Gewaltiger Zeugnisfundus

Wolfgang Amadeus Mozart - Briefe und Aufzeichnungen in einer neu aufgelegten Gesamtausgabe

Von Antje PolanzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Antje Polanz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seine Briefe sind "der meist hastig ausgestoßene Atem eines kaum zu Luft kommenden Menschen" (Ulrich Konrad), der vermutlich ahnte, dass er keine Zeit zu verlieren hatte. Er führte ein turbulentes Leben, das sich - von der Prägung durch die Musik ganz abgesehen - durch Mozarts herausragende Beobachtungsgabe, seine außerordentliche Menschenkenntnis, die Liebe zur Ironie, zur mitunter deftigen Sprache, zu Nonsens und "Schweinigeleien" auszeichnete. Nicht zuletzt die gelegentlich sich verzehrende Sehnsucht nach Schuhschnallen und Perlmuttknöpfen, denn das Schöne und "die Ordnung in allen Lebenslagen" war ihm unerlässlich für seine Arbeit, und da waren die plötzlichen und immer wiederkehrenden Abgründe: "Wenn die Leute in mein Herz sehen könnten [...] es ist alles kalt für mich - eiskalt".

Wir denken, wir kennen Mozart, wir haben ihn erfasst, weil er uns so anfassbar, so scheinbar zutraulich vorkommt. Kritiker warnen deshalb in diesen Tagen zum Auftakt des Jubeljahrs vor haltlos kollektiver Kumpanei. Der "Wolferl" sei und bleibe eine der hermetisch abgeriegelsten Geniegestalten der Musikgeschichte. Das Jubiläum kann nicht mehr als eine respektwahrende Vergegenwärtigung sein, unter anderem gefeiert mit dem sich durchaus nicht pessimistisch als einladend verstehenden mitgegebenen Leitfaden des sehr dankbaren neuen achten "Einführungs- und Ergänzungs"-Bands, der jetzt in einer Neuauflage erschienenen Gesamtausgabe "Mozart - Briefe und Aufzeichnungen". Das in der Vergangenheit sieben Bände umfassende Werk mit seinen 1643 Schriftzeugnissen aus der Zeit von 1755 bis 1857 bildet bis heute die Wissensgrundlage über die Familie Mozart. Die alte Aufteilung in "Briefe und Aufzeichnungen", zwei Kommentarbände und einen Registerband ist sinnvoll unverändert geblieben, ein ästhetischer Gewinn der Einbandwechsel vom Grün zur längst zum Klassiker gewordenen Mozart Signal- und Kommerz-Farbe Rot, jener Farbe seines Gehrocks von Barbara Kraffts unendlich vervielfältigtem Portrait aus dem Jahr 1819.

Im längst nicht mehr überschaubaren Gebirge der Mozart-Literatur hat diese Gesamtausgabe als Quellen- und "Rohmaterial" trotz des stattlichen Preises ihren zweifellos unanfechtbar festen Platz. Dreißig Jahre ist es mittlerweile her, dass die von der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg herausgegebene Zusammentragung der gesamten Korrespondenz Mozarts und seiner Familie, in Form von Briefen, Tagebüchern, Reisenotizen, Werkverzeichnissen und Stammbucheintragungen abgeschlossen wurde - nicht mit dem Anspruch der Endgültigkeit: die vorliegende Auflage ist durch neu aufgefundene Briefe ergänzt.

Wider den nahe liegenden Glauben, über das einstige Wunderkind sei eigentlich alles gesagt, besteht bei diesem gewaltigen Zeugnisfundus noch immer Garantie auf Fundstücke, wenn man nur bereit ist, sich auch auf weniger ausgeweidete Pfade zu begeben, etwa der Spur des gar nicht zeitgemäßen tiefgläubigen Mozart zu folgen, den Forschung und Öffentlichkeit beharrlich gern umschiffen.

Den unverwechselbaren Wert der brieflichen Hinterlassenschaft des Musikgenies zeichnet der Umstand aus, dass Mozart zugleich alles andere als der geborene "Briefeschreiber" war. Nicht hohe Literatur macht hier von sich Reden, auch geschah die Wortwahl des beständig "gegen die Grenzen des Monologischen anschreibenden Verfassers" "niemalen" - wie etwa bei Goethe - schon mit dem Blick auf das Nachleben. "Was geschrieben steht", nicht selten sprunghaft im Inhalt, ist zumeist dem unmittelbaren Anlass geschuldet, hat dadurch unvergleichlich lebendig die Zeiten überdauert und: noch so alltägliche Banalitäten, die auch ihren Platz auf dem Papier finden und uns das Genie so menschlich machen, "atmen" doch immer "die bohrende Gegenwart seiner (musikalischen) Arbeit". Das Briefwerk schließt den Kreis zur ganz großen Kunst der Noten.


Titelbild

Wolfgang A. Mozart: Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausgabe. 7 Bände und ein Ergänzungsband.
Herausgegeben von Ulrich Konrad.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005.
4492 Seiten, 99,99 EUR.
ISBN-10: 3423590769

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