Die fundamentalistische Krankheit

Über Elisabeth Altenwegers Roman "Sintemalen"

Von Florian SchädleRSS-Newsfeed neuer Artikel von Florian Schädle

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schnörkellos ist der Buchband: rechtsbündig ganz oben der Name der Autorin Elisabeth Altenweger, darunter blau der Titel "Sintemalen" - beides auf dem Weiß des Umschlags; das untere Drittel des Einbands umfasst ein blauer Streifen, der wie eine Banderole wirkt, in ihm wiederholte Worte in Latein und schließlich direkt auf dem weißen Einbandpapier der Name edition o & o, in der das Buch erschienen ist.

Diese einfachen, beinahe unscheinbaren Äußerlichkeiten spiegeln die Stimmung vor der Erzählung einer zerrüttenden Erfahrung wider: Susanna Schneider, die während des beinahe einen Jahres der Handlung ihren fünfzigsten Geburtstag erlebt, bezieht mit ihrem langjährigen Lebensgefährten Till Palmer, ihren beiden Töchtern, Ilona, Maturandin und anschließende Studentin, und der noch minderjährigen Leonie sowie den beiden Katzen Mitsu und Bishi das rechte von drei freistehenden Einfamilienhäusern im schweizerischen Emmental.

Zu Beginn stellt nur die Nachbarsfamilie der Jordis - Pfarrer Stefan, seine Frau Franziska und ihre drei Söhne Tobias, Samuel und Simon (im Dezember kommt schließlich noch ein vierter Sohn, Lukas, hinzu) - einen selbstständig handelnden Bezugspunkt dar. Besonders im Umgang mit ihnen wird deutlich, dass Susanna große Schwierigkeiten mit Religion und Religiosität hat: Sie wuchs im evangelischen Brüderverein, "einer fundamentalistischen Freikirche mit sektenhaften Zügen", streng nach dessen Regeln auf und wurde 30 Jahre vor der Handlung des Romans von ihren Eltern verstoßen und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Deshalb spielt der Glaube an Gott vordergründig im Familienleben von Susanna und Till nur eine untergeordnete Rolle, trotzdem werden Religion und der Glaube immer wieder thematisiert. Selbst Weihnachten feiert die Familie nicht, ihren beiden Töchtern zuliebe begehen sie als Ersatz eine Feier der Wintersonnenwende. Dennoch (oder gerade deshalb) wendet sich die ältere Tochter Ilona dem christlichen Glauben zu, ist konfirmierte Pfadfinderin, besucht regelmäßig Veranstaltungen der evangelischen Jugendbewegung "new life" und studiert schließlich Theologie, um zu erfahren, "ob es Gott gebe".

Außerdem sieht sich Susanna nicht nur durch die Lektorinnen-Tätigkeit im Verlag Tills immer wieder mit ihrer Vergangenheit im Brüderverein konfrontiert. In das anfangs noch leerstehende Haus zwischen Susannas Familie und den Jordis ziehen ehemalige Wegbegleiter und Jugendfreunde aus dem Brüderverein, die nach ihrem Austritt aus der Vereinigung den Freien Missionsgemeinden angehören. Dadurch zu einer schmerzhaften Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit gezwungen, nutzt Susanna alle sich bietenden Gelegenheiten, um eine "offene Rechnung" mit dem Brüderverein zu begleichen, weil es verboten war, sich mit den Mitgliedern "auseinanderzusetzen". Dies holt sie nach und geht schließlich zum Weihnachtsfest nach "Zion", wie die Freikirchler ihr Gemeindehaus selbst nennen. Dort erleidet sie schließlich einen Zusammenbruch.

Elisabeth Altenweger schildert in ihren - immer wieder mit Schweizer Regionalismen gespickten - nüchtern-realistisch erzählten Text allein die Perspektive Susannas. So entsteht eine Identifikation, die ein Nachvollziehen ermöglicht und die Handlungen Susannas erklärt, ohne sie im Letzten (also ohne die schmerzhaften, entbehrungsreichen Erfahrungen des Lebenswegs vor der Romanhandlung) wirklich verstehbar zu machen: Die Schranken der oktroyierten Sicht des Brüdervereins weichen in der beschriebenen Gedankenwelt Susannas nicht einer Form von schrankenloser Reflexivität und gottloser Autoritätslosigkeit, die im Sinne von endgültiger Befreiung und Abstreifung eines Irrglaubens vielleicht notwendig wären. Vielmehr schwankt Susanna getrieben zwischen den Polen eines atheistischen, "weltlichen" Lebens und der bibeltreuen, "perversen Haltung gegenüber der Realität" des Brüdervereins hin und her. Gerade die Darstellung dieser Unentschlossenheit, inneren Zerrissenheit und der Widersprüche machen die Protagonistin so menschlich und vielleicht deshalb liebenswert.

