Besuch von der Lotusblume

Die erste Europatournee einer japanischen Theatertruppe in den Jahren 1901 und 1902

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Sie ist das feinste, zierlichste Geschöpf, das man imaginieren kann. [...] Sie scheint zu schweben, sie ist wie aus Krystall; man hat fast das Gefühl: ein Seelchen, das seinen Leib abgestreift hätte, flattere herbei und frohlocke und wiege sich. Dann spricht sie mit einem unnatürlich hellen, ganz dünnen und ängstlich zirpenden Stimmchen [...], die Stimme, wie sie eine Blume haben müsste, eine von den ganz klein, ganz hell, ganz zart blühenden Blumen, die auf hohen Bergen in der dünnen Luft wachsen; und wenn man sich sehr müde gestiegen hat, träumt man unruhig von ihren vergeistigten Farben, und dann, in solchen Träumen von einer unheimlichen Klarheit, glaubt man sie reden zu hören, feierlich leise, mit einer Stimme aus Morgenwind. Man wird mich auslachen, ich weiß [...]." Kein Zweifel, Hermann Bahr war ein Schwärmer. Und natürlich lachte der große Stilist Karl Kraus sofort: "Herr Hermann Bahr hat schwere Tage überstanden. [...] [Er] lag drei Wochen im Fieber. Zuerst kam Sada Yacco und that es ihm an. Mit ihr Loie Fuller, die ihre Bewegungen wie 'glühende Melodien' auf ihn wirken liess. Als aber gar Isadora Duncan in ein Zimmer des Hôtel Bristol trat, da war's um ihn geschehn. Da jedes Fieber, das Herrn Bahr befällt, [...] zuerst immer den um viele Jahre älteren Hevesi ansteckt und in weiterer Folge die ganze Schaar von Kritikern, die an sich der Empfänglichkeit für Kinderkrankheiten noch nicht entwachsen sind, so machte alsbald das geistige Wien den Eindruck einer Stätte, auf der die aus fremden Culturen bezogene Seuche so manche sonst gesunde Besinnung dahingerafft hatte. Den wenig widerstandsfähigen Bahr hatte es vor allen anderen."

Es war eine aufregende Theaterzeit, damals, 1901. Das erste Mal traten Japaner in Europa auf: der Prinzipal, Schauspieler und Stückeschreiber Kawakami Otojiro mit seinem weiblichen Star Sadayakko (Künstlername: Sada Yacco) und 15 weiteren Mitgliedern seines Theaters. Vom 11. November 1901 bis zum 2. April 1902 reisten sie, von Frankreich kommend, durch das Deutsche Reich und die angrenzenden Länder; von Köln nach Berlin, Hannover, Hamburg, Leipzig, Wiesbaden, Karlsruhe, Straßburg, München. Dann nach Wien, Prag, Zagreb, Budapest, Bukarest, Lemberg, Lodz, St. Petersburg, Moskau, Vilnius, Breslau. Und anschließend noch durch Italien. Fast jeden Tag traten sie auf und gönnten sich nur wenige Tage Ruhe, manchmal erzwungen, weil es einen Feiertag gab, an dem Theaterspielen verboten war. Manchmal aber auch aus purer Erschöpfung.

Sadayakko war schon bald ein Mega-Star, die "japanische Duse", ein schieres Wunder. Die Kritiker überschlugen sich in der anbetenden Beschreibung, wie man bei Hermann Bahr sieht. Er war kein Einzelfall. Alle, fast alle schwärmten. Natürlich wurde das von den Japanern sehr gefördert. So behaupteten sie, ihre Truppe sei ein "kaiserliches Hoftheater" (was nicht stimmte), so zierte sich Frau Sadayakko, Interviews zu geben und stilisierte sich kräftig, wenn sie doch welche gewährte. Es war Berechnung: Sie mussten Geld verdienen. Denn Kawakamis Europatournee war eine Privatveranstaltung, mit privatem Risiko. Sie hätte sie alle an den Hungerstab bringen können. Stattdessen waren sie so erfolgreich, dass sich Kawakami nach der Rückkehr in Osaka ein eigenes Theaterhaus bauen konnte, wo er viele westliche Stücke aufführte und einmal sogar als Hamlet mit dem Fahrrad auf die Bühne fuhr.

Natürlich strömte das Publikum: Kaum jemand hatte um die Jahrhundertwende schon einmal den fernen Osten bereist, kaum jemand hatte ein japanisches Theater gesehen. Nô Kabuki, Bunraku: alles war unbekannt. Und hier war etwas vollkommen Neues zu sehen. Noch heute ist bei uns im Westen nur weniges davon geläufig; von Japan kennen wir meistens nur ein paar Klischees. Und so sind wir auch jetzt immer noch gar nicht so weit entfernt von den Theaterkritikern und -besuchern damals: Auch sie wussten wenig, wussten oft nicht, wie sie die Darbietungen einzuschätzen hatten, wie sie sie aufnehmen und beurteilen sollten. Selbst die persönliche, gefühlsmäßige, unreflektierte Wirkung war sehr unterschiedlich, reichte von großem Entzücken und hymnischer Anhimmelung bis zum fassungslosen Staunen über die exotische Darbietung oder dem Abscheu gegenüber der Musik: "Eine neue Welt erschloss sich uns, mit allem Zauber exotischer Reize umkleidet, eine Welt voll nie gesehener Farben", schrieb ein Kritiker der "Neuen Deutschen Rundschau" und: "O welche Poesie liegt in dieser Stimme, welche Poesie in diesem zarten, biegsamen, von leuchtenden Seidenstoffen umhüllten Körper. Ranken und Blumen schmücken Sada Yacco's Gewand, und eine Blume dünkt uns Sada Yacco selbst, eine leuchtende, weinende Lotosblume". Andere Kritiker waren allerdings froh, wenn nach einem japanischen Stück wieder "richtige" Musik zu hören war, so dass "Mozarts anmutsvolle Musik nach dem japanischen Spektakel wohl tat, wie die Stimme einer geliebten Frau". Aber diese kritischen Stimmen blieben durchaus in der Minderheit. Der einzige Europäer, der schon einmal in Japan war und die Aufführungen beurteilen konnte, war der Maler und Grafiker Emil Orlik. Aber auch er äußerte sich nur privat kritisch: "Sie ist sehr talentvoll, das Übrige in meinen Augen Schmiere."

