Heimkehr in mehreren Anläufen

Geprägt vom Spannungsfeld deutsch-slowakisch-ungarischer Befindlichkeiten entfaltet sich ein mitteleuropäisches Schicksal

Von Volker StrebelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Volker Strebel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ihre Memoiren hatte die slowakische Essayistin, Redakteurin und Übersetzerin Agnes Kalina (1924–2014) leider nie schreiben wollen. Zum Glück erklärte sie sich jedoch bereit, mit der Schriftstellerin Jana Juraňová ausgiebige Gespräche zu führen, aus denen der Band Meine sieben Leben hervorging. Aufgeteilt in sieben Kapitel wird darin ein Lebenslauf geschildert, der nicht zuletzt dem Schrecken und Terror des 20. Jahrhunderts begegnet war. Wie aus einer versunkenen Welt hingegen muten Kalinas Erinnerungen an eine friedliche Kindheit im slowakischen Prešov an, eingebunden in die Harmonie einer assimilierten jüdischen Familie in bescheidenem Wohlstand.

Neben den klug gestellten Fragen von Jana Juraňová erweist sich auch die Professionalität Agnes Kalinas, in konziser wie konzentrierter Weise auf die angesprochenen Problemfelder einzugehen. Sensibel werden private Erlebnisse mit den sich ändernden gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen miteinander verzahnt. Gegen Ende der 1930er-Jahre begannen sich die Verhältnisse zu wandeln. Durch immer neue gesetzliche Regelungen wurde eine Ausgrenzung der Juden in der Slowakei betrieben. Für die junge Ági, wie sie bis an ihr Lebensende von ihren Freunden genannt wurde, war es ein Schock, als sie im Spätsommer 1940 erfuhr, dass sie als Jüdin das angestrebte Abitur nicht ablegen durfte. Etwas ihr bislang vollkommen Unbekanntes begann Fahrt aufzunehmen: Das Tragen gelber Armbinden wurde eingeführt und das Gegröhle der Hlinka-Garden untermalte die bedrückende Atmosphäre dieser unrühmlichen Phase in der slowakischen Geschichte.

Um der drohenden Deportation zu entgehen, überquerte die blutjunge Ági mit Bekannten bei Nacht und Nebel die Grenze nach Ungarn. Ihre Eltern, die später abtransportiert wurden, sah sie nie wieder. In Budapest überlebte Agnes im katholischen Kloster vom Guten Hirten. Zweieinhalb Jahre hatte ihr, auch für die Nonnen nicht ohne Risiko, dieses Versteck das Überleben gesichert. Dass die Rote Armee im Frühjahr 1945 dem Nazi-Spuk ein Ende setzte, war ihr ein Leben lang bewusst. Freilich spart sie in ihren Erinnerungen nicht aus, dass sie in jenen Tagen zusammen mit ihrer damaligen Freundin von deren Vater aufs Neue versteckt werden mussten, da die heldenhaften Bezwinger des Faschismus auf der Suche nach Frauen und Mädchen waren.

Sehr bald nach Kriegsende traf Agnes Kalina auch ihre Jugendliebe wieder, den Journalisten Ladislav Ján Kalina (1913–1981). Sie heirateten im Frühjahr 1946. Mit Begeisterung engagierten sich die beiden, von den antisemitischen Schrecken und unfassbarer Gewalt traumatisiert, beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft, von der sie sich wie viele andere in jenen Jahren Gerechtigkeit und Frieden erhofften: „Die Geschichte stürzte damals auf uns herein und wir dachten in diesem Moment wirklich nicht, daß etwas für lange Zeit Unumkehrbares geschehen sei und daß wir für das alles irgendwann einmal würden büßen müssen“.

Die stalinistischen Hexenjagden der 1950er-Jahre hatte auch Agnes Kalina mit dem Gefühl wachsender Ohnmacht wahrgenommen, zumal eine antisemitische Ausrichtung unverkennbar war. Atmosphärisch dicht schildert Kalina die damalige Lage, wie auch die Hoffnungen, die sich im Laufe der 1960er-Jahre zunehmend einstellten.

Kalina gelang es, sich im Laufe der Zeit als Redakteurin und Filmkritikerin zu profilieren. In den Redaktionen der Verlage und Zeitungen ging es in jenen Jahren darum, schrittweise neue Freiheiten auszuloten. Ein mühsamer Prozess, voller Herausforderungen und Rückschläge zugleich. Kennzeichnend für diese damalige Lebenssituation zitiert Kalina die ihr angediehene Mahnung eines hohen Funktionärs der ideologischen Abteilung: „Genossin Kalinová, vergessen Sie nicht – Sie sollten in einer Atmosphäre der Angst leben“.

