Der Fotograf als Regisseur

Gregory Crewdson feiert die Wiederkehr des Verdrängten

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn Gregory Crewdson sich an die Arbeit macht, ist regelmäßig die Hölle los. Während die neugierige Menschenmasse hinter der Absperrung einen Blick auf das Spektakel zu erhaschen sucht, hüllt die Nebelmaschine auf der Ladefläche des Pickups die Szenerie in weißen Dunst. Weiter hinten bringen die Beleuchter ihre Scheinwerfer in Position, langsam liftet ein Kranwagen hochtechnisches Equipment. Großes Hollywood-Kino, könnte man meinen. Und doch spielt die heimelig-unheimliche Kulisse amerikanischer Vorstädte, die hier vor die Linse rückt, beileibe in keinem Film mit, sondern gefriert unter den Anweisungen Crewdsons zu (unbewegten) Bildern. Das Medium, das hier an filmähnlichen Sets, teils im Studio gastiert, und das häufig von einer detailbesessenen, oft wochenlangen Planung begleitet wird, heißt Fotografie.

Bis zu hundertfünfzig Personen arbeiten an Crewdsons Produktionen mit, darunter Spezialisten für Luftbildaufnahmen und Special Effects, Castingagenten, Friseure und Stylisten. Auch Fachleute für digitales Composing mischen sich unter die Crew, wenn es darum geht, ein Gesamtmotiv aus mehreren Ebenen am Computer zusammenzusetzen. Das Ergebnis dieser mit enormem Aufwand betriebenen Inszenierungen sind Fotos mit einer bis dato unerreichten Klarheit und Tiefe sowie einer hyper-realen Schärfe aller Details, die für sich genommen schon ausreichen würde, das Bekannte als auf beunruhigende Weise Verändertes und Unerklärbares erscheinen zu lassen. Erst recht tun dies die Motive: In der Serie "Twilight" sitzt eine Frau in ihrem Wohnzimmer auf einem Raum füllenden Blumenbeet, das sie, verschwitzt, erschöpft und mit Erde beschmiert, offenbar selbst angelegt hat. In einem anderen Bild schwimmt eine weißbekleidete Frau mit weit aufgerissenen, leblosen Augen in einer ölig-schwarzen Flüssigkeit, die kniehoch den gesamten Boden ihrer Wohnung bedeckt.

Crewdson zeigt auf seinen Fotografien kunstvoll verdichtete Geschichten, die filmisches Erzählen in Einzelbildern komprimieren und die wesentlich vom Einbruch des Rätselhaften die Normalität durchbrechen. Durch die mit fotografischer Finesse vorangetriebene Überbietung des "Echten" gelingt Crewdson eine Kontaktaufnahme mit dem Unbewussten und Verdrängten - so wie sich die mit Vorliebe eingesetzten Spiegelungen oder die Aufschrift "Perfect Picture Puzzle" auf einem Spielkarton umgekehrt als selbstreferenzieller Kommentar des Bilderschießens entpuppt.

Als abgründiger cinematografischer Traum voll betörender Schönheit und fundamentaler Irritiation und Verstörung leuchten Crewdsons Fotografien die Schattenseiten des vorstädtischen Amerika aus. Auf den Fotos erscheinen Menschen, die mit ihren unerklärlichen und rätselhaften Aktionen mit der Normalität brechen, und die in ihrer Einsamkeit so teilnahmslos, fremdgesteuert und gelähmt wirken, als seien sie eben einer fliegenden Untertasse entstiegen, oder, was unter diesem Blickwinkel fast dasselbe ist, einem Gemälde Edward Hoppers. Mal sind diese Körper nackt und geben in ihren verschiedenen Zuständen (alt, schwanger, menstruierend) Auskunft über die krude Materialität und Vergänglichkeit allen Daseins, mal sind sie angekleidet. Einige Personen blicken wie gebannt auf Lichterscheinungen in Garagen, Hütten oder Toilettencontainern, andere werden selbst von spotartigen Strahlen fokussiert. Der differenzierte Einsatz des Lichts beschreibt ein ganzes Bündel übernatürlicher und fiktionaler Zusammenhänge und gibt Hinweise auf eine Gegenwirklichkeit. Weniger offenkundig dagegen ist die Dimension der ikonografischen Tradition wie die christliche Symbolik mit ihren Szenen der Apotheose, der Verklärung der Epiphanie und der Verkündigung an Maria.

Als Werke mit einem Bekenntnis zu narrativer Komplexität, mit der Crewdson zugleich die große Traditionslinie der inszenierten Fotografie von Cindy Sherman bis Jeff Wall fortsetzt, und deren Aufwändigkeit buchstäblich ins Auge springt, halten sie den Betrachter jedoch zugleich auf Distanz. Die zitatenreiche Anknüpfung an Filme von David Lynch oder Steven Spielberg erlaubt wie die Verpflichtung bekannter Hollywoodschauspieler nur vordergründig eine bündige "Decodierung" amerikanischer Mythen. Der "echte" Kinomythos wird überlagert von der "falschen" Inszenierung und scheint paradoxerweise gerade durch das Re-Arrangement zu sich selbst zu finden. Jedes Wiedererkennen löst sich im nächsten Moment auf und spiegelt die kollektive Erinnerung in sich selbst.

Bricht in "Twilight" die Natur in die Kulturräume ein, wenn auch in ihrer gebändigten und zivilisierten Form, als Blumen oder Rasenmatte, so beschreitet die Serie "Natural Wonder" den umgekehrten Weg. Aus seiner Begeisterung für Dioramen, wie man sie in Museen für Naturgeschichte findet, schuf Crewdson in monatelanger Arbeit ein Modell des "Natürlichen", bis zu sechs mal sieben Meter groß. Obwohl der Künstler hier teilweise grotesk Abstoßendes ablichtet wie zum Beispiel verwesende Körperteile, bleiben die Bilder im romantischen Sinne schön. Kreis- und Kugelmotive aus Vogeleiern und Schmetterlinge stehen für die Idee der Geschlossenheit und der Perfektion, wie sie der geschmäcklerisch sublimierten Naturvorstellung seit der Aufklärung entsprechen. Auch hier lauert ein dialektischer Kniff, lässt doch erst die ostentative Künstlichkeit des Natürlichen erkennen, dass wir uns mit unseren kulturellen Hervorbringungen keineswegs über die Natur erhoben haben, sondern ihr gerade darin nur umso stärker verhaftet bleiben.


Kein Bild

Stephan Berg (Hg.): Gregory Crewdson. 1985-2005.
Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 2005.
244 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-10: 377571622X

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch