Der wahre Lukács im Retrolook

Die Werkausgabe des großen marxistischen Theoretikers wird fortgesetzt

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Beelzebub des Expressionismus, der Antichrist der Moderne, der Prophet des sozialistischen Realismus und seiner bürgerlichen Gewährsleute, der ästhetische Büttel Stalins - Georg Lukács' Rolle in der Literatur des 20. Jahrhunderts und der sie begleitenden Debatten ist aus der Perspektive der Moderne kaum rühmlich zu nennen. Der Antipode Bertolt Brechts, Anna Seghers` und Ernst Blochs hat sich wohl in jener berüchtigten Debatte über die Bedeutung des Expressionismus und der avantgardistischen Literatur zu deutlich gegen jede Form der literarischen Avantgarde gewandt, die wir heute als historische bezeichnen. Mittel zum Zweck, den er freilich schon länger vorher verfolgt hatte, war ihm der Expressionismus, und der Kniefall des Expressionisten Gottfried Benn vor dem Nationalsozialismus hat ihn darin nur bestärkt.

Aber Benn war lediglich die Probe aufs Exempel. Nicht einmal die Bigotterie des Herrn Hitler, die dazu führte, dass der Expressionismus nicht zur deutschen Kunst par excellence aufstieg, sondern schlichtweg als "entartet" diffamiert wurde, hat Lukács von seinem vernichtenden Urteil abbringen können. Seine Argumente waren der Gegensatz von Oberfläche und Wesentlichem einerseits und die Massentauglichkeit literarischer Texte andererseits. Die klassische Avantgarde beschränke sich auf Wahrnehmungssplitter, während die großen russischen Realisten oder Thomas Mann die Oberfläche durchstoßen hätten, um auf den dahinter liegenden Kern, die Totalität menschlicher Existenz, zu stoßen. Damit aber würden sie nicht nur Größeres leisten, sondern auch für den normalen Menschen verständlich schreiben. Denn darauf komme es an: Nicht nur die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus wahrzunehmen, sondern auch ihre Auswirkung auf den Einzelnen in seinem besonderen (Klassen-) Schicksal verständlich darzustellen. Indem die klassische Moderne sich dem verweigere und die Autonomie der Kunst für sich behaupte, entziehe sie sich ihres gesellschaftlichen Auftrags und übernehme stabilisierende Funktionen im bestehenden Gesellschaftssystem. Das aber heißt für Lukács: Nicht die sich avantgardistisch gebenden, Kunstformen zerstörenden und neu kreierenden Autoren, sondern die, die sich dem Fortschritt der Gesellschaft verschrieben, seien die wahre Avantgarde, schreibt er in einer seiner Abhandlungen zum Expressionismusstreit. Und fügt dreißig Jahre später in einem Gespräch über Johannes R. Becher hinzu, er habe die "Prosa von Tolstoi für progressiver" gehalten als die "von Dos Passos oder Ilja Ehrenburg". Solchen Sätzen konnten weder Brecht noch Bloch noch Seghers wirklich zustimmen. Allerdings beschränkte sich Brecht während des Exils seinerseits auf den Austausch von Höflichkeiten, berichtet Lukács. Seine teilweise heftigen Reaktionen auf Lukács' Attacken und seinen Ärger auf die "Moskauer Clique" um Lukács, Johannes R. Becher, Alfred Kurella und Fritz Erpenbeck ließ er unveröffentlicht.

War Lukács also ein Antimodernist von links? So weit, so gut, an diesem Bild des großen marxistischen Theoretikers ist nicht wirklich zu rütteln, auch wenn es nicht - wie könnte es auch - korrekt ist. Dazu hat der 1885 in Budapest geborene und dort 1971 verstorbene ungarische Philosoph, Literaturtheoretiker und Politiker einfach zu viel bieten. Vor allem sein Kernargument, das er in seinen Spätwerken, der "Ästhetik", der "Ontologie", und eben auch in den hier neu edierten autobiografischen Schriften und Gesprächen zu vertiefen suchte, ist nicht von der Hand zu weisen: Menschen wie Literatur sind von den gesellschaftlichen Bedingungen geprägt, unter denen sie existieren und entstehen. "Das Alltagsverhalten des Menschen ist zugleich Anfang und Endpunkt einer jeden menschlichen Tätigkeit." Wer würde dem widersprechen wollen (außer er oder sie ist Ästhetiker)? Und genau hier tut sich die eigentliche Kluft auf, nämlich nicht die zwischen Brecht und Lukács, sondern die zwischen den Theoretikern, die der Kunst einen autonomen Bereich zusprechen, und denen, die wie Lukács Kunst als gesellschaftliches Handeln verstehen. Darauf hat er vehement bestanden.

