Die Illusion einer Atombombe

Arundhati Roys engagierte Essays

Von Monika PapenfußRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Papenfuß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

1997 fand ein neuer Name Eingang in die literarische Welt: Arundhati Roy wurde mit ihrem Romanerstling "Der Gott der kleinen Dinge" schlagartig zur Weltbestsellerautorin. Das Buch wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und mit dem Booker-Prize ausgezeichnet.

Zwei Dinge sprechen für die junge, indische Autorin: Sie kann schreiben und sie hat etwas zu sagen. In "Der Gott der kleinen Dinge" entwickelt Roy in einer poetischen Sprache, die Farben, Gerüche und Stimmungen einfängt, die Liebesgeschichte zweier Menschen, deren tragisches Ende durch das noch heute vom Kastenwesen bestimmte Gesellschaftssystem vorprogrammiert ist. Um diese Liebe rankt sich ein Geflecht von menschlichen Beziehungen, ein Mikrokosmos, der dem Leser erschütternde Einblicke in ein Land gewährt, das in seinen gesellschaftlichen und kulturellen Kategorien weit entfernt ist von dem modernen Staat, als den es sich so gern ausgibt.

Das gesellschaftspolitische Engagement der Autorin, ihr Interesse an Indien und den Millionen von rechtlosen, am Rande der Gesellschaft vegetierenden Menschen, spricht bereits aus diesem wunderschön erzählten Roman, es wird noch deutlicher in ihrem neuen Buch. Das jüngst erschienene Essaybändchen mit dem Titel "Das Ende der Illusion" befasst sich mit zwei die indische Gesellschaft bewegenden, verändernden und aus der Sicht der Autorin bedrohenden Projekten: der Atombombe und dem Bau eines neuen, riesigen Staudammes. Beides, wie die Autorin in engagiertem Ton sachkundig durch zahlreiche Fakten unterlegt erläutert, nichts als Prestigeobjekte ehrgeiziger Politiker und einer kleinen Elite, die damit die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen zerstören und den Frieden gefährden. Die auf wenigen Seiten gebündelten Informationen geben ein schlüssiges Bild von den verheerenden, nicht wiedergutzumachenden Umweltkatastrophen als notwendige Konsequenz aus beiden Projekten.

Roy macht sich zur Anwältin der direkt Betroffenen. Wohin mit den Menschen, die durch den Staudamm heimatlos werden, deren Felder überflutet werden, verschlammen oder versalzen? Welchen Nutzen kann eine Bombe haben, deren Erprobung allein große Landstriche unbewohnbar macht? Die Gemeinsamkeit des geplanten Staudamm und der Atombombe, die Indien das Gefühl der Zugehörigkeit zur modernen Welt geben sollen, ist ihr Vernichtungspotential, ihr menschenverachtender Charakter, wie Roy anschaulich vor Augen führt. Roys Essays haben in ihrem emphatischen Ton und durch die bohrenden, insistierenden Fragen nach Angemessenheit und Konsequenz für das Leben einen appellativen Charakter. Denn wie sehr uns, weit weg von Indien, das alle etwas angeht, kann nicht besser ausgedrückt werden als in folgendem Zitat: "Wenn es einen Atomkrieg gibt, heißt unser Gegner nicht China oder Amerika oder Pakistan. Unser Gegner ist dann der ganze Planet. Die Elemente selbst - der Himmel, die Luft, die Erde, der Wind und das Wasser - werden sich gegen uns wenden und ihr Zorn wird furchtbar sein."

Titelbild

Arundhati Roy: Das Ende der Illusion. Politische Einmischungen. Aus dem Englischen von Wolfram Strole.
Karl Blessing Verlag, München 1999.
157 Seiten, 12,70 EUR.
ISBN-10: 3896671383

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