Textgeschichte sichtbar gemacht

Zu drei neuen Editionen der aventiurehaften Dietrichepik

Von Ralf G. PäslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ralf G. Päsler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Neuedition der Dietrichepik aus der Bremer Schule schreitet gut voran; der letzte Versuch einer Gesamtedition erfolgte in den Jahren 1866 bis 1873 unter dem Titel ‚Deutsches Heldenbuch‘ (außen vor blieb der ‚Rosengarten‘ mit einer eigenen Edition; neu herausgegeben ebenfalls von der Bremer Schule 20151). Liegen die Editionen der historischen Dietrichepik bereits vor, so erscheinen die in größerer Zahl vorhandenen Werke der aventiurehaften Dietrichepik nunmehr in zügiger Folge. Zu dieser werden sieben Texte gezählt, von denen die Entstehung der meisten noch ins 13. Jahrhundert datiert werden kann. Doch setzt die früheste Überlieferung erst im 14. Jahrhundert ein; sie beginnt handschriftlich und wird im 16. Jahrhundert in Drucken fortgeführt. Die Art ihrer Überlieferung ist jedoch alles andere als einheitlich. Schon früh scheinen sich die Texte zu dem, was bereits die Zeitgenossen als Heldenbuch betitelten, zusammengefunden zu haben (dieses Heldenbuch ist von dem o.g. ‚Deutschen Heldenbuch‘ zu unterscheiden; letzteres ist eine Konstruktion des 19. Jahrhunderts und umfasst die Dietrichepik vollständig). Daneben können die Texte auch einzeln oder in anderen Überlieferungsverbünden auftauchen. Nicht genug damit: Nahezu alle Werke sind zudem in verschiedenen Versionen überliefert. Zu den Besonderheiten zählt auch, dass einige als Fastnachtspiele dramatisiert oder gar in andere Sprachen übersetzt wurden. Über drei Jahrhunderte müssen sie also eine gewisse Attraktivität ausgestrahlt haben; und dies obwohl (oder weil?) ihre literarische Qualität durchaus Wünsche offen lässt. Somit stellt die aventiurehafte Dietrichepik die Editionsphilologie vor nicht geringe Probleme.

Ihre formale Gestaltung ist ebenfalls uneinheitlich. Zwar überwiegt die Strophenform, zumeist Heunenweise oder Bernerton, aber auch Reimpaarversionen liegen vor. Inhaltlich finden sich wiederkehrende Strukturelemente wie Auszug, die Jungfrau, Aufforderung zum Kampf, Dietrichs Zögern, sein Zorn, der Sieg. Die Szenerien weisen Reales wie Fantastisches auf. Das Personal gruppiert sich mit einem festen Stamm um Dietrich von Bern und Hildebrand, wechselt aber dort, wo die neue Geschichte einsetzt; auch hier mit gemeinsamen strukturellen Elementen. Eine Nähe zur heute sogenannten seriellen Unterhaltungsliteratur ist nicht zu verkennen.

In allen hier zu besprechenden Editionen haben sich die Herausgeber dafür entschieden, je einen Text mit dessen Variationen zu edieren, wodurch die Überlieferungskonfiguration der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Heldenbücher aufgelöst wird. Da es sich jedoch um kritische, auf den jeweiligen Text bezogene Editionen handelt, ist dieses Vorgehen nachvollziehbar, zumal andere Editionen diesen Zusammenhang wieder herstellen.

‚Der Wunderer‘ ist ein schmaler Text mit einer Episode aus der Jugendzeit Dietrichs von Bern. Nachweisen lässt er sich erstmals mit dem 1472 entstandenen Dresdner Heldenbuch des Kaspar von der Rhön. Die Forschung hat sich mit dem handlungsorientierten Stück schwer getan. Gern hätte sie seine Entstehung in das 13. Jahrhundert datiert, was zwar möglich, aber kaum zu beweisen ist. Das heldenepische Pathos ist ganz zugunsten höfischer Konventionen aufgegeben (sofern es je vorhanden war). Florian Kragl fasst die Ergebnisse gut zusammen und attestiert dem ‚Wunderer‘ anlässlich der vorhandenen Zeugnisse ein eher kurzes literarisches Leben.

Neben dem Dresdner Heldenbuch ist die strophische Version noch in zwei Drucken aus dem beginnenden 16. Jahrhundert (Straßburg 1503 und Erfurt 1518) überliefert. Da die Drucke einen identischen Text aufweisen, werden sie in Form der älteren Straßburger Version der handschriftlichen gegenübergestellt. Allein zwei Strophen differieren, die jeweils nur in einer Fassung auftauchen. Die Unterschiede sind gering; die Druckfassung scheint metrisch leicht geglättet. Von der Reimpaarfassung haben sich lediglich zwei Fragmente (je eins handschriftlich, eines gedruckt) erhalten. Da diese sich an keiner Stelle überschneiden, muss unsicher bleiben, ob sie zu einer einzigen oder zu zwei unterschiedlichen Fassungen gehören. Inhaltlich sind die beiden Fragmente nahe an der strophischen Version, ohne jedoch eine sichere Abhängigkeit konstatieren zu können.

