Lumpenbürgertum

Eine Neuausgabe von Marta Karlweis’ Roman „Schwindel“

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seinem bekannten Essay Das Unbehagen in der Kultur (1930) erwies sich der Vater der Psychoanalyse einmal mehr als Schopenhauerianer, indem er erklärte: „Die Absicht, dass der Mensch ‚glücklich‘ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten“. Marta Karlweis’ ein Jahr später erschienener Roman Schwindel, in dem selbst die Gedanken nicht gedacht, sondern erlitten werden und nicht einmal im Sterben Hoffnung liegt, scheint wie geschaffen, Freuds These zu illustrieren.

Was aber den titelstiftenden Schwindel des anzuzeigenden Werks betrifft, so meint er die vielfältigen Formen, in denen Menschen einander und sich selbst beschwindeln, täuschen und übervorteilen. Hingegen zielt er nicht auf die doppelte Bedeutung des Wortes, das auch darauf referieren kann, dass jemandem ganz schwindelig werden kann – zum Beispiel angesichts all der Schwindeleien im Roman. Auch handelt das Buch nicht von schweren Straftaten wie „Mord und Raub“, ja nicht einmal „rechtschaffener Betrug“ kommt vor. Dafür aber eben umso mehr Lug und Trug. Vergehen, denen sich so ziemliche alle Figuren des Romans auf die eine oder andere, mal mehr, mal weniger schwerwiegende Weise schuldig machen. Darum liegt auch einer der Herren des Geschehens ganz falsch, wenn er meint, „die Frauen, die haben es gut. Die verlangen den ganzen Schwindel einfach von uns Männern.“

Überhaupt scheint es fast so, als sei der Schwindel für all die zahlreichen Übel verantwortlich, von denen die Figuren heimgesucht werden inklusive etlicher Todesfälle, unter ihnen gar einige Suizide. Gegen Ende aber zeigt sich, dass es auch eine gnädige Variante des Schwindels zu geben scheint. Ob er damit aber rehabilitiert ist, ist mehr als zweifelhaft. Immanuel Kant zumindest hätte diese Annahme zweifellos strikt zurückgewiesen, wie man in seiner Schrift Über ein vermeintliches Recht aus Menschenliebe zu lügen nachlesen kann.

Im Zentrum des nicht immer linear erzählten Geschehens jedenfalls steht eine verarmende und schließlich nicht nur materiell, sondern auch moralisch heruntergekommene bürgerliche Großfamilie, die drei Generationen umfasst. Bekanntlich prägte Karl Marx das pejorative Wort vom Lumpenproletariat. Sollte es auch ein Lumpenbürgertum geben, so ist es hier in Karlweis’ Roman zu finden.

Seine Handlungsorte sind Wien und vorübergehend Berlin. Die Handlungszeit wiederum reicht von der Vorkriegszeit um 1900 bis in die 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, wobei Figuren und Lesende vom Kriegsgeschehen weitgehend verschont bleiben, auch wenn es an einer Stelle heißt, der Krieg sei da und breche in Gestalt von „Ratlosen, Verzweifelten, Gepreßten, Gehetzten“ aus allen Häusern hervor.

Die Erzählhaltung ist auktorial, wobei die Erzählinstanz schon mal als körperloses, außerhalb des Figurenkabinetts stehendes Ich auftritt, mit der Wendung „wie gesagt“ auf in vorangegangenen Abschnitten bereits Erwähntes Bezug nimmt oder einer Figur mit der Bemerkung „Recht hast du“ zustimmt. Erzählstimme und die Stimmen der Erzählten fließen dabei immer wieder ebenso ineinander wie die Vor- und Rückblenden. Entsprechend oft wechselt die Zeitform, in der erzählt wird.

Untergemischt sind dem immer wieder kurze Sentenzen von aphoristischer Qualität, die etwa besagen „vom Strom des Lebens abgemauert, erstickt das Herz und gibt das Schlagen auf“. Oder sie weisen darauf hin, dass das Gedächtnis eines Moralisten „so eingerichtet ist, dass er das Böse bewahrt und das Gute verliert“, und bemerken an anderer Stelle, dass „menschliche Größe Grenzen hat, Kleinheit nicht“. Das alles klingt recht desillusioniert, wenn nicht bitter. Nur selten einmal tritt einer dieser eingestreuten Aphorismen scheinbar auf. So etwa, wenn ein bekannter und oft wiederholter Ausspruch des Thukydides dahingehend abgewandelt wird, dass er nun besagt, „das Bild der Dinge“ liege „in unseren Augen“. Nur scheinbar harmlos ist er, weil er impliziert, dass es im Wien des Romans zwar Dinge gibt, jedoch keine Schönheit. Und in Berlin ist es auch nicht anders.

Nicht nur auf den griechischen Historiker wird angespielt, die intertextuellen Spielereien des Romans sind geradezu überbordend. Sie beziehen den biblischen Paulus, Johann Wolfgang von Goethe oder Franz Grillparzer ebenso ein wie Karlweis’ zeitgenössische Schriftstellerkollegin Mela Hartwig. Eine besonders prominente Stellung aber wird Friedrich Nietzsche zuteil. Denn bei einer der Figuren handelt es sich geradezu um einen Artverwanden. Die Gemeinsamkeiten zwischen dem Propagandisten der Herrenmoral und dieser Figur reichen hin bis zum beiderseits spät und jäh empfundenen Mitleid. Auch gleicht beider jämmerliches Ende.

Überhaupt hat die Autorin nicht sonderlich viel Nachsicht mit ihren Figuren, deren in der Regel mehr als unansehnliches Äußeres nicht selten geradezu boshaft beschrieben wird. Auch wird man nach sympathischeren Gestalten länger, aber schließlich doch nicht ganz vergeblich suchen müssen.

All das – Figuren und Handlung, Wien und Berlin – wird grausam komisch beschrieben und erzählt. So ist es in seinem Witz todtraurig. Zusammen mit dem ganz eigentümlichen Stil von Karlweis evoziert dies nicht selten das Gefühl, als halle in dem Roman Elfriede Jelineks Schreibweise vor. Ein Gefühl, das wohl zuerst die österreichische Literaturwissenschaftlerin Brigitte Spreitzer beschlichen hat, die beide Autorinnen in mancher Hinsicht als quasi kongenial nebeneinander stellt.

Den Nobelpreis hätte vielleicht nicht erst Jelinek, sondern schon Karlweis verdient gehabt. Und womöglich hätte sie ihn auch erhalten, wenn die Terrorherschaft der Nazis nicht den Werdegang der ins Exil gezwungenen Autorin abrupt und für immer beendet hätte.

Jedenfalls wurde die 1931 erschienene Originalausgabe des vorliegenden Romans seinerzeit von der Kritik sehr wohlwollend aufgenommen. Eine gewisse M.P. etwa hob ihn über Clara Viebigs Werke und Emil Alphons Rheinhardt stellte Karlweis gar an die Seite der großartigen Virginia Woolf.

Nachzulesen sind die Rezensionen in dem beigegebenen Anhang der Neuausgabe, der auch ein kenntnisreiches Nachwort von Johann Sonnleitner enthält. Gründe genug also, sich der Lektüre des Buches hinzugeben.

Titelbild

Marta Karlweis: Schwindel. Geschichte einer Realität.
Mit einem Nachwort von Johann Sonnleitner.
DVB Verlag, Wien 2017.
237 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783950415841

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