerische Einfall der Autoren ist schon gelungen, weil er nicht nur die für die Handlung wichtige Figur des Hagen bis zum Ende der Erzählhandlung "am Leben hält", sondern weil somit auch ein ganz eindeutiges Bild von Gunthers psychischer Verfassung gezeichnet wird. Der König der Burgunden ist auch nach der physischen Abnabelung, der Ermordung Hagens, nicht in der Lage, selbstständig zu denken oder zu handeln.

Die Handlung endet schließlich für fast alle Beteiligten am Hof Attilas, und zwar mit dem Tod, wobei der eigentlich gewaltsame Untergang der Burgunden bei Hohlbein und Dewi einem freiwilligen weichen muss. Gernot, der Bruder Gunthers und letzter überlebender Burgunde, verzichtet auf das vakant gewordene königliche Erbe und kehrt gemeinsam mit der Dame seines Herzens dem Burgundenreich den Rücken.

Ein Happy End in einer Geschichte, bei der die Figuren von Rache und Mord, Intrigen und Verrat zu ihren Taten angetrieben werden? Ein versöhnlicher Ritt der einzigen Überlebenden in den idyllischen Sonnenuntergang, das schreckliche Morden und Abschlachten hinter sich lassend? Gemessen an der Überlieferung des Nibelungenstoffes mutet dieses Ende wie eine zensierte Hollywoodversion an, bei der nach dem Lesen bloß niemand depressiv und desillusioniert das Buch aus der Hand legen sollte. Geschmacklich daher als zumindest zweifelhaft zu bewerten, will sich die Kritik nicht an diesem Punkt festbeißen, sondern die Entscheidung der Autoren hinnehmen und sich einem anderen konzeptionellen Aspekt zuwenden, der die wohl größte Schwäche des Romans offen legt.

Wie schon der bis heute unbekannte Verfasser des "Nibelungenlieds" vor knapp 800 Jahren, so haben wohl auch Hohlbein und Dewi den Plan gehabt, die verschiedenen Überlieferungsstränge der Nibelungensage in eine Gesamthandlung zu verarbeiten. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um die Siegfried-Handlung, die Brünhild-Episode und den finalen Untergang der Burgunden. Doch gelungen ist den beiden Autoren lediglich die Handlung um den Aufstieg und Fall des Drachentöters aus Xanten. Sogar gut gelungen, weil sie sich und den Ereignissen am Wormser Hof Zeit lassen und viel Wert auf die Motivationen der einzelnen Figuren legen. Die Personen haben Zeit, sich zu etablieren und sich selbst zu charakterisieren, ohne dass eine Erzählerinstanz beschleunigend eingreifen muss. Hohlbein und Dewi betrachten die Ereignisse am und um den Burgundenhof nicht isoliert. Vielmehr beziehen sie auch vorige und nachfolgende Generationen mit in die Handlung ein und verdeutlichen so wichtige Aspekte des Romans: Der Konflikt zwischen den unterschiedlichen Generationen, also zwischen Alt und Jung, oder die unterschiedlichen Weltbilder und Wertevorstellungen, die dadurch nebeneinander in dieselbe Zeit gestellt werden und wesentlich als Katalysator für die blutigen Konflikte fungieren.

Es ist eine Zeit des Übergangs, die in dem Roman beschrieben wird und in der sich Werte wie die Religion verändern, die heidnischen Götter weichen dem modernen Christentum, und es ist auch eine Zeit, in der die Macht der Alten an die Jungen übergeht. Während gleichermaßen Vertreter der neuen und alten Zeit - Siegfried oder Gundomar - dem Zeitenwechsel Tribut zahlen müssen, gelingt es einzig Hagen von Tronje als Repräsentant der "alten Welt" in beiden Zeiten zu bestehen, und dies ohne wesentlich an Einfluss zu verlieren. Dieser Detailgenauigkeit und Sorgfältigkeit der Autoren ist es geschuldet, dass es starke 400 Seiten dauert, bis die Burgunden an Siegfrieds Grab trauern und der Roman eine Zäsur erfährt.

Hätten sich die Autoren auch für den zweiten Teil des Romans so viel Mühe gegeben, wäre das Buch höchst wahrscheinlich auf den doppelten Umfang angewachsen. Dabei hätte aber immerhin die Chance bestanden, dass am Ende ein guter Roman entstanden wäre. Bedauerlicherweise ist dies nicht geschehen. Und deshalb bleibt die Erkenntnis, dass "Der Ring der Nibelungen" nach der Ermordung Siegfrieds vieles von seiner zuvor gezeigten Qualität verliert. Den gesamten zweiten Teil des "Nibelungenlieds", also Kriemhilds Hochzeit mit Etzel, die Reise der Burgunden an den hunnischen Königshof und der große blutige Showdown zwischen Hagen, Gunther und Kriemhild inklusive brennender Hallen verdichten Hohlbein und Dewi auf unglaubliche 80 Seiten.

Schon allein diese rein quantitative Diskrepanz zwischen den beiden Romanteilen lässt erahnen, dass den beiden Autoren der eigentliche Mut für diesen Nibelungenroman gefehlt hat. Das hätte zwar bedeutet, dass "Der Ring der Nibelungen" wesentlich umfangreicher geworden wäre, aber das hatte dem Erfolg von J. J. R. Tolkiens "Herrn der Ringe", dem der Nibelungenroman angeblich "an erzählerischer Wucht" in nichts nachstehen soll, seinerzeit auch nicht geschadet.

Nach der Lektüre des neuen Nibelungenromans kann dieser Vergleich durchaus als vermessen betrachtet werden. Was am Ende bleibt, ist die Erkenntnis, einen Roman zweier Autoren gelesen zu haben, die sich nicht entschieden haben, was sie eigentlich schreiben wollten. Aber vielleicht hat der ein oder andere Leser ja das Buch in weiser Voraussicht nach knapp 400 Seiten aus der Hand gelegt und sich so zumindest über einen gelungenen Siegfried-Roman gefreut.

Titelbild

Wolfgang Hohlbein / Torsten Dewi: Der Ring der Nibelungen. Roman.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2004.
478 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-10: 3453530268

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch