Magier der Möglichkeiten

"Guten Abend ihr Dinge hier unten" - der neue überwältigende Roman des portugiesischen Großmeisters António Lobo Antunes

Von Alexander SupadyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexander Supady

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte hat António Lobo Antunes in seinen mittlerweile sechzehn Romanen eine Erzählweise entwickelt und immer weiter verfeinert, die ihn und seine Romane charakterisiert und auszeichnet. Mit der Veröffentlichung seines achten Romans "Die Leidenschaften der Seele" (1990, dt. 1994) opferte der Autor den kontinuierlichen Erzählstrang einer seither zur Perfektion fortentwickelten, diskontinuierlichen, disparaten Erzählweise, die sich, scheinbar von Übermut getrieben, jeglicher Aufforderung nach Ordnung und Chronologie zu widersetzen scheint. Auf diese Weise entstehen ungekannte, eigenwillige und ebenso geniale Satzgebilde, die sich häufig einem von Logik geleitetem Verstehen entgegenstellen.

Der Schlüssel zum Verständnis dieser komplexen, mosaikartig fragmentierten Erzählwerke liegt in völliger Hingabe. Der Leser muss zulassen, sich von der Erzählung vollkommen vereinnahmen zu lassen. Nicht wir müssen versuchen, so weit wie möglich in die Geschichte einzudringen, uns beteiligt oder zugehörig zu fühlen, sondern wir müssen der Erzählung mit all ihren Personen, Ereignissen und Widersprüchlichkeiten erlauben, in uns einzudringen und von uns Besitz zu ergreifen. Gelingt dies, wandelt sich die Aufnahme dieser schwer verdaulichen Wortsuppe zu einem Erlebnis unvergleichlicher Intensität und Befriedigung.

Nun ist der sechzehnte Roman Lobo Antunes' vor kurzem auf Deutsch erschienen - "Guten Abend ihr Dinge hier unten". Schauplatz des Romans ist Angola, eine ehemalige Kolonie Portugals. Als junger Mann verbrachte Lobo Antunes dort 27 Monate als Offizier und Militärarzt. Die Erlebnisse, die er in dieser Zeit machte, ließen ihn nie wieder los, und er verarbeitete sie in mehreren seiner Romane. "Der Judaskuß", sein zweiter, 1979 erschienener Roman (dt. 1987), liest sich als schonungslose Abrechnung, in der Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Kriegs vorgeführt werden. Dieser neue Roman unterscheidet sich grundlegend. Anders als im stark autobiografisch geprägten "Judaskuß" wahrt Lobo Antunes in seinem neuesten Werk Distanz. Persönliches Leid tritt in den Hintergrund. Vielmehr beschreibt er Angola als Spielwiese für die materiellen Interessen einiger weniger.

Der inhaltliche Rahmen sei kurz umrissen. In den drei Büchern des Romans steht jeweils einer von drei Agenten eines verdeckt arbeitenden Lissabonner "Dienstes" im Mittelpunkt: Seabra, Miguéis und Morais. Die Agenten erhalten nacheinander die vermeintlich einfache Aufgabe, in Angola eine "Zielperson" zu suchen, die auf einer abgelegenen, verwilderten Fazenda lebt. "Ein netter kleiner Urlaub in Angola stellen Sie sich mal vor wie neidisch Ihre Kollegen sein werden." Diese "Zielperson" (ein nicht zurückgekehrter Agent? Ein Vorgänger?) ist dem Dienst ein Dorn im Auge, da sie Diamanten bei sich versteckt hält, hinter denen die Vorgesetzten in Lissabon her sind ("uns geht es einzig und allein um die Diamanten"). So lautet der Auftrag: "Nach Luanda einem Kerl den Kopf zurechtrücken, der dem Dienst Schaden zufügt, das wird nur drei höchstens vier Tage dauern".

Schnell wird klar, dass der neue Agent nur seinen Vorgänger, den er zuvor aus dem Weg räumte, in der Einöde ersetzen wird, bevor er selbst, in ewiger Wiederholung des immer Gleichen, durch den nächsten Agent ersetzt werden wird.

Besonders prägnant werden die ersten beiden Agenten, Seabra und Miguéis, charakterisiert. Seabra tritt als ängstliches Muttersöhnchen in Erscheinung, von seinen Vorgesetzten als "Schnarchtüte" verhöhnt. Er fühlt sich immerzu verfolgt und bedroht; ausgeliefert wie ein Stier in einer Kampfarena.

Sein Nachfolger, Miguéis, verkörpert das vollkommene Gegenteil. Gleich zu Beginn des zweiten Buchs wird er unverblümt als überheblicher Macho vorgestellt. "Wie ich aus dem Wunsch heraus zu helfen nicht müde werde, den Jüngeren immer wieder zu sagen, stehen wir, wenn wir unsere Ehefrauen nicht von Anfang an erziehen, schlecht da."

Wie so häufig leiht Lobo Antunes seine Stimme den Armen und den Verlierern, den Versagern und den Übriggebliebenen. So entwirft er, besonders charakteristisch, im ersten Buch Marina - eine Frau, die als Mulattin weder von den Schwarzen noch von den Weißen als zugehörig anerkannt wird. Auch ihr weiteres Schicksal ruft im Leser Mitgefühl hervor. Da ihre Eltern vor ihren Augen ermordet werden, wächst sie bei ihrem Onkel auf, der möglicherweise ihr leiblicher Vater ist, vielleicht auch der ihres Sohnes. Unglaublich zartfühlend und verständnisvoll nähert sich Lobo Antunes dieser Ausgestoßenen. Er scheint sie mehr zu achten und zu bewundern, weniger zu bedauern. Er ist in Marina verliebt.

Der Schriftsteller selbst betrachtet seine Bücher als "lebendige Organismen", die ein Eigenleben entwickeln, in das weder er als Autor noch der Leser steuernd oder maßregelnd eingreifen kann. Einer Krankheit gleich sollen diese Organismen den Leser überwältigen, ihn regelrecht infizieren. Aber auch der Autor ist nicht immun - "diese Erzählung, die mehr noch als die anderen zu einer Krankheit geworden ist, die dich auffrißt und die du nicht zu heilen vermagst". Wie sehr der Roman den Autor kontrolliert, tritt im sechsten Kapitel des ersten Buches zutage. Unerwartet bricht die geschlossene Erzählung auf und wendet sich gegen den Autor. Sie provoziert - "also verschönere deine Prosa, wenn du glaubst, dass der Kugelschreiber dir gehorcht und du das Buch verbesserst, also, [...]" - und erntet Widerspruch - "Verzeihung, ich schreibe den Roman, [...]".
Unwillkürlich drängt sich dem Leser die Erinnerung an Goethes Zauberlehrling auf: "Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los!"

"Verbessere ich das hier nun mit Worten, oder rede ich von dem, was wirklich geschehen ist?".
Lobo Antunes geht mit seiner Erzählung um wie mit einem Puzzlespiel. Immer wieder nimmt er das fast vollendete Gemälde auseinander und fügt die Teile auf neue Weise wieder zusammen, bis er auch diese neue Kombination wieder auseinander nimmt. Wieder und wieder probiert er neue Variationen. Ständig befindet sich die Erzählung in der Schwebe. So entstehen laufend neue Bilder, häufig auch nur bunte Muster, die keine Struktur erkennen lassen. Möglichkeiten prasseln auf uns nieder, immer wechselnde Beschreibungen der gleichen Situationen und Ereignisse, die sich ergänzen und widersprechen. Kunstvoll schlingen sich die verschiedenen Handlungsstränge ineinander und berühren sich an unerwarteten Stellen. Alte, vergessen geglaubte Ereignisse und Personen tauchen plötzlich und unvermittelt wieder auf, um gleich darauf erneut zu verschwinden und von einem weiteren Erzählstrang ersetzt zu werden, der ebenso schnell entschwindet oder aber sich ausbreitet, alles weitere in seinen Bann zieht, kontrolliert oder in Besitz nimmt. So wird der weitere Verlauf der Erzählung in unvorhersehbarer Weise immer wieder durchbrochen und überwältigt. Mit der letzten Lösung aber werden wir mit unserer Fantasie allein gelassen und erfahren so nie, "was wirklich geschehen ist".

Dieser Roman ist schwierig. Die Lektüre verlangt Entschlossenheit und Durchhaltevermögen. Jedoch, wenn es uns gelingt, diese aufzubringen, wenn wir es schaffen, uns diesem Werk zu öffnen, dann erschließt sich uns ein ungeahnt weitläufiger Kosmos, und wir werden erfüllt von einem Gefühl unheimlicher Befriedigung.


Titelbild

Antonio Lobo Antunes: Guten Abend ihr Dinge hier unten. Roman.
Übersetzt aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann.
Luchterhand Literaturverlag, München 2005.
704 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3630872050

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