Brutale Lieblosigkeiten

Über Silke Knäppers abgründig-starken Familienroman „Hofkind“

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es sind vielfältige Seelenschmerzen, die Silke Knäppers Figuren in ihrem starken Debütroman (2012) Im November blüht kein Raps lebenslang zu schaffen machen. Überwiegend bestimmen Dreier-Beziehungen die Szenerie. Beide, Seelenschmerzen wie Dreieckskonstellationen, bestimmen auch die Szenerie in Knäppers neuem Roman Hofkind, eine traurig-schmerzliche Familienerzählung über Lieblosigkeiten und verstörende Abhängigkeiten.

Da sind zunächst Wiebke und Hajo von Rechen und die Mutter der Ich-Erzählerin, zeitweilig noch der Vater derselben. Eine Dreierkonstellation bildet diese auch mit ihrem Vater, nach dessen Tod mit dem Stiefvater und mit der Mutter. Des Weiteren besteht ein Dreiecksverhältnis zwischen der Protagonistin, ihrem Kind und dem Vater des Kindes, wie es eine Dreierbeziehung zwischen ihr, dem Freund Frieder und dem Kind gibt, aber auch zwischen der Hauptfigur, der Mutter und deren zeitweiliger Freundin Dagmar sowie zwischen der Erzählerin, ihrer Freundin Jule in Meersburg und dem abwesenden Stiefvater.

Im Zentrum steht die Ich-Erzählerin Carla, eine schwangere junge Frau in Freiburg. Wer der Vater des Kindes ist, bleibt lange offen. Zu Beginn des Romans denkt Carla darüber nach, ob sie das Kind überhaupt zur Welt bringen soll. Und doch: „Es mit dem Leben aufnehmen, dachte ich, während ich dort stand.“

Rückblickend erinnert sie sich an ihre Kindheit mit einer unreifen, nie von Männern unabhängigen Mutter Marlies, an ihren geliebten Vater, der sich das Leben nahm, als ihn seine Frau zugunsten des Nachbarn und Familienfreundes Hajo von Rechen verlassen hatte: „Erst im Nachhinein dachte ich, dass er mit jedem Jahr ernster geworden war und die Eltern immer weniger sprachen. Und immer häufiger ging meine Mutter zu Hajo hinüber. Irgendwann blieb sie ganz.“

Eine unglückselige Konstellation verbindet Carla, ihre Mutter Marlies und Carlas Großeltern väterlicherseits in Herrenberg. Erst nach dem Tod des Vaters lernt sie diese kennen. Insbesondere deren brutalen Lieblosigkeiten und das Nicht-Eingreifen der Mutter setzen dem Kind zu: „Mein Gott, die hat ja rote Haare, rief sie [die Großmutter] aus, was für ein hässliches Mädchen. Und gar nichts von unserem Claus.“ Und an anderer Stelle heißt es im Angesicht des Kindes: „Die gehört nicht zu uns, sieh sie dir an. So gar nichts von unserem Claus.“

Der ebenso großkotzige wie großbürgerlich auftretende Adlige Hajo wird rasch nach dem Tod des Vaters Carlas Stiefvater. Er ist faszinierend und abstoßend zugleich. Carla erinnert sich an die labilen Familienkonstellationen: „Eine trinkende Großmutter, ja, sie hatte ihr Fett noch abbekommen, die Erna, ein autoritärer Großvater, der zum Tode hin weinerlich wurde, eine Mutter, die sich nie selbst genug war, und ein trauriger Vater, der mich verließ, um mich dem zu überlassen, dem ich misstraute.“

Die in Neu-Ulm lebende Gymnasiallehrerin Knäpper hat mit Hofkind erneut einen gleichermaßen berührenden wie psychologisch klug komponierten Roman vorgelegt, einen Text, deren Hauptfigur und wie sie „es mit dem Leben aufnimmt“ man gebannt folgt. Am Ende eines unbedingt lesenswerten Romans steht ein überzeugendes Hoffnungsbild.

Titelbild

Silke Knäpper: Hofkind. Roman.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2016.
182 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783863514259

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