Die Autorin findet viele Sinnbilder in der Außenwelt, die zumindest mittelbar Bedeutung für den Verlauf der Handlung gewinnen. Am sinn- und auffälligsten ist sicherlich der durch herbstliche Unwetter zunächst anschwellende und dann besänftigte Fluss, der eine katastrophale oder zumindest kathartische Wendung geradezu lauthals heraufbeschwört.

Die innere Unentschlossenheit Susannas findet Ausdruck in einem Gemälde, das ihr die Missionsgemeindler, die sie immer noch im Brüdervereins-Jargon "Verräter" nennt, zu ihrem Geburtstag schenken, "Der breite und der schmale Weg". Im Zusammenhang mit einem Gebet wird ihr Dilemma deutlich: "Susanna ist angeheimelt und abgestoßen zugleich. Die Susanna vom schmalen Weg hat sich an diesem Gebet nicht gestört, die vom breiten kommt sich vor wie jemand, der eben unfreiwillig ein Voodoo-Ritual miterlebt hat."

Auch das Schlussbild hat es in sich: Susanna nach ihrem Zusammenbruch und einem Aufenthalt in einem Sanatorium erst einen, dann zwei Schritte hinter ihrer Familie zurück und schließlich gemeinsam mit Till auf Treppenstufen hin zum Tageslicht. Dennoch stellen die vorhergehenden Ereignisse eine solch positive Wendung in Frage.

Hingegen lassen sich die Bilder bezüglich des Brüdervereins eindeutig verstehen: Der "Kahlschlag, den der Brüderverein in ihr anrichtete", das mangelnde Selbstbewusstsein hat Susanna eingeimpft bekommen durch die Devise: "Der Mensch ist nichts, Gott ist alles." Ausdruck findet diese geistige Schlichtheit auch im Äußeren der Menschen im Brüderverein und auch Susanna legt sich, noch bevor sie beginnt in "Zion" aus- und einzugehen, durch Nicht-Schminken und einen langen schwarzen Rock wieder die alte Maske des Brüdervereins an.

Ausdruck eines gewissen Drangs nach Freiheit, die ihr bis zum endgültigen Bruch mit dem Brüderverein versagt blieb, sind ihre Angst vor geschlossenen Räumen, wenn sie sich allein mit einem "weltlichen" Mann unterhalten muss, und ihr starker Zigarettenkonsum: "Ihr ist das Rauchen eine Stütze. Für sich selbst kann sie die Freikirchenwelt damit bannen."

Die Diagnose, die im Sanatorium gestellt wird, lautet "Angststörung". Elisabeth Altenweger selbst lässt Susanna zu dem Urteil kommen: "Ihre Krankheit heißt Brüderverein.", so dass der Eindruck von einer eng verschränkenden Parallelschaltung zwischen Angst, Störung und Brüderverein entsteht.

Einerseits ist dies vielleicht die große Stärke des Romans: Viele Problemfelder werden aufgerufen, thematisiert und so geschickt miteinander verwoben, dass man sich nie nur auf einer Ebene eines Diskurses befindet. - Das Problem der Kindheit unter dem Ausschluss aller möglichen, "weltlichen" Einflüsse und einer damit einhergehenden Intoleranz gegenüber ihnen wird an einer Stelle mit der Frage "Wie wird jemand zum Betrüger?" verknüpft. An einer anderen steht das Problem der daraus erwachsenden "Menschenscheu" im Mittelpunkt.

Andererseits entsteht ein Eindruck von Konstruiertheit und beinahe Überfluss. Die Sinnbilder schreien geradezu nach ihrer Entschlüsselung und Analyse. Es sind viele. Und erdrücken manchmal scheinbar - zumindest sachliche, unprätentiöse Schilderungen.

Die Vieldimensionalität ist es aber, die unterschiedliche, überdenkenswerte Argumente innerhalb der sich aufdrängenden, bekannten Fundamentalismus-Debatte, in die auch der Klappentext den Roman eingeordnet wissen will, liefert, indem die Autorin (endlich) von einer anderen Seite her einen neuen Lichtpunkt setzt: Es sind christliche Fundamentalisten in Gestalt des Evangelischen Brüdervereins, deren Methoden, wie Büßertum, Entsagen, Verzicht, Schlichtheit und Enthaltsamkeit, eine konträre und unverständliche Lebenswelt einfordern und so Leben behindern oder gar zerstören.

Durch die kritische Haltung von Susanna und Till gegenüber jedweder Religion entsteht eine zusätzliche Diskursebene, die für die Debatte neue Impulse zu liefern vermag und gleichzeitig Argumenten ihre Schärfe nimmt.


Titelbild

Elisabeth Altenweger: Sintemalen. Roman.
Edition Obst & Ohlerich im trafo-verlag, Berlin 2006.
279 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-10: 3896265695

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