Inter? Trans? Syn?

Über Beate Laudenbergs Studie zur Migrationsliteratur

Von Klaus HübnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hübner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In Beate Laudenbergs Studie Inter-, Trans- und Synkulturalität deutschsprachiger Migrationsliteratur und ihre Didaktik geht es vornehmlich um Werke der deutschsprachigen Literatur, deren Autorinnen und Autoren zumeist eine andere Muttersprache hatten, aus unterschiedlichen Gründen in den deutschen Sprachraum eingewandert sind und dort seit den 1960er-Jahren publizieren. Man hat diese Werke als „Gastarbeiter-“ oder „Ausländerliteratur“ bezeichnet, ehe sich im Laufe der 90er-Jahre die Begriffe „Literatur der Migration“ oder „Migrationsliteratur“ durchsetzten, zudem auch „Interkulturelle Literatur“ oder „Literatur der Interkulturalität“. Im 21. Jahrhundert hat sich mehr und mehr der Begriff „Chamisso-Literatur“ etabliert, was zunächst der außerordentlichen Bedeutung des schon seit 1985 vergebenen Adelbert-von-Chamisso-Preises für dieses Segment der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geschuldet ist, vor allem aber der Tatsache Rechnung trägt, dass diese Literatur ungeheuer vielfältig geworden ist und das Feld der Migration heute nur noch eines von vielen ihrer Themen ist.

Wie problematisch all diese Bezeichnungen sind und wie fragil und unscharf die analytischen Begriffe, mit denen man dieser Literatur literatur- und kulturwissenschaftlich beizukommen sucht, erläutert Beate Laudenberg in ihren Vorbemerkungen sowie in ihrem Überblick über die Folgen der „cultural turns“ der vergangenen 30 Jahre. Zu Recht spricht sich die an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe lehrende Verfasserin gegen die immer noch zu beobachtende Fixierung der öffentlichen Wahrnehmung auf die biografische Herkunft der Autorinnen und Autoren aus, unter anderem mithilfe des mittlerweile berühmten Bonmots aus dem Roman Wie der Soldat das Grammofon repariert von Sasa Stanišić: „Ich bin Jugoslawe – ich zerfalle also“. Für die Textanalyse eigne sich die Netz-Metapher besser als die des literarischen Feldes, weil sie weniger die Herkunftskultur betone als vielmehr die Bewegungen eines sich immer wieder neu verknüpfenden Hybridisierungsprozesses. Sie passe damit besser zu einer „Poetik des Nomadischen […], die sich auf keine festen Koordinaten abstützt und in kein System pressen lässt“ (Ilma Rakusa) – und solche „Poetiken des Nomadischen“ charakterisierten die Schreibprozesse der meisten literarischen Akteure seit der Jahrtausendwende immer öfter und immer zutreffender: „Ich habe Standorte, keinen Standort“ (Ilma Rakusa). Es geht in dieser Arbeit aber nicht allein um neue Blicke auf die „deutschsprachige Migrationsliteratur“, sondern auch und vor allem um Weichenstellungen für einen Perspektivenwechsel in der Literaturdidaktik, die anstelle einer nationalen Poetik eine „Poetik der Verschiedenheit“ (Werner Wintersteiner) entwickeln und Mehrsprachigkeit wie Transkulturalität als neue Leitlinien akzeptieren soll.