Auf die Euphorie des Reformjahres 1968, das weltweit mit dem Namen des Reformkommunisten Alexander Dubček verbunden war, folgte die kalte Ernüchterung durch den bewaffneten Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen am 21. August 1968. Aus erster Hand berichtet Agnes Kalina über die einsetzende Unterdrückung jeglicher unabhängiger kultureller wie politischer Regung im Lande. Auch sie und ihr Mann wurden aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, verloren ihre beruflichen Stellungen und mussten sich mühselig über Wasser halten. Wie bei anderen befreundeten Dissidenten begann ein Leben wie unter einer Glasglocke: „Seltsame Begebenheiten und Vorkommnisse“ nennt Kalina die geheimnisvollen Einbrüche in die Wohnung, das Abschleppen des geparkten Autos und unzählige weitere Schikanen.

Wie bereits zu Zeiten drohender Deportation während des Nationalsozialismus oder den Verhaftungen der Stalin-Jahre gelang es Agnes Kalina auch jetzt wieder, dem Leben fröhliche Seiten abzugewinnen. Man traf sich mit vertrauenswürdigen Freunden und deren Familien und widmete sich den Kindern. Kalina litt darunter, dass ihrer Tochter Julia trotz hervorragender Zensuren vom Regime der sogenannten „Normalisierung“ hartnäckig ein Studienplatz verweigert wurde. Ganz in der Tradition totalitärer Regime wurden auch in der ČSSR Kinder für ihre unbotmäßigen Eltern bestraft. „Dableiben oder gehen?“ – diese Frage bewegte gerade die Nichtangepassten in den sozialistischen Ländern und sorgte, durchaus vom Regime beabsichtigt, für Zwistigkeiten. Für Agnes Kalina hatten beide Entscheidungen ihre Berechtigung. Als sie und ihr Mann 1972 verhaftet wurden, änderte sich die Situation, zumal Ladislav Kalina zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde.

1978 hatte sich die Familie Kalina für das Exil entschieden. Da Agnes Kalina nie zum Typus des bornierten Ideologen gehörte, tat sie sich auch in der Fremde leichter. Ihre Fähigkeiten und ihr Wissen konnte sie als Redakteurin im „Radio Freies Europa“ einbringen, der seinen Sitz in München hatte.

Die Jahrzehnte im Münchner Exil boten ungeahnte Freiheiten. Kalina konnte endlich unbeschränkt reisen und genoss offene Diskussionen, wobei sie bei befreundeten West-Linken deren reflexhafter Antiamerikanismus zuweilen irritierte. Ab Mitte der 1980er-Jahre erwachten mit Michail Gorbatschows Programm von „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umbau) neue Erwartungen. „Etwas lag in der Luft“, erinnert sich Kalina und bietet neben der feinsinnig wahrgenommen Psychologie jener Umbruchszeit zugleich eine übersichtliche Zusammenstellung der verschiedensten Ereignisse und Faktoren, die letztlich zum Sturz des Regimes geführt hatten.

Unmittelbar nach der „Samtenen Revolution“ im Herbst 1989 konnte Agnes Kalina endlich wieder in ihre Heimat reisen, um Familienangehörige und Freunde zu besuchen. Eine endgültige Rückkehr in die Slowakei kam für sie jedoch nicht mehr in Frage. Aufmerksam verfolgte Kalina jedoch weiterhin die dortige politische und kulturelle Szene. Mit Misstrauen blickte sie auf jene völkischen Schreihälse, die sich immer dann zu Wort melden, wenn es nichts kostet.

Bis in das hohe Alter chauffierte Kalina ihr Auto eigenhändig nach Bratislava. Dass die Heimkehr nach Europa schließlich glückte, erwies sich für sie auch in den erfolgreichen Lebensläufen ihrer Tochter und Enkelin, auf die sie beide stolz war. Sieben Leben waren notwendig, um endlich am Ziel anzukommen.

Titelbild

Agnes Kalina: Meine sieben Leben. Agnes Kalina im Gespräch mit Jana Juráňova.
Übersetzt aus dem Slowakischen von Simon Gruber und Andrea Reynolds.
Gabriele Schäfer Verlag, Herne 2016.
434 Seiten, 26,90 EUR.
ISBN-13: 9783944487465

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