Seemannsgarn um den erhobenen Zeigefinger

Eine neue Gulliver-Ausgabe versucht den Brückenschlag zwischen Bilderbuch und Satire

Von Ute EisingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ute Eisinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Gullivers Reisen" teilt das Schicksal so mancher - vor allem britischer - Werke, die dem deutschen Leser aus begründeter Skepsis nur in verharmloster Form einer Kinder-, Jugend- oder Abenteuerlektüre verabreicht wurden. Es spricht gegen die deutsche Leserseele, dass sich derlei verbildende Missverständnisse über Jahrhunderte halten, ohne dass vehement dagegen eingetreten würde: Nach wie vor gelten Daniel Defoes Läuterung eines barocken Machiavellisten, "Robinson Crusoe", als naturnahes Menschenfresser-Abenteuer und Lewis Carrolls paradoxe Rätsel eines Mathematikers und umstrittenen Fotografen nackter kleiner Mädchen, "Alice im Wunderland", als fantastisches Märchen.

Schlimm missverstanden würde sich auch der irische Anglikaner Jonathan Swift (1667-1749) fühlen, wüsste er, dass seine groteske Zurschaustellung menschlicher Schwächen und aufklärerischer Theorien, "Gullivers Reisen" (1726) hierzulande als skurrile Odyssee-Verballhornung für Kinder gilt.

Nachdem vor kurzem Rufus Beck eine weitere Zusammenfassung des Buchs als Hörspiel eingesprochen hat, ist nun im Verlag Sauerländer eine beachtenswerte Ausgabe aller vier Reisen Gullivers erschienen, die zur Wiedergutmachung althergebrachter Begriffsstutzigkeiten beitragen könnte: Die Nacherzählung von Martin Jenkins - übrigens auch als Hörbuch erhältlich - wurde von Chris Riddell illustriert. Ergebnis ist ein ein außergewöhnliches Bilderbuch von hohem Aufforderungscharakter.

1701 trat Swift mit seinen bitterbösen Satiren - vorerst anonym, später unter verschiedenen Pseudonymen - an die Öffentlichkeit. Seine Schriften "Ein Tonnenmärchen" ("A Tale of a Tub"), "Die Bücherschlacht" ("The Battle of the Books") und "Dissensions in Athens and Rome" prangerten die herrschenden Zustände in Gesellschaft und Verwaltung des anglikanischen Irland und Englands, wo der Autor lang wirkte, an.

Als Swifts bekannteste Satire gilt "A Modest Proposal" ("Ein bescheidener Vorschlag"): die Idee, im Kampf gegen den in Irland auf Grund der hohen Geburtenraten herrschenden Hunger, aus dem hohe Kriminalität resultierte, Babys als Nahrungsmittel zu betrachten.

Auch "Gullivers Reisen", worin der englische Schiffsarzt Lemuel Gulliver von seinen Abenteuern auf der Südsee-Insel Liliput, auf der Riesen-Insel Brobdingnag, auf der fliegenden Insel autistischer Forscher, Laputa, und von der letzten Reise, von der Gulliver nur unter Sträuben zurückkehrt, erzählt - erschien und erscheint dem Leser rigoros. Vor allem wegen Swifts unbeschönigender Worte über die englischen Zustände, die der Protagonist unter dem Deckmäntelchen der Narrenfreiheit an seine Leserschaft junger, aufzuklärender Edelmänner richtet, konnte der Roman erst zehn Jahre nach Ersterscheinen vollständig herauskommen (1726/1735). Heute ist es weniger die Kritik an den herrschenden Zuständen - wenngleich Swifts Extrem-Fabel von ihrer Gültigkeit im Grunde nur einiges Zeitkolorit eingebüßt hat -, vor denen die Herausgeber zurückschrecken, sondern eher barocke Literatur-Manifestationen wie die von Gulliver gerittenen Brustwarzen der Riesin auf Laputa. Die vielen früheren Herausgeber von Zusammenfassungen, Kürzungen, Nacherzählungen, Verfilmungen und Hörspielfassungen - darunter Namen wie Erich Kästner - möchten etwas so Verstörendes Kindern dann doch nicht zumuten.

Es ist jedoch schlichtweg ein Sakrileg, rokoko-wilde Literatur wie Swifts anprangernd predigt-derbe Kritik an der Dummheit, der Schwäche und dem kalten Kalkül der Aufklärung, gekrönt durch seine Utopie, zunichte zu stutzen zu einer bloßen Münchhausenfahrt. Birgt doch gerade die heftige letzte Reise, von der Gulliver nicht mehr zurückkehren möchte, Swifts eigentlichen Vorwurf an die Zeitgenossen und seine Idealvorstellung der Gesellschaft: Sie führt ihn zu den Houyhnhnms, die edelmütige Pferde sind, weder Lüge noch Korruption kennen und gierige affenartige Yahoos - Menschen, wie Gulliver erkennt - als Arbeitstiere halten. Nachdem die Einheimischen bemerken, dass auch der lernwillige Gulliver von ihrer Art ist, muss der Held fliehen, versteckt sich allerdings jahrelang auf einer einsamen Insel. So sehr graut ihm vor der Rückkehr zu Seinesgleichen.

Zur großformatigen Martin-Jenkins-Version, die Günter Jürgensmeier ins Deutsche übersetzt und Chris Riddell gestaltet hat, bleibt zu sagen: ein Familienbuch - geeignet für Kinder ab sechs Jahren. Mein zehnjähriger Sohn hat ebenso danach gegriffen wie meine siebzehnjährigen Schüler und ich selbst. Die Attraktion lag vielleicht bei jeder Generation woanders, doch die Aufmachung des großformatigen Bilderbuchs lädt dazu ein, sich ernsthaft mit Swift, dem zu Unrecht verniedlichten Streiter gegen die Dummheit, auseinander zu setzen.


Titelbild

Jonathan Swift: Gullivers Reisen.
Übersetzt aus dem Englischen von Günter Jürgensmeier.
Sauerländer Verlag, Düsseldorf 2006.
144 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3794160487

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