Wiedergefundenes Manuskript

Fritz Leibers "Die Umtriebe des Daniel Kesserich" erscheint als bibliophile Sonderausgabe

Von Micha WischniewskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Micha Wischniewski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt nicht viele Autoren der fantastischen Literatur, die so sehr als Inspirationsquelle dienen wie Howard Philips Lovecraft - und gleichzeitig für die Verbalstümperei anderer in einem solchen Maße herhalten müssen. So hat August Derleth - ungeachtet seines Verdienstes bei der Verwaltung des Lovecraft'schen Erbes - den vom 'Einsiedler aus Providence' kreierten Mythos auf weltanschaulicher Ebene massivst entschärft, indem er ihn eines Großteils seines Nihilismus' beraubt hat. Vermochte Derleth wenigstens auf sprachlicher Ebene halbwegs mit seinem Idol mitzuhalten, sucht man selbst eine rudimentäre Ästhetisierung der Sprache bei etwa Wolfgang Hohlbein vergebens, dem Lovecraft und die von diesem entworfene Welt lediglich als oberflächliche Bilder zupass kommen, mit deren Hilfe er seine Groschenromane aufzuwerten und ihnen einen literarischen Anstrich zu verleihen versucht.

Umso erfreulicher ist es dagegen, wenn man auf Schriftsteller trifft, die sich offen zu ihrer Beeinflussung durch Lovecraft bekennen und deren Werk zudem dem Anspruch des Vorbilds gerecht wird - auch wenn diese Autoren selbst getrost zu den Klassikern ihres jeweiligen Genres gezählt werden können. Fritz Leiber ist solch ein Mensch. Mit den Geschichten um Fafhrd und dem Grauen Mausling selbst eine, wenn nicht gar die Größe der Sword & Sorcery-Fantasy geworden, ließ er es sich nicht nehmen, mit Lovecraft in einen Briefkontakt zu treten, der sich als sehr fruchtbar erweisen sollte: Das Resultat des regen Austauschs war die von Leiber bereits in den 30ern verfasste Novelle "Die Umtriebe des Daniel Kesserich", deren Manuskript allerdings spurlos verschwand und erst vor gut zehn Jahren wieder auftauchte. Dieser Dekade bedurfte es, um den Ausflug Leibers in die düstere Phantastik auch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen - ein Ausflug, der ohne Abstriche als gelungen betrachtet werden kann.

In dem kurzen Prosatext berichtet George Kramer von seiner Reise in das verschlafene Städtchen Smithville, in dem er seine beiden Freunde aus alten Universitätstagen besuchen möchte, den recht durchschnittlichen und frisch verwitweten John Ellis sowie den eigenwilligen Forscher Daniel Kesserich. Als Kramer in dem im Nirgendwo der Wüste Kaliforniens gelegenen Ort ankommt, wird er Zeuge, wie das Haus Kesserichs aus unerfindlichen Gründen explodiert, nur um anschließend zu erfahren, dass auch Ellis für ihn nicht (mehr) zu erreichen ist, gilt dieser doch seit einigen Tagen als verschwunden. Zudem ringt Kramer mit sich, ob er nicht zu halluzinieren beginnt, da er unvermittelt Gegenstände vor sich materialisieren sieht, und zu allem Überfluss kann er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bevölkerung des Örtchens einer Massenhypnose zum Opfer gefallen ist.

So weit, so gut. Das alles hört sich nach einer ziemlich durchschnittlichen Gothic Novel an und wäre es vermutlich auch geworden, wenn jemand anderes als Fritz Leiber dafür verantwortlich gezeichnet hätte. Er bedient sich unverhohlen diverser genretypischer Motive, jedoch nicht ohne ihnen jeweils eine eigene Note zu verleihen: Die Gothic Mansion fliegt gleich anfangs in die Luft und existiert nunmehr als Trümmerfeld, der Mad Scientist glänzt während der eigentlichen Handlung zuvorderst durch Abwesenheit und ist außerdem weit davon entfernt, die gängige Gleichung 'wahnsinnig = böse' zu erfüllen, und der Text als solcher, den der Leser in Händen hält, ist keine Tagebuchaufzeichnung eines Todgeweihten oder die verzweifelte Warnung des Ich-Erzählers, der zu einer Erkenntnis gelangt ist, die er nie haben wollte - sondern schlicht und ergreifend aus finanziellem Interesse veröffentlicht. "[I]ch bin ein Mann, der stets bereit ist zu verkaufen." Ungewöhnliche Worte für eine Gothic Novel! Und vergleichsmäßig ungewöhnlich ist auch die Sprache: Zwar haben "Die Umtriebe des Daniel Kesserich" nichts vom Lakonischen oder dem trockenen Humor der Erzählungen von Fafhrd und dem Grauen Mausling, doch ist in ihnen genauso wenig das mäandernde, ziselierte Sprachgeflecht der archetypischen Gothic Novel zu Eigen. Stattdessen wirkt die Wortwahl Leibers außerordentlich bodenständig, wodurch eine Authentizität suggeriert wird, die im Ästhetizismus der 'normalen' düsteren Fantastik vergeblich zu suchen ist und die das Geschehen in ein so unerwartetes wie erfrischend unverbrauchtes Licht rückt.

Doch nicht nur auf inhaltlicher Ebene weiß das schmale Bändchen zu überzeugen: Mit der äußerst geschmackvollen Gestaltung hat der Verlag bewiesen, dass er mit der Einführung einer Taschenbuchreihe seine ursprüngliche Intention keineswegs aus den Augen verliert: die Publikation niveauvoller fantastischer Literatur in Form bibliophiler Sammlerexemplare. Und so wissen auch "Die Umtriebe des Daniel Kesserich" mit liebevollen Umschlag- und Innenillustrationen das Leserauge zu umschmeicheln, während der gediegene Schuber mit Prägedruck die edle Gesamtaufmachung unterstreicht und ihr den letzten Schliff verpasst. Die Ausgabe ist auf 250 Exemplare limitiert und von Illustrator Lars Nestler signiert.


Titelbild

Fritz Leiber: Die Umtriebe des Daniel Kesserich.
Übersetzt aus dem Englischen von Joachim Körber.
Edition Phantasia, Bellheim 2005.
113 Seiten, 66,00 EUR.
ISBN-10: 3924959706

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