Kleines Land, große Klischees

Gaël Faye zeichnet in seinem Bestsellerroman „Kleines Land“ ein zweifelhaftes Bild von Burundi und dem afrikanischen Kontinent

Von Charlotte NeuhaussRSS-Newsfeed neuer Artikel von Charlotte Neuhauss

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn gegenwärtig ein Kontinent mit Sehnsucht verbunden ist, dann vermutlich Europa, ist es doch nach wie vor Ziel tausender Menschen, die sich auf dem Weg dorthin in Lebensgefahr begeben. Selten ist jedoch derzeit von einem sehnsüchtigen europäischen Blick nach Afrika die Rede. Genau diesen fängt der in Ruanda lebende Schriftsteller Gaël Faye in seinem Roman Petit Pays ein, der diesen Oktober unter dem Titel Kleines Land in deutscher Übersetzung erscheint. Und offensichtlich trifft er damit einen Nerv, denn das Buch gewann letztes Jahr in Frankreich nicht nur den Prix Goncourt des Lycéens, sondern beherrschte auch wochenlang die Bestsellerliste.

Faye erzählt aus der Perspektive Gabriels, dessen Lebensgeschichte stark an seine eigene angelehnt scheint: Als Kind einer ruandischen Mutter und eines französischen Vaters wächst Gabriel zunächst unbeschwert in Burundi auf, bis sich seine Eltern trennen und der Konflikt zwischen den sozialen Kasten der Hutu und Tutsi in einen Genozid mündet. Zahlreiche Massaker an Tutsi-Zivilisten folgen, woraufhin der Vater mit ihm und seiner Schwester nach Frankreich zurückkehrt. Doch die Ereignisse von damals lassen Gabriel nicht los, und als Erwachsener – damit setzt der Roman ein – verspürt er den starken Drang, in sein Heimatland zurückzukehren: „Ich muss zurück. Und wenn auch nur, um klar zu sehen. Um ein für alle Mal abzuschließen mit dieser Geschichte, die mich verfolgt.“

Es sind dabei ganz unterschiedliche Geschichten, die Faye miteinander verwebt. Natürlich ist es die Geschichte eines Völkermords, aber nicht vorrangig. Zunächst ist es die Geschichte eines Jungen, der gewaltsam seiner Kindheit beraubt wird und mit wachsendem Entsetzen beobachten muss, wie sich das Land scheinbar willkürlich in zwei Lager spaltet und seine Freunde, mit denen er noch Wochen zuvor Mangos aus den Gärten der Nachbarn gestohlen hat, plötzlich Granaten sammeln. Im mehrfachen Sinne ist es auch ein Buch über Flucht, mit all ihren Folgen – Trauma, Entwurzelung, Sehnsucht nach der Heimat. Gabriels Kindheit ist untrennbar mit den Geschichten seiner Mutter und Großmutter verbunden, die vor den Hutu aus Ruanda fliehen mussten. Damals will er von diesen „sepiagetönten Erinnerungen“, diesem idealisierten Ruanda mit seinen „Königen, Kühen und Bergen“ nichts wissen – nur um Jahre später, als er bereits in Frankreich lebt, in ganz ähnlicher Weise auf Burundi zurückzublicken.

Die Bilder, die er dabei heraufbeschwört, erinnern nicht selten an die der Négritude-Bewegung, die ab den späten 1930er Jahren mit dem Ziel afrikanischer Selbstbehauptung negative Stereotype unterwanderte und positiv umdeutete. In der Folge wurde ein ursprüngliches Afrika voller Ästhetik, Rhythmus und Sinnlichkeit evoziert. Mitbegründer war Léopold Sédar Senghor, der mit seinem Gedicht Femme Noir eine Ode an die weibliche Schönheit in ihrer schwarzen Inkarnation verfasste. Gabriel steht Senghor in nichts nach, wenn er sich an die burundischen Frauen als „ranke Schönheiten wie Süßgrasrispen, hochgewachsen wie Wolkenkratzer, mit einer Haut wie Ebenholz und großen Augen wie ein Ankole-Rind“ erinnert. Nur dass im Falle Gabriels, dessen Geschichte schließlich viele Jahrzehnte später spielt, diese Bilder völlig aus der Zeit gefallen wirken.

Auf der anderen Seite wird ein Burundi – mehr noch, ein Afrika – gezeichnet, das mehr oder weniger dazu prädestiniert ist, zu scheitern. Es ist vom „armen Afrika“ und dem „Kontinent der Tragödie“ der Rede. Das Menschenbild ist nicht weniger fatalistisch: „Hinter scheinbarer Ruhe, einer lächelnden Fassade und großen, optimistischen Reden waren beständig dunkle, unterirdische Kräfte am Werk, um Gewalt und Zerstörung freizusetzen.“ Mehr als einmal glaubt man zwischen den Zeilen Joseph Conrads Entwurf von Afrika als „dark continent“ hindurchschimmern zu sehen.

Der nigerianisch-kanadische Dichter Amatoritsero Ede formulierte 2015 in einem Aufsatz den Vorwurf, zeitgenössische afrikanische Autoren würden in ihrem Bemühen, westliche Leseweisen von Afrika zufriedenzustellen, eine Narration des „self-anthropologizing“ und „strategic excoticism“ betreiben. Es fällt schwer, diese Kritik als (europäischer) Außenstehender einzuschätzen. Dennoch lohnt sich die Überlegung, ob Kleines Land vielleicht auch deshalb in Frankreich so erfolgreich war, weil es europäischen Lesern genau das Bild von Afrika vorsetzt, das sie schon allzu lange kennen.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Gaël Faye: Kleines Land.
Aus dem Französischen übersetzt von Andrea Alvermann und Brigitte Große.
Piper Verlag, München 2017.
224 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783492058384

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