Gleiches gilt für die vermutlich jüngste Version, dem Fastnachtspiel von dem Perner vnd Wunderer. Dieser Text in Reimpaarversen ist in einer Sammlung mit 73 weiteren Fastnachspielen vom Ende des 15. Jahrhunderts überliefert.

Die Wiedergabe der Versionen erfolgt in der hier vorliegenden Edition nahe an der Vorlage, fast schon diplomatisch. Drei Apparate sind ergänzend beigegeben: der erste macht Angaben zu den Textzeugen selbst, beispielsweise ob mechanischer Textverlust vorliegt, stellt Besonderheiten der Seiteneinrichtung dar und gibt weitere Informationen zur Aufmachung; der zweite Apparat enthält die textkritischen Anmerkungen – Apparat eins und zwei hätten durchaus in einem zusammengeführt werden können. Der dritte Apparat schließlich bietet wichtige Erläuterungen zum Text, zumeist in Form lexikalischer oder grammatischer Erläuterungen. Auf diese Weise schafft Kragl eine solide Grundlage für jede weitere Forschung.

Die in derselben Reihe erschienene Neuausgabe der ‚Virginal‘ geht in der Präsentation einen ähnlichen Weg. Die ‚Virginal‘ ist ebenfalls eine Erzählung aus der Jugendzeit Dietrichs von Bern: Dietrich, der noch nicht weiß, was Aventiure bedeutet, zieht aus, um die von dem Heiden Orkise bedrohte Königin Virginal zu befreien. Die Überlieferungslage für diesen Text ist jedoch eine andere: Neben drei weitgehend vollständigen Handschriften, die je eine eigene Version bieten, liegen zehn Fragmente vor, die sich jeweils einer Version zuordnen lassen. Eine Drucküberlieferung ist nicht bekannt. Formal wird der Text im komplizierten, dreizehnzeiligen Bernerton dargeboten. Auffallend ist bei den drei Versionen der große Unterschied im Strophenbestand: die Heidelberger ‚Virginal‘ besteht aus 1097 Strophen, die Wiener aus 861 und die Dresdner aus nur noch 130 Strophen. Dies könnte je nach Blickrichtung auf einen immer stärker reduzierten respektive erweiterten Text schließen lassen. Doch ist davon auszugehen, dass es sich um Variationen eines Erzählkerns handelt, denn in jeder Version kommen Passagen vor, die den jeweils anderen fehlen.

Die ältesten Textzeugen überliefern die Heidelberger ‚Virginal‘ und weisen in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts; die Textentstehung wird jedoch noch ins 13. Jahrhundert gesetzt. Auf einen synoptischen Abdruck wurde wegen der großen Unterschiede verzichtet, denn dies hätte zuweilen seitenlange Textunterbrechungen nötig gemacht; kompensiert wird dies dadurch, dass jede Version einen eigenen Teilband erhalten hat, so dass sie nebeneinander gelegt werden können.

Die Vorlage für die jeweilige Version ergibt sich aus der Überlieferungssituation; es wird nach dem Leithandschriftenprinzip ediert. Das heißt auch, dass besser verständliche Ersetzungen aus anderen Handschriften unterbleiben, solange die Vorlage einen grammatisch sinnvollen Text ergibt. Überhaupt üben die Editorinnen große Zurückhaltung gegenüber Texteingriffen. Das gilt auch für die sprachliche Vereinheitlichung; die Regeln hierfür werden detailliert aufgezeigt. Zwar mögen im Einzelnen andere Möglichkeiten bestehen, doch ist das Verfahren dokumentiert und nachprüfbar. So wird der Gewinn dieser Neuausgabe eigentlich auch erst im Vergleich zu den alten Editionen richtig deutlich.

Ergänzt wird diese Ausgabe durch den Abdruck des knapp zehn Bernerton-Strophen umfassenden ‚Goldemar‘-Fragments. Die Besonderheit dieses Textes ist, dass er einen Autornamen präsentiert – was sonst in der aventiurehaften Dietrichepik nicht der Fall ist: Albrecht von Kemenaten. Da dieser bereits durch einen anderen Dichter im 13. Jahrhundert, Rudolf von Ems, bezeugt ist, wird davon ausgegangen, dass damit auch die Entstehungszeit des ‚Goldemar‘ belegt ist. Zudem wurde Albrecht als Dichter weiterer Texte der aventiurehaften Dietrichepik in Beschlag genommen, was aber durch die Überlieferung nicht gedeckt ist und von der Forschung nicht übernommen wurde.