Was nach den ersten sehr empfehlenswerten 46 Seiten folgt, mag man nicht unbedingt als konsistent bezeichnen. Vorgestellt und zum Teil näher analysiert werden unterschiedlichste Aspekte der gewählten Thematik, deren Zusammenstellung manche Rätsel aufgibt und sich womöglich, wie die Bibliografie nahelegt, an den Aufsätzen und Vorträgen orientiert, mit denen sich die Verfasserin in den letzten Jahren einen Namen gemacht hat. Generell ist zu betonen, dass die hier näher betrachteten literarischen Texte kaum einmal aus den letzten zehn Jahren stammen und dass Laudenbergs mehrfach eingestreute Ausführungen zum Adelbert-von-Chamisso-Preis nicht immer auf dem neuesten Stand sind. Im dritten Kapitel wird Yoko Tawadas Roman Ein Gast (1993) ausführlich untersucht, Chamisso-Preisträger aus der Schweiz werden kurz vorgestellt (Dragica Rajčić, Aglaja Veteranyi, Catalin Dorian Florescu, Francesco Micieli, Dante Andrea Franzetti, Ilma Rakusa), das nicht unbedingt leicht zugängliche Werk des georgisch-deutschen Autors Giwi Margwelaschwili wird interpretatorisch aufgeschlossen und der multimedialen Ästhetisierung der „Kanakster“ wird anhand der frühen Werke Feridun Zaimoglus näher nachgegangen. Gewiss ist jeder dieser Aspekte des großen Themas für sich interessant – auf eine Engführung oder Zusammenschau allerdings wartet man vergeblich. Mit „Migrationslyrik“ beschäftigt sich das vierte Kapitel, und selbst wenn sehr zu Recht darauf hingewiesen wird, dass auf dem Feld intertextueller Verweise in der Migrationsliteratur „noch viel zu tun“ sei, darf man sich doch fragen, ob die etwas umständlich behandelte Goethe-Rezeption bei José F.A. Oliver, Rafik Schami, Emine Sevgi Özdamar oder Yoko Tawada mehr ist als eine aparte Randerscheinung. Viele Gedichte und Lieder aus der Frühphase der Migrationsliteratur (zum Beispiel von Franco Biondi, Gino Chiellino, Cyrus Atabay oder Yüksel Pazarkaya) waren mehr oder minder autobiografisch grundierte Klagen über Heimweh, Heimatlosigkeit und Entwurzelung – ein Motiv- und Metapherngestöber, das sich im 21. Jahrhundert bereits arg zeitgebunden ausnimmt und dessen Analyse nur wenig greif- und verwertbaren Ertrag für den DaF/DaZ-Unterricht von heute bringen dürfte. Oder, in den Worten von Beate Laudenberg selbst: „Die Dominanz des Autobiographischen in der Migrationslyrik der 1970er und 80er Jahre macht sie zwar authentischer, aber noch keineswegs ‚spannend‘“. Natürlich gab es, was die Verfasserin auch erwähnt, schon in den 1980er-Jahren andere, vor allem sprachreflexive Gedichte von Chamisso-Literaten. Insgesamt aber eröffnet das der „Migrationslyrik“ gewidmete Kapitel kaum mehr als einen Blick in heute bereits recht ferne Zeiten.

Ähnliches gilt leider auch für das fünfte Kapitel, das „Kinder- und jugendliterarische Figuren im multikulturellen Beziehungsgeflecht“ vorstellt, mit Peter Härtlings Longseller Ben liebt Anna (1979) anfängt und danach die Romane Ein schnelles Leben von Zoë Jenny (2002), London, Liebe und all das von Dagmar Chidolue (1989), Tränen sind immer das Ende von Akif Pirinçci (1980), Die Sehnsucht der Schwalbe von Rafik Schami (2000), Heißt du wirklich Hasan Schmidt? von Horst Bosetzky (1994) und ein paar weitere Texte näher betrachtet – und sich zudem der Covergestaltung entsprechender Jugendbücher widmet. Das folgende Kapitel ist der Deutschdidaktik vorbehalten, die durch transdisziplinäre und andere „Bausteine“ bereichert und modernisiert werden soll, wobei es insbesondere darum geht, wie der „monolinguale Habitus der multilingualen Schule“ (Ingrid Gogolin) zu überwinden sei. Dazu solle zum Beispiel das „code mixing/switching“ nicht weiter stigmatisiert werden: „In der Verwendung eigener und fremder Register liegt ein Potenzial, von dem Sprachreflexion ausgehen kann. Auf das Wissen und die Erfahrungen der Schüler und Schülerinnen zurückzugreifen […] bietet sich ebenfalls dabei an“. Die Verfasserin setzt sich jedoch in erster Linie, hier ganz in innerakademischen Debatten verharrend, ausführlich und kritisch mit diversen Konzepten der Deutschdidaktik und der Interkulturellen Germanistik auseinander und analysiert die „Präfigurierung des Kulturellen“ in fachwissenschaftlichen Grundlagenwerken, Handbüchern und Lexika. Eine für sie entscheidende Folgerung aus diesen Analysen ist es, den Begriff der „Synkulturalität“ als deskriptiv notwendige und pragmatisch weiterführende Ergänzung zu den Begriffen der „Inter- und Transkulturalität“ für eine zeitgemäße Deutschdidaktik stark zu machen. Eine ausführliche und sehr brauchbare Bibliografie schließt das Buch ab.

Der Gesamteindruck von Beate Laudenbergs Studie bleibt zwiespältig. Sie bietet zahlreiche wertvolle Anregungen für die weitere Diskussion über „Inter-, Trans- und Synkulturalität“ und macht nützliche Vorschläge, die die