Erwachen aus dem Traumschlaf

Ji-Hyun Ko will einen neuen Zugang zu Walter Benjamins Passagen-Werk schaffen

Von Falko SchmiederRSS-Newsfeed neuer Artikel von Falko Schmieder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Benjamins Werk wird seit den 70er-Jahren intensiv diskutiert, und heute kann man ihn wohl zu einem der am meisten zitierten Autoren rechnen. Allerdings ist der Umgang mit seinen Texten häufig durch große Beliebigkeit charakterisiert. Als symptomatisch kann es angesehen werden, dass, ungeachtet der breiten Rezeption seiner Schriften, bislang noch kein befriedigender Versuch eines systematisch angelegten Forschungsprogramms zu seinem Unternehmen einer Kritik des 19. Jahrhunderts vorgelegt worden ist. Ji-Hyun Ko führt diesen Umstand auf das "modische Desinteresse" an der Marx'schen Theorie zurück, die für das Spätwerk Benjamins von großer Bedeutung ist.

Dem bezeichneten Desiderat möchte Ji-Hyun Ko Abhilfe schaffen. Ein Hauptaugenmerk seiner Studie gilt Benjamins Marx-Lektüre sowie dem Nachweis der strukturellen Ähnlichkeit der Theorieansätze von Marx und Benjamin. Dieser Nachweis soll im Zuge einer eingehenden Analyse der Kategorien "Geschichte", "Moderne" und "Kritik" erbracht werden. Das Hauptziel der Arbeit ist es, einen neuen, philologisch verlässlichen Zugang zu Benjamins Passagen-Werk zu eröffnen und die Systematizität dieses Großunternehmens zu erweisen.

Damit hat Ji-Hyun Ko für seine Dissertationsschrift ein Thema gewählt, das nicht nur von hohem theoretischen, sondern auch von praktischem Interesse ist. Schließlich treibt der globalisierte Kapitalismus immer neue Problemlagen hervor, und die ungelösten Widersprüche der Vergangenheit verschärfen sich zunehmend. In seiner Allegorie vom "Engel der Geschichte" hat Benjamin diese Art Fortschritt als "eine einzige Katastrophe" bezeichnet, die "unablässig Trümmer auf Trümmer häuft". Ji-Hyun Ko möchte mit seiner Arbeit den Theorieschutt abtragen, der den Blick auf die gesellschaftskritischen Gehalte von Benjamins Spätwerk verstellt. Der neue Zugang soll einen marxistischen Denker präsentieren, dessen theoretische Einsichten nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Ji-Hyun Ko hat das anspruchsvolle Programm seiner Studie allerdings nicht einlösen können, denn in der Arbeit wurde nur der Geschichtsbegriff abgehandelt. Nun stellt freilich auch dieses Thema allein schon eine große Herausforderung dar, da Benjamin mit seiner Arbeit nichts weniger als eine "kopernikanische Wende" der Geschichtsbetrachtung anvisiert hatte. Nimmt man diesen Anspruch ernst, dann wäre der proklamierte Bruch mit der gesamten Tradition auch als Bruch mit Marx zu verstehen - jedenfalls hätte sich die Studie von Ji-Hyan Ko an dieser Frage abarbeiten müssen. Da Ko aber von vornherein eine Parallelität der Ansätze von Marx und Benjamin unterstellt, gelingt es ihm nicht, die entscheidenden Differenzen zwischen beiden angemessen zu würdigen. Einerseits bleiben die innovatorischen, über Marx hinausweisenden Elemente unterbelichtet, die mit Benjamins neuer Methode der Geschichtsbetrachtung verbunden sind. So lässt sich etwa das Geschichtstheorem vom 'Traum-Erwachen' nicht ohne Rekurs auf Sigmund Freud verstehen. Der aber taucht in der Studie nur ganz am Rande auf. Andererseits aber schneidet die behauptete Strukturanalogie der Geschichtsansätze von Marx und Benjamin die Frage ab, ob Benjamin wirklich alle Dimensionen des Marx'schen Geschichtsbegriffs rezipiert hat. Es ist in Bezug auf diese Frage ein erhebliches Manko, dass Ji-Hyun Ko von der neueren Marx-Diskussion keine Notiz genommen hat. Diese aber konzentriert sich gerade auf den Bruch im Marx'schen Verständnis von Geschichte, die der späte Marx nicht mehr bloß als 'Geschichte von Klassenkämpfen' begriffen hat. Die neuere Geschichte erschien ihm vielmehr als Geschichte der historischen Entfaltung des Kapitalverhältnisses, das einen abstrakten Systemzwang etabliert und die Menschen zu Anhängseln der Wirtschaftsordnung degradiert. In der Herausbildung des Kollektivsingulars 'die Geschichte' drückt sich die Erfahrung der Verselbstständigung und Vorherrschaft des Kapitalverhältnisses aus, dessen Eigenlogik im "Kapital" entfaltet wird.

Benjamin hat sich aus historisch verständlichen Gründen auf das Handeln konkreter geschichtlicher Akteure konzentriert. Der Begriff der Totalität der Geschichte war ihm zutiefst suspekt gewesen. Unter den Bedingungen der Globalisierung wird man diese Position freilich nicht mehr umstandslos anerkennen können. Viele Fragen drängen sich auf: Zerfällt die Geschichte, wie Benjamin behauptet hat, wirklich in Bilder? Ist "eine Liquidierung des epischen Elements" der Geschichtsschreibung anstrebenswert, und hat Marx eine solche vollzogen? Ist Benjamins Vorhaben, "bis ins letzte aus dem Bild der Geschichte 'Entwicklung' herauszutreiben", den Verhältnissen der Moderne angemessen? Und ist die Annahme historischer Gesetzmäßigkeit wirklich nur ein Hegelscher Spuk? Benjamins marxistischer Widerpart Adorno jedenfalls hätte diese Fragen entschieden verneint. Und Marx selbst hat wiederholt von den 'Zwangsgesetzen des Kapitals' gesprochen, denen das Handeln aller Menschen unterworfen ist. Mit einem abfälligen Seitenblick "auf die Interpretationsformel 'Geschichte ohne Subjekt' à la Althusser" hat sich für Ji-Hyun Ko dieses Thema erledigt.

Über diesen grundsätzlichen Bedenken sind die Stärken der Studie nicht zu vergessen. Der Autor arbeitet philologisch akribisch die vielfältigen theoretischen Quellen und Geschichtsbezüge Benjamins heraus. In der Konfrontation des theoretischen Ansatzes des "Trauerspielbuchs" mit demjenigen des "Passagen-Werkes" gelingt überzeugend der Nachweis einer materialistischen Wende im Denken Benjamins. Diese Wende verdankt sich ganz wesentlich einer intensiven Lektüre der Marx'schen Schriften. Alle früheren Denkmotive erfahren danach eine Art Umschmelzungsprozess. Ji-Hyun Kos verallgemeinernde These von der strukturellen Ähnlichkeit der Theorien von Benjamin und Marx wäre einzuschränken auf die These, dass dieser Übergang und Umbruch im Denken Benjamins strukturell dem Marx'schen Bruch mit den idealistischen Positionen des Junghegelianismus ähnelt. Von dieser Warte aus betrachtet ist es gewiss kein Zufall, dass die Arbeit von Ji-Hyun Ko in der Reihe der "Forschungen zum Junghegelianismus" veröffentlicht worden ist. Sieht man sich nämlich die tragenden theoretischen Grundannahmen des späten Benjamin an, so erscheinen sie tatsächlich in vielem als Radikalisierung von Positionen eines anthropologischen Materialismus, wie sie von Marx und Engels im Zuge ihrer Abrechnung mit der 'Deutschen Ideologie' in groben Strichen skizziert worden sind.

Damit hätte die Arbeit von Ji-Hyun Ko, ohne dass dies ihr Ziel gewesen wäre, tatsächlich ein neues Forschungsprogramm eröffnet, denn die neuere Marx-Forschung hat plausibel dargetan, dass Marx' "Kritik der politischen Ökonomie" nicht mehr auf anthropologischen Prämissen beruht. Die Frage nach dem Verhältnis Benjamin-Marx ist weiter offen.

Anmerkung der Redaktion: Falko Schmieder ist Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung.


Titelbild

Ji-Hyun Ko: Geschichtsbegriff und historische Forschung. Ein Forschungsprogramm zu Benjamins Kategorien Geschichte, Moderne und Kritik.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
402 Seiten, 68,50 EUR.
ISBN-10: 363153468X

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