Literatur und Androiden

Thomas T. Tabbert sucht nach Bildern des künstlichen Menschen

Von Achim KüpperRSS-Newsfeed neuer Artikel von Achim Küpper

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer kennt ihn nicht: den überaus gebildeten und zuweilen etwas ängstlichen Übersetzungsandroiden C3PO, der zusammen mit seinem nicht weniger populären kleinen Freund, dem pfiffigen Ingenieurroboter R2D2, in den letzten Jahren die unterschiedlichsten Leinwandabenteuer der "Star Wars" zu bestehen hatte. Dabei ist das Phänomen an sich sehr viel älter als man glauben mag, denn was in "Star Wars" nur wie ein leichter seichter Scherz nachklingt, hat in der Tat eine lange Tradition: Seit Jahrhunderten ist der Mensch auf der Suche nach einem möglichst vollkommenen Abbild seiner selbst, nach einem Simulacrum, einem Artefakt, das ihm nicht nur äußerlich gleicht, sondern sich nach Möglichkeit auch so bewegt, redet, handelt oder funktioniert wie er. Der Traum einer menschlichen Maschine. Bereits in der Antike hat man ihn geträumt, bereits dort kannte man menschenähnliche Automaten.

Im Jahr 2006 begibt sich Thomas T. Tabbert auf die Suche nach den Spuren, die dieser Traum hinterlassen hat, in Wissenschaft, Kultur und Technik, insbesondere aber - und darum geht es hier - in der Literatur: In seiner Studie "Die erleuchtete Maschine" forscht Tabbert nach Bildern des künstlichen Menschen in E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann" (1815), die mit der Figur Olimpia ja in der Tat eine bedeutende literarische Ausprägung des Automatenmotivs vorlegt. Die Arbeit versteht sich als Einzelauskoppelung aus Tabberts übergreifender Darstellung "Menschmaschinengötter. Künstliche Menschen in Literatur und Technik. Fallstudien einer Artifizialanthropologie" (Hamburg 2004). Die Einzeldarstellung liegt als preiswerte Studienausgabe in der Hamburger Artislife Press vor und kommt dementsprechend auch in eher bescheidener Aufmachung daher.

Der Schwerpunkt der Studie liegt vor allem auf den historisch-kulturellen Zusammenhängen des Automatenthemas. Tabberts Leistung besteht darin, dass er Hoffmanns konkrete literarische Gestaltung der Maschinenpuppe in den weiteren Kontext der Theorie und Praxis des künstlich erschaffenen Menschen einarbeitet, was in der ungemein regen und üppigen Forschung zum "Sandmann" in dieser Form bisher noch nicht geschehen ist. So legt Tabbert zunächst die theoretischen Positionen der Automatendiskussion (vor allem des 17. und 18. Jahrhunderts) und ihrer wichtigsten Vertreter dar. Neben den zentralen Theorien von René Descartes und Julien Offray de La Mettrie, in Anlehnung an dessen Ausführungen auch der Titel "Die erleuchtete Maschine" zu verstehen ist, kommen ferner auch Ansätze von Francis Bacon, Galileo Galilei, Christian Wolff, dem Marquis de Condorcet sowie von Leonardo da Vinci, Nicolas Malebranche oder Isaac Newtons zur Sprache. Auf diese Weise werden grundlegende theoretische Fragen der historischen Automatendiskussion aufbereitet: die Frage der Möglichkeit einer belebten bzw. beseelten Materie, der "Weltmaschine", der Mechanisierbarkeit des Geistes oder der Maschinenhaftigkeit des Menschen überhaupt, der Unterscheidung bzw. Trennung zwischen Mensch und Maschine, Seele und Materie u. s. w.

Neben der Theoriedebatte werden aber auch Entwicklungen auf dem Gebiet der Montagepraxis (vor allem des späteren 18. und frühen 19. Jahrhunderts) nachgezeichnet. Hier stehen bedeutende historische Automatenkonstrukteure wie Jacques Vaucanson mit seinem "Flötenspieler" und seiner mechanischen "Ente", Wolfgang von Kempelen mit dem von ihm entwickelten "Schachtürken" und seiner "Sprechmaschine", sowie Pierre und Henri-Louis Jaquet-Droz mit ihrer lebensechten "Musicienne". Damit verbunden sind auch erkenntnis- oder wissenschaftsspezifische Fragen der historischen Debatte: Lassen sich Mensch oder Natur anhand der Maschine erklären? Kann die Maschine durch die biologische Vervollkommnung des Menschen den einstmals religiösen Unsterblichkeitsgedanken Wirklichkeit werden lassen?

Hinsichtlich Hoffmanns "Sandmann" hebt der Verfasser wiederholt und ganz zu Recht eine grundlegende "Mehrdeutigkeit", "Perspektivenvielfalt" und "Widersprüchlichkeit" des Textes hervor - eine Erkenntnis, die sich besonders in Bezug auf den "Sandmann" seit längerem in der Hoffmann-Forschung widerspiegelt. Allerdings weist Tabberts Ansatz gerade an diesem Punkt einige Schwachstellen auf. Zwar geht er in der zweiten Hälfte seiner Darstellung etwas näher auf die Erzählung ein, doch zeigt sich an dieser Stelle zugleich die große Schwierigkeit, einen polyphonen Text wie den "Sandmann" in einen breiteren - hier "artifizialanthropologischen" - Kontext zu stellen, ohne den Text selbst dadurch auf einzelne seiner Teilaspekte zu reduzieren und dem Gesamtkomplex Gewalt anzutun (so werden etwa einige ironisch-komische Brechungen der Erzählung in der Argumentation nicht berücksichtigt). Auch zieht Tabbert sich bei der Deutung auffallend häufig auf das Urteil anderer Interpreten zurück, statt eigene Auslegungen zu wagen, sodass mitunter nicht stark genug ins Auge springt, worin sein eigentlicher Beitrag zum Verständnis von Hoffmanns Text besteht. Sprachlich ist die Arbeit zuweilen etwas ungelenk und umständlich; das behindert aber kaum den insgesamt doch recht zügigen Lektürefluss.

Wenn Tabbert in der Zusammenfassung seiner Arbeit die Schlussfolgerung zieht, dass Hoffmanns Text gerade durch die spezifische Verwendung der Maschinenthematik "das Selbstverständnis des Menschen grundlegend hinterfragt", so kann man sich diesem Urteil wirklich nur anschließen. Tabberts Studie liefert einen historisch-kontextuell begründeten Beitrag zu eben diesem Verständnis von Hoffmanns "Sandmann" und lässt größere Zusammenhänge und Entwicklungen nun deutlicher hervortreten.


Titelbild

Thomas T. Tabbert: Die erleuchtete Maschine. Künstliche Menschen in E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann".
Artislife Press Hamburg e.K., Hamburg 2006.
184 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3938378107

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