Dabei war es nicht einmal traditionelles japanisches Theater. Was Kawakami und Sadayakko zeigten, waren stark für das westliche Publikum bearbeitete Stückchen von Stücken. Sie wurden zerstückelt, ihre Hauptelemente herausgehoben, so dass der Theaterabend nicht zwölf wie in Japan, sondern nur zwei Stunden dauerte, die Sprache - auch ein wichtiges Element des japanischen Theaters - wurde zugunsten von pantomimischen Erklärungen sehr zurückgedrängt: "Wenige Worte, dann folgt die Tat [...] bald als artistische Bewegung, bald als wilder Kampf oder als furchtbare, blutige Katastrophe". Schon dass eine Frau auf der Bühne stand, war fast eine Sensation. Denn seit 1629 wurden alle Frauenrollen stets von Männern gespielt, erst nach der Meiji-Reform von 1868 waren Schauspielerinnern wieder erlaubt, wenn auch nicht überall gern gesehen. Sadayakko, als ehemalige Geisha in vielen Künsten ausgebildet, auch in Tanz und Musik, war eine der wenigen, die das wagte. Als Schauspielerin soll sie sogar besser als ihr Mann gewesen sein. Auf jeden Fall haben ihre Auftritte eine tiefe Spur in der Kulturgeschichte Deutschlands hinterlassen. Bei Hugo von Hofmannsthal, Brecht, Yeats, Claudel sind sie nachzuweisen, bei Puccini, der gerade zu der Zeit seine Oper "Madame Butterfly" komponierte und die Truppe 1902 in Mailand erlebte, bei vielen Malern wie Liebermann, Klimt, Klee, Slevogt und Orlik und sogar noch in manchen Inszenierungen "nach japanischer Art" von Max Reinhardt.

Dabei waren die Stücke selbst recht einfach, wie das Eifersuchtsdrama "Die Geisha und der Ritter" mit Duell und Liebestod, "Der Shogun" mit einem Zweikampf und dem Wahnsinnstod der Frau. In München hieß es in einer Kritik: "Raufen muß man die Japaner sehen! Wir in Oberbayern haben dafür ein gewisses Fachverständnis." Ganz besonders aber erregten die Selbstmorde per Bauchaufschlitzen (seppuku) und das langanhaltende, langsame, viele Zuschauer sehr berührende Sterben der Hauptdarstellerin Aufsehen. In langen Passagen versuchten die Kritiker dieses Erlebnis zu fassen und mussten doch letztendlich kapitulieren: "So stirbt kein deutscher Künstler, kein europäischer", fasste einer zusammen. Und ein anderer beklagte sich, dass das Sterben überhaupt kein Ende mehr nehme.

Ein sehr dickes Buch berichtet jetzt von diesem großen Ereignis. Peter Pantzer, Japanologie-Professor in Bonn, erzählt nicht nur in einem langen Aufsatz, der fast ein eigenes kleines Buch ist, von den Aufführungen, von der anstrengenden Tournee durch zwölf Länder (28 Aufführungen in 30 Tagen), von den Hintergründen und den ganzen Umständen, den Streitereien mit Loie Fuller, der berühmten Tänzerin, dem Impresario, den Pantzer nach langen Nachforschungen ausfindig gemacht hat, den Reisestrapazen, den Unfällen, den Hotels, die er penibel recherchiert hat und auflistet. Er hat vor allem jeden einzelnen Zeitungsartikel aus allen Städten abgedruckt, den er finden konnte: eine stupende Fleißarbeit, vor der man nur den Hut ziehen kann. Und so ergibt sich nicht nur ein ganz interessanter Einblick in eine kulturgeschichtliche Episode, die längst vergangen ist und doch immer noch ganz aufregend sein kann. Es ergibt sich vor allem ein Mosaik des gesamteuropäischen Staunens vor einer fremden Welt, die so unvermittelt in sie eingebrochen ist. Pantzer gelingt mal ein unmittelbares und berührendes, verblüffendes und nachdenklich machendes Bild, wenn man durch die vielen Wiederholungen, durch die vielen wortreichen Versuche, das völlig Fremde des japanischen Theaters zu fassen, etwas von der Faszination spürt, sie nicht nur nachliest, sondern nachvollziehen kann, fast nachvollziehen muss. Es wird ganz unmittelbar spürbar, wie fremd uns diese Welt immer noch ist, wie wenig wir von ihr verstehen, wie hilflos wir im intellektuellen und emotionalen Erfassen einer fremden Kultur sind, die zwar ein paar Berührungspunkte mit unserer hat, aber in anderen Bereichen fremd geblieben ist. Pantzers Buch ist eine ganz einzigartige Studie, die durch Fleiß und Sensibilität unter vielen anderen Japanbüchern hervorsticht.


Titelbild

Peter Pantzer (Hg.): Japanischer Theaterhimmel über Europas Bühnen. Kawakami Otojirô , Sadayakko und ihre Truppe auf Tournee durch Mittel- und Osteuropa 1901/ 1902.
Iudicium-Verlag, München 2005.
1092 Seiten, 85,00 EUR.
ISBN-10: 3891299206

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