Begrüßenswerte Vielfalt

Der erste Band von Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur verfolgt den Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit

Von Barbara LeupoldRSS-Newsfeed neuer Artikel von Barbara Leupold

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Literaturgeschichte wird von heute aus geschrieben. Sie zeigt nicht, 'wie es denn eigentlich gewesen ist', sondern entwirft, wie jede Geschichtsschreibung, ein Bild von der Literatur einer Epoche, das vom Frage- und Interessenhorizont der Gegenwart, von den Problemstellungen und Erkenntnisinteressen der modernen Literaturwissenschaften geprägt ist." - Mit dieser Einsicht eröffnen die Herausgeber den 2004 erschienen ersten Band der Reihe "Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart" mit dem Titel "Die Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit". Tatsächlich liefern sie dem interessierten Leser gleich mehrere 'Bilder' oder besser gesagt: mehrere Facetten eines Bildes der deutschen Literaturgeschichte im 15. und 16. Jahrhundert, indem sie in den einzelnen Kapiteln verschiedene Fachwissenschaftler zu Wort kommen lassen. Das bedeutet: unterschiedliche Literaturbegriffe, unterschiedliche methodische Zugriffe, unterschiedliche Akzente, unterschiedliche Fragestellungen. Daraus wiederum ergibt sich eine bunte Vielfalt der Einordnungen, Prioritäten und Urteile.

Im Zuge der Lektüre dieser Literaturgeschichte lässt sich also zugleich das literaturwissenschaftliche Bewusstsein schärfen, die Illusion von der Literaturgeschichtsschreibung ablegen und die Erkenntnis gewinnen, dass nicht nur die Literatur, sondern auch die sich mit ihr auseinandersetzende Forschung immer eine Vielfalt an Standpunkten und Herangehensweisen hervorbringt.

Wenn auch die Herausgeber in ihrem Vorwort Programmatisches formulieren, so haben sie den Autoren dennoch ein nicht allzu enges Korsett auferlegt. Sie bedenken jedoch verantwortungsbewusst das damit verbundene "Risiko", dass "die Darstellung an Kohärenz verliert, unterschiedliche methodische Orientierungen und Akzentuierungen sichtbar werden, Dopplungen zu beklagen sind".

Der gemeinsame Nenner der Beiträge besteht im sozialgeschichtlichen Ansatz, dessen Ansprüche im Vorwort formuliert werden. Danach muss eine Sozialgeschichte der Literatur "drei verschiedene Darstellungsebenen berücksichtigen": erstens die historisch und literaturhistorischen Strukturen "langer Dauer", "die (...) in den Einzeltexten reflektiert und verändert, überformt oder ästhetisiert, affirmiert oder in Frage gestellt werden". Zweitens gilt es, "die literarische Entwicklung in ihrer Bindung an soziale Gruppen, Interessen und Institutionen zu beleuchten". Zum Dritten geht es "um die einzelnen, soziale Situationen übergreifenden Transformationen von (literarischen) Gattungen und Schreibweisen, von sprachlichen Bildern, Topoi und anderen Konventionen, die im einzelnen literarischen Text aufgenommen und weiterentwickelt, erprobt und modifiziert werden".

Die Herausgeber richten den Blick auf unterschiedliche Prozesse (literar-) historischen Wandels in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, "die den 'langen' Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markieren, dabei aber das 'Alte im Neuen' und die 'Bewahrung der Tradition' in den 'Versuchen des Neuanfangs' präsent halten". Es geht dabei um religiösen Wandel, Veränderungen adliger Selbstverständigungsmuster, Umbesetzungen in der spätmittelalterlichen Stadt, Wandelprozesse in den humanistischen Sodalitäten, um Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Entstehung des literarischen Markts und das Verhältnis von Handschrift zu Buchdruck.

