Das Tabu des Todes

Eva Matthes liest "Ein Tag mit Herrn Jules" von Diane Broeckhoven

Von Wolfgang HaanRSS-Newsfeed neuer Artikel von Wolfgang Haan

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Diane Broeckhoven, geboren 1946 in Antwerpen, ist die Verfasserin mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Kinderbücher. Mit "Ein Tag mit Herrn Jules" hat sie ihren zweiten Roman für Erwachsene veröffentlicht.

Dieser handelt von Alice, einer ältlichen Dame, und Jules, ihrem gleichfalls gealterten Ehemann. Nach den Kämpfen eines langen Lebens haben die beiden sich in ihrer Wohnung wie in einem Kokon eingerichtet. An dem hektischen Treiben der übrigen Welt nehmen sie nur noch notwendigerweise teil. Ihr Tagesablauf ist immer gleich, routiniert und sicher. Angst vor Veränderung brauchen beide nicht zu haben.

Doch eines Morgens zerplatzt dieser Kokon wie eine Seifenblase. Die vermeintliche Sicherheit entpuppt sich als Realitätsferne und Alice ist auf sich allein gestellt, denn sie findet Jules tot auf dem Sofa. Sein Wunsch war es immer, "plötzlich [zu] sterben, ohne Schmerzen, ohne Angst, das wäre seine Wahl, wenn er eine hätte. Wie der Stoß einer riesigen Hand in den Rücken, ohne jede Chance, sich dagegen zu wappnen", und sein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Sie ist jetzt "die Hinterbliebene" und erst langsam dämmert ihr die Erkenntnis, dass sie "Ihn jetzt nicht mehr um seine Meinung oder Erlaubnis fragen muss".

Und fast unverzüglich trifft sie eine äußerst ungewöhnliche Entscheidung: Statt wie üblich einen Krankenwagen oder Bestatter anzurufen, beschließt sie, noch diesen einen Tag mit Jules zu verbringen, und zwar auf ihre Weise. Damit bricht sie bereits in den ersten Minuten nach Jules` Tod alle gewohnten Rituale, Denkweisen und Traditionen, an denen zu Lebzeiten von Jules festgehalten wurde. Bedurfte es erst eines so radikalen Einschnitts in Alice` Leben, um ihr die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu verwirklichen?

Doch Alice möchte etwas ganz anderes. "Jules würde erst dann wirklich tot sein, wenn sein Sterben bis ins Mark zu ihr durchgedrungen war. Bisher traf die Wahrheit lediglich von außen zu, an den äußeren Enden ihrer Nerven." Der Abschied kommt zu plötzlich. Sie ist nicht in der Lage, die Wirklichkeit des Todes von Jules zu begreifen, und bevor dies nicht geschieht, kann sie den leblosen, langsam erkaltenden Körper ihres Mannes nicht einfach Fremden überlassen.

Und so setzt sie ihren Tag fort, als wäre nichts geschehen. Doch dies entpuppt sich als wesentlich schwieriger als gedacht. Da in die Tagesroutine des Ehepaars auch Dritte involviert sind und diese nichts von Jules` Tod erfahren haben, erscheint Punkt 10 Uhr am Vormittag David, der autistische Sohn der Nachbarn zu seinem gewohnten Schachspiel mit Jules.

Diane Broeckhoven hat ein bemerkenswertes Buch vorgelegt. Selbst in der heutigen aufgeklärten Zeit ist das Sterben ein Tabu-Thema, obwohl es jeden von uns betrifft. Und darin ist auch schon die Ursache für dieses Tabu enthalten: Viele haben Angst vor dem Sterben, dem Tod und dem, was danach folgt. Der Autorin sind jedoch andere Dinge viel wichtiger. Dadurch, dass Jules ein plötzlicher Tod ereilt, ist Alice der Möglichkeit beraubt, auf die Eventualität vorbereitet zu sein. Natürlich war das eigene Ableben ein Thema zwischen den beiden Eheleuten. Allerdings wurde dieses, wie von den meisten Menschen, in so abstrakte Ferne gerückt, dass konkrete Ängste in den Hintergrund traten.

Alice muss nun Abschied nehmen und mit ihrer Trauer, ihrem Zorn und ihren Zukunftsängsten leben lernen. Aber sie weigert sich, ihren Mann wie ein plötzlich nutzlos gewordenes Möbelstück abtransportieren zu lassen. Sie braucht Zeit und nimmt sich diese auch. Es ist eine rührende Geschichte, die nüchtern und sachlich erzählt wird, so, wie wir vielleicht gewohnt sind, Kindern komplexe Sachverhalte zu erklären. So bleibt der Abstand des Lesers zu den Protagonisten gewahrt und er erhält Einblick in eine Art Utopie, in der es einfach normal wäre, wenn Sterbende im Kreis ihrer Lieben aus dem Diesseits scheiden und nicht institutionalisiert und abgeschoben werden.

Gegen Ende des Romans schläft David im Bett von Alice auf der Seite von Jules ein und so darf Alice noch einmal am nächsten Morgen das betörende Gefühl erleben, nicht allein auf der Welt zu sein in der Zeit zwischen Erwachen und Aufstehen.

Eva Mattes, geboren 1954, ist als vielseitige und preisgekrönte Schauspielerin bekannt. Ihre Bandbreite reicht dabei von "Woyzeck" über Hollywood-Produktionen wie "Duell - Enemy at the Gates" bis zum "Tatort" sowie dem Kinderfilm "Das Sams". Eva Mattes` Stimme klingt zeitlos und verleiht den inneren Monologen von Alice die erforderliche Glaubwürdigkeit. Dabei geht sie mit der Thematik des Romans respektvoll um, schafft es jedoch trotzdem, unaufdringlich die Stimmung einzufangen. Niemals gleitet ihre Stimme ins Ironische oder Kitschige. Trotzdem gelingt es ihr auf Anhieb, den Hörer mit ihrer tiefen und zugleich sanften Stimme zu fesseln.

Das Hörbuch entspricht dem aktuellen Trend, auf eine Musik- und/oder Soundeffektuntermalung zu verzichten. Allerdings macht sich dieses Fehlen auf Grund des nuancierten Vortrags von Eva Mattes nicht negativ bemerkbar.


Titelbild

Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules. Gelesen von Eva Mattes.
Audio Verlag, Potsdam 2005.
120 Minuten, 19,95 EUR.
ISBN-10: 389813444X

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