Einfacher geht es nicht

Nicht nur für Studierende des Fachs ist nun eine lohnenswerte Einführung in die Human-Animal Studies erschienen

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Endlich – die Frage, wovon diese ganzen militanten Veganer eigentlich reden, was überhaupt das Problem dieser penetranten Ökofeministen ist und warum man sich denn ständig mit Tieren auseinandersetzen müsse, anstatt die „echten Probleme der Menschen“ anzugehen, hat jetzt vielleicht ein Ende, wenn man jedem, der sich diese nicht leiser werdenden Fragen stellt, einfach das neu erschienene Buch Human-Animal Studies. Eine Einführung für Studierende und Lehrende von Gabriela Kompatscher, Reingard Spannring und Karin Schachinger in die Hand drückt. Es ist gar nicht teuer und lohnt sich wahrscheinlich langfristig, wenn man seine Ruhe vor Argumenten ad ignorantiam und ad populum haben möchte. Denn eines fällt schon am Inhaltsverzeichnis auf: Die Autorinnen des Buchs haben es verstanden, Fachfremden, Studienanfängern und auch Lehrenden schnellstmöglich einen fundierten Überblick über ein interdisziplinäres, sich gerade erst in Deutschland etablierendes Forschungsfeld zu verschaffen, das auf wissenschaftlicher Ebene gegen die verfestigen Strukturen des soziokulturell täglich neu konstituierten Karnismus agiert, der sich seiner ökologischen Konsequenzen ebenso wenig bewusst ist wie seiner gesellschaftlichen.

Das Grauen aller Anthropozentriker hat einen Namen: Human-Animal Studies. In kurzen und prägnanten Beiträgen zu Grundlagen, Ursprüngen und Entstehung der Human-Animal Studies, zur gesellschaftlichen Konstruktion von Tieren durch die anthropologische Differenz und durch linguistische Diskriminierungsprozesse, bis hin zu kulturellen Praktiken, philosophisch-ethischen Fragen und theoretischen Konzepten werden den Lesenden die wesentlichen Aspekte der jeweiligen Debatte in klarer Sprache zugänglich gemacht. Wie für die Einführungsbände der UTB-Reihe üblich, gibt es daneben Infoboxen mit Schaubildern und Begriffserklärungen, interdisziplinäre Ausflüge in Biologie, Geschichte und Kulturwissenschaften und nicht zuletzt Arbeitsaufgaben mit Lösungsvorschlägen. Was absurd wirken mag angesichts der oft fälschlicherweise behaupteten Unbedarftheit des Forschungsfeldes, ist tatsächlich effektiv: Fragen, deren einfache und schnelle Beantwortung man zuvor als selbstverständlich erachtet hätte, erweisen sich als schwierige, mit normativen Vorstellungen verzahnte Problemstellungen.

Die Arbeitsaufgabe „Sehen Sie dieses Kaninchen an. Welche Assoziationen haben Sie dazu?“ – mit einem wirklich niedlichen Kaninchenbild daneben – mag die ein oder anderen Lesenden so auch zum Schmunzeln bringen, birgt jedoch durchaus kritisches Potential, das uns auch über die Gründe dieses potentiellen Schmunzelns etwas sagt: Die instrumentalisierende Kategorisierung des Tieres verdeutlicht sich an diesem als Haustier, Kuscheltier, Labortier, Rohstofflieferant für Pelz und Fleisch und als Fruchtbarkeitssymbol verwendeten Lebewesen sehr deutlich.

So führt der Band die Lesenden durch die Ursachen der anthropozentrischen Kategorisierung von Tieren im eigenen Zuhause, im Dienst der Ökonomie als Nutztiere, in der Unterhaltung, in älteren und zeitgenössischen Debatten und zeigt darüber hinaus die Beziehungen zum Marxismus, zur Frankfurter Schule, dem Feminismus und der Postmoderne sowie dem Posthumanismus auf. Sogar die Geschichtswissenschaften möchten die Human-Animal Studies für die bislang historisch unsichtbare Gruppe der Tiere öffnen. Keine Sorge: Auch zu der möglicherweise immer noch im Raum stehenden Frage, was das alles soll, gibt es ein eigenes Kapitel. Und zum Thema der Objektivität, dem Tier-Standpunkt – und der Möglichkeit seiner Einnahme – und zu der historischen Entwicklung der Mensch-Tier-Beziehungen werden Exkurse getätigt, die fließend ineinander übergehen. Die Verfasserinnen verweisen stets auf ihre Quellen und geben Hinweise auf weiterführende Literatur zum jeweiligen Thema; sie diskutieren mitunter auch über die einzelnen Ansätze, deren Aktualität und Anwendbarkeit in der Forschung. Die Interspecies-Verhältnisse werden auch bis in Literatur, Kunst und Film hinein verfolgt – wie sich zeigt, gibt es auch hier schon eigene Forschungsfelder wie etwa die Literary Animal Studies, die sich um eine tiergerechte Erforschung der realweltlichen Verbindungen zu den tierethischen Positionen, die sich in der Literatur herauskristallisieren, bemühen.