Die beiden besprochenen Ausgaben aus der Bremer Schule zeigen erneut die Tauglichkeit der textgeschichtlichen Edition, denn für die hier vorgelegten Texte ist eine rekonstruktive, das dichterische Original anstrebende Editionsform aus dem Textmaterial kaum zu gewinnen. So steht – anders als in den älteren Ausgaben – der Forschung das gesamte Textmaterial übersichtlich zur Verfügung.

Einen anderen Weg, Textgeschichte aufzuzeigen, geht die Laurin-Ausgabe in der noch jungen Relectiones-Reihe. Der deutsche ‚Laurin‘ ist sehr breit überliefert: es gibt mindestens 18 Handschriften und elf Drucke in fünf Versionen, von denen eine noch zwei Fassungen aufweist. Bis auf den ‚Laurin‘ des Dresdner Heldenbuchs sind alle Versionen in Reimpaaren abgefasst; zurückverfolgen lässt sich die Textgeschichte bis ins frühe 14. Jahrhundert.

Die vorliegende Ausgabe versucht nun nicht, die deutsche Textgeschichte abzubilden, sondern die davon ausgehende europäische, indem eine tschechische, dänische und färöische Übersetzung dem deutschen Text zur Seite gestellt werden. Deshalb versteht sich diese Ausgabe auch nicht als Ersatz für die ebenfalls von der Bremer Schule erstellte Laurin-Edition (erschienen 2011), sondern als Ergänzung.

Ein Paralleldruck der Versionen schien wegen des sehr unterschiedlichen Umfangs nicht ratsam. Zudem ist jeder Version eine Übersetzung ins Neuhochdeutsche beigegeben, was auch dem Nichtfachmann erlaubt, die Versionen untereinander zu vergleichen.

Aus der reichen deutschen Überlieferung wurde die Walberan-Version ausgewählt. Hierbei handelt es sich um die ältere Vulgat-Version des ‚Laurin‘ mit Walberan-Schluss, die nach der Kopenhagener Handschrift ediert wird. Es folgt eine genaue Beschreibung und Erläuterung der Editionsrichtlinien. Warum die Wahl auf diesen Text gefallen ist, lässt sich dadurch begründen, dass hier, obwohl es sich um eine junge Handschrift handelt, ein alter Text überliefert wird, was die Offenheit des ‚Laurin‘ für Änderungen zeigt, denn bei dem Walberan-Schluss handelt es sich um eine spätere Zutat. Ob diese Version den Übersetzungen zugrunde gelegen hat, wird nicht diskutiert, aber durch die Auswahl implizit angenommen.

Jedem Text geht eine knappe Einleitung voran, die über die literarhistorische Situation, in der die Übersetzung entstanden ist, Auskunft gibt, wie auch über die Editionsprinzipien und die jeweilige handschriftliche Vorlage. Die zugehörigen Apparate liefern textkritische und grammatisch-lexikalische Erläuterungen. Vor allem letztere sind auch für Nichtfachleute sehr interessant, da sie zum Teil textgeschichtlich relevante Angaben enthalten und etwa über den Weg der Übersetzung Auskunft geben.

Für alle Übersetzungen ins Neuhochdeutsche wird eine größtmögliche Nähe zur jeweiligen Vorlage angestrebt. Es wurde also nicht glättend eingegriffen, auch wenn dies die Übersetzung zuweilen spröde und sperrig wirken lässt. So lässt sich der Vorlagentext gut verfolgen. Zum anderen ist ein Vergleich der verschiedensprachigen Versionen über die deutsche Übersetzung möglich und erkennenbar, wie der Text in unterschiedliche kulturelle Gegebenheiten eingepasst wird. Besonders spannend ist die färöische Übertragung des Ursprungstexts in ein gemeinschaftlich zu singendes Tanzlied.

Die hier besprochenen Beispiele zeigen, dass textgeschichtliche Editionen sich besonders gut dafür eignen, kulturwissenschaftlich relevante Zusammenhänge aufzuzeigen, da sie die Besonderheiten der Überlieferungsträger und des sie tragenden Textes herausarbeiten und vorstellen.

1 Vgl.: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22327

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Florian Kragl (Hg.): Der Wunderer.
De Gruyter, Berlin 2015.
106 Seiten, 59,00 EUR.
ISBN-13: 9783110400151

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Titelbild

Jan K. Hon / Florian Kragl / Hendrikje Hartung / Ulf Timmermann (Hg.): Laurin.
Hirzel Verlag, Stuttgart 2016.
245 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783777625348

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Titelbild

Elisabeth Lienert / Elisa Pontini / Katrin Schumacher (Hg.): Virginal. Goldemar. Edition und Kommentar.
Band I, II, III.
De Gruyter, Berlin 2017.
2112 Seiten, 199,95 EUR.
ISBN-13: 9783110476781

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