Die Literatur erscheint dementsprechend geordnet nach ihren sozialen Orten, zumindest zum größten Teil: Höfe, kirchlicher Bereich, Städte. Nach "Voraussetzungen und Grundlagen", wird erst "Das Alte im Neuen: Bewahrung der Tradition und Versuche des Neuanfangs" beleuchtet, bevor sich die Literaturgeschichte Themenkomplexen wie "Frömmigkeit, Reformation und Konfessionalisierung", "Adliges Selbstverständnis und höfische Literatur", "Städtische Kultur und Literaturproduktion" sowie schließlich der "Entdeckung des Selbst und neuer Welten" widmet. Es lässt sich natürlich nicht vermeiden, dass den so bewährten wie sinnvollen Grenzziehungen so manche wichtige Wechselbeziehung zum Opfer fällt. Ein wenig mehr Einleitung, Darstellung von Hintergründen und Freilegung von Wechselbeziehungen wäre hier wünschenswert gewesen.

Die sehr strukturierte Gesamtanlage des Bands birgt nur kleine Irritationen. Warum wurde z. B. das Kapitel 'Kalenderliteratur und Sprichwortsammlungen' von Kniesant ganz zum Schluss unter der Großüberschrift 'Entdeckung des Selbst und neuer Welten' einsortiert?

Gegenüber der differenzierten Epochendarstellung fällt die praktische Handhabbarkeit des Bands zurück: Als Nachschlagewerk ist diese Literaturgeschichte nicht zu gebrauchen. Vergeblich sucht man nach einer Übersicht, die z. B. Gattungstraditionen und ihre Entwicklungslinien erschließen würde. Lediglich über ein Personen- und Werkregister, nicht aber über ein Sach- oder Schlagwortregister, ist ein punktueller Zugang zu einzelnen Inhalten des Bands erschlossen. So ist es nur schwer möglich, sich zu Stichworten wie z. B. 'Meistersang', 'Jesuitenkolleg' oder 'Gegenreformation' rasch zu orientieren. (Es ist bedauerlich, dass das zweite Inhaltsverzeichnis am Ende versteckt wurde, denn es erschließt die Untergliederung der einzelnen Kapitel detailliert und gibt damit wesentlich besser Orientierung als die knappe Übersicht zu Beginn.)

In Bezug auf häufig gebrauchte, ja zentrale Begriffe wie z. B. "Humanismus" hätte man sich gewünscht, dass größere Einheitlichkeit herrscht bzw. zumindest eine Reflexion des jeweiligen Gebrauchs stattfindet (das gilt auch für den Literaturbegriff). Auch was die Auswahl der behandelten Gattungen, Werke und Autoren betrifft, fehlt Klarheit: Nur bereits vorinformierten Lesern wird sich im Zuge der Rezeption des Bands erschließen, dass z. B. Liederbücher keine Rolle spielen, obwohl man ihnen wohlbegründet durchaus mehr Aufmerksamkeit hätte schenken können. Der Meistersang wird marginal behandelt. Was ist mit den Ausdrucksformen der Gegenreformation, mit den Anfängen des Jesuitendramas oder der Prosa der Gegenreformation? Besonders auffallend aber ist der selektive Zugriff aber in Bezug auf das 15. Jahrhundert. Es wird ganz offensichtlich nur so weit betrachtet, wie es im Hinblick auf die - gedruckten - Hervorbringungen des 16. Jahrhunderts als relevant erachtet wird. Und nicht nur das: Überraschenderweise findet sich nicht einmal ein Seitenblick auf Oswald von Wolkenstein. Man hätte dies aber durchaus erwarten können, wenn es unter anderem um die Anfänge von '(Auto-)Biografie' geht, die 'Entdeckung des Ichs', oder in Bezug auf das Thema Reise. Man mag den Herausgebern also ihr ausdrückliches Bekenntnis zum Phänomen der 'langen Dauer' nicht an jeder Stelle ganz zugestehen.

Insgesamt lässt sich festhalten: Als Handbuch zur ersten Orientierung in der Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts ist diese Literaturgeschichte nicht geeignet. Dafür bietet sie jedoch eine begrüßenswerte Vielfalt an Sichtweisen auf den so genannten 'Beginn' der Frühen Neuzeit.


Titelbild

Werner Röcke / Marina Münkler (Hg.): Die Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004.
772 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 3423043431

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