Aus dieser Perspektive heraus lässt sich Lukács' Engagement für einen engagierten Realismus ebenso nachvollziehen wie seine Kritik an den Modernen, seine Vorliebe für Thomas Mann ebenso wie seine vernichtende Kritik der proletarischen Autoren, die sich ansonsten von der deutschen KP Aufstieg und Schützenhilfe versprechen konnten. Auch seine Orientierung am sozialistischen Realismus ist gebrochen. Für Lukács standen Gesellschaft, Alltag und Literatur in einem komplexen Verhältnis zueinander. Wobei freilich an einem nicht zu rütteln ist: seinem Bekenntnis zum Sozialismus. Gerade in den späten Gesprächen, die teils politisch-theoretischen Charakter haben, teils auch - "Gelebtes Denken" - die Autobiografie ersetzen mussten, kommt er darauf zu sprechen. Noch eine Gesellschaft mit einem schlechten Sozialismus sei einer Gesellschaft mit dem besten Kapitalismus vorzuziehen, betont er. Ein Diktum, das 2005, nach dem Ende des real existierenden Sozialismus und lange nach dem Tod Stalins ein wenig befremdlich erscheinen muss.

Aber obwohl vieles an dem, was Lukács in diesem Band zu sagen hat, so anachronistisch wirkt wie der Umschlag der Werkausgabe, der seit vierzig Jahren unverändert scheint, ist dem alten Mann, der in den nun vorgelegten Texten zu uns spricht, doch vieles abzugewinnen. Wo ist das revolutionäre Potenzial der Arbeiterklasse der Industriestaaten, wo ist der "Lenin der heutigen Arbeiterklasse"? Und wer traut sich, ein so hübsches Retrodesign wieder auf Buchumschläge zu bringen? Lukács hätte ohne Zweifel große Freude an den neuen sozialen Bewegungen, an Attac und Globalisierungsgegnern, an Naomi Klein und den Attacken gegen die Sweatshops der großen Markenkonzerne. Er würde ihnen sicherlich wie auch der Studentenbewegung der späten 1960er Jahre große Bedeutung und revolutionäres Potenzial zusprechen. Er würde vielleicht auch ihnen, wie in den Gesprächen mit Hans Heinz Holz, Leo Kofler und Wolfgang Abendroth, die allerdings schon 1966 stattfanden, ein mangelndes theoretisches Verständnis attestieren und ihnen ihren Hang zu Happening nachtragen. Aber auch wenn sein Kommentar zu den Marketingkampagnen der frühen sechziger Jahre ein wenig verklemmt scheint: Der "Gauloise-Typ" als aktiver Mensch oder die beiden schönen jungen Frauen, die einen frisch gewaschenen jungen Mann umschwärmen, gleichen dem totalen Branding heutiger globaler Marken wie ein Käfer dem New Beetle. Eine gewisse Ähnlichkeit mag bestehen, aber schon der Motor ist heute woanders. Selbst Gegenkampagnen wie "No Logo" haben heute einen völlig anderen Charakter als die Revolten der sechziger Jahre. Kein Wunder also, wenn vieles an Lukács' Themen, seinen Ansätzen und Theorien wie ein Echo aus lange vergangenen Zeiten nachhallt.

Dennoch hat er mit seiner Kritik am Manipulationscharakter großer Teile der modernen Gesellschaft, des modernen Kapitalismus, wie er sagen würde, an eine wunde Stelle gerührt. Zwar wird man seinem Diktum, dass parlamentarische Demokratien als manipulative Instrumente gegründet worden seien, nicht zustimmen wollen. Die Frage danach, wie denn die Menschen in den Industriegesellschaften die freie Zeit verbringen, die sie dem System abgerungen haben, hat in den Zeiten des "Unterschichtenfernsehens" und global agierender Konzerne aber nicht an Brisanz verloren. Auch die Selbstverwaltung von Betrieben ist mindestens im globalen Kontext nicht vom Tisch. Ohne sie wird eine nachhaltige Entwicklung gerade ökonomischer Krisengebiete nicht möglich sein. Hinzu kommen elementare Verteilungskämpfe, die für Lukács das "Proletariat" der Industriestaaten bereits absolviert hat. In den Entwicklungs- und Schwellenländern aber stünden diese Kämpfe noch aus. Ob sie ziviler geführt werden als die Auseinandersetzungen zwischen "Arbeiterklasse" und "Bourgeoisie" des 19. und 20. Jahrhunderts, dazu hat Lukács in diesen späten Texten nichts mehr sagen wollen. Er hatte davon, wie er selbst eingesteht, eigentlich überhaupt keine Ahnung.


Titelbild

Georg Lukács: Autobiographische Texte und Gespräche. Werke Bd. 18.
Herausgegeben von Frank Benseler und Werner Jung.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2005.
518 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN-10: 3895285102

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Titelbild

Frank Benseler / Werner Jung (Hg.): Lukács. Jahrbuch der Internationalen Georg-Lukács-Gesellschaft.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2005.
517 Seiten, 98,00 EUR.
ISBN-10: 3895285323
ISSN: 14218208

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