Nicht zuletzt sind zahlreiche Ausführungen gespickt mit konkreten Beispielen, unter anderem aus der Verhaltensforschung. Tiere unterschiedlichster Arten, so zeigen die Beispiele, sind zu ethischen, pragmatischen und zielgerichteten Handlungen und Überlegungen fähig, können Fürsorge und Widerstand leisten und hilfesuchend interagieren – womit wir bei der „Animal Agency“ wären, die als Theorie vom tierlichen Handeln das seit René Descartes bestehende Dogma, Tiere seien im Grunde nur Automaten, bekämpft. Hier ist auch einer der vielen kritischen Selbstbezüge der Publikation stark: Die Human-Animal Studies, so kritisieren die Autorinnen, stellen selten konkrete Beispiele vor, sondern verstecken sich hinter Theorien und Kategorien. Eine Anregung für die zukünftige Entwicklung subjekttheoretischer Handlungsmodelle mit Bezug auf die tierliche Handlung ist deshalb schon im Verfahren des Einführungsbandes gegeben: Die vielen Beispiele an tatsächlichen Vorfällen bei unterschiedlichen Tierarten beleben und fundieren die vorgestellten theoretischen Konzepte des Bandes. Dass ein Gorillaweibchen ihre Katze – ja, ein Tier mit einem Haustier – All Ball nennt oder Kühe regelmäßig aus Schlachthäusern fliehen und Polizeiautos demolieren (um danach von der Polizei erschossen zu werden), sind nur ein paar Beispiele für die interessanten und unfreiwillig komischen Geschichten aus dem Tierreich.

Ein herausragender Aspekt, der auch Lesende der Kultur- und Politikwissenschaften interessieren sollte, ist die Intersektionalität von Mechanismen, die Diskriminierung und Ausgrenzung begünstigen. Es ist nämlich anzunehmen, dass in der Usurpation, die Rassismus und Klassismus zugrunde liegt, der gleiche Wunsch nach der Zementierung patriarchaler Herrschaftsverhältnisse liegt wie im Speziesismus; strukturell folgen die Dualismen (Mann – Frau, Weiß – Schwarz, Kultur – Natur, Mensch – Tier), die in diesen repressiven Arrangements aufrechterhalten werden, den gleichen Ideologien. Aus dieser Sicht wäre auch das Wort „Feminazi“ ein peinliches Oxymoron, dessen Verwendung von der Unkenntnis dieser Strukturen zeugt. Es kommt nicht von ungefähr, dass Fleischkonsum mit Männlichkeit, biologischer und pekuniärer Stärke assoziiert wird und fast jede Stammtischdiskussion mit der Angst vor der rückschrittigen Verweiblichung der Gesellschaft endet. Auch Frauen ziehen dabei mit.

Der Einführungsband tritt auch den dort aufgeführten Gegenargumenten mit sachlicher Distanz entgegen. Es gibt je eine Hinführung zum Thema und ein Fazit mit Literaturtipps. Am Ende jedes Kapitels wird Raum gelassen für Kritik und Zweifel. Vor allem der Teil zur philosophischen Tierethik ist sehr gelungen. Auch, wenn man mit dieser Aussage gefährlich lebt: Hier fragt man sich nach der Lektüre, warum Immanuel Kants Anthropologie immer noch berühmter ist als die ethischen Überlegungen des Philosophen Tom Regan. Das regt zum Nachdenken an und auch hier gibt es nachvollziehbare Antworten im Kapitel über die gesellschaftliche Konstruktion von Tier und Mensch, an der auch ethische Fragen hängen. In jedem Fall bietet der Band ausreichend Querverweise und Hinweise auf theoretische Verschränkungen solcher Ansätze, die normalerweise nicht in ihrer gemeinsamen Verbindung betrachtet werden. Sogar die Fachkundigen dürften überrascht sein von der Fülle an Zeitschriften und Publikationen allein im deutschsprachigen Raum, die zur Etablierung der Human-Animal Studies beitragen. Wer wissenschaftlich in diesem Bereich tätig ist, wird in dem Band von Gabriela Kompatscher, Reingard Spannring und Karin Schachinger einige nützliche bibliografische Angaben auf dem aktuellen Forschungsstand finden.

Doch auch, wenn man sich einfach nur kompetent an der öffentlichen Debatte, die derzeit um Tierrechte und ethische Lebensweisen geführt wird, beteiligen möchte, ist dieses Buch eine hilfreiche Stütze, da man schon bei der ersten Lektüre unkompliziert in die essentiellen, konzeptuell elaborierten und schlagkräftigen Begrifflichkeiten eingeführt wird, die in der Wissenschaft gebraucht werden, und auch etwas über die linguistische Kritik am alltäglichen Sprachgebrauch und der damit einhergehenden Diskriminierung und Marginalisierung „anymalischer“ Interessen erfährt. Es bleibt also zu hoffen, dass das Buch künftig nicht nur hinter den Mauern der Universitäten wahrgenommen wird. Deshalb ein einziger Kritikpunkt: Mit dem exklusiven Verweis im Untertitel des Werks, dass es sich um eine Einführung für Studierende und Lehrende handelt, verbauen sich die Vertreter des Forschungsfelds ihren Weg in die gesellschaftspolitische Debatte selbst – denn die öffentliche Relevanz des Themas, ja, auch für menschliche Interessen, sollte bei der Lektüre evident werden. Es ist eigentlich ganz einfach.

Titelbild

Gabriela Kompatscher / Reingard Spannring / Karin Schachinger: Human-Animal Studies. Eine Einführung für Studierende und Lehrende.
Waxmann Verlag, Münster 2017.
264 Seiten, 24,99 EUR.
ISBN-13: 9783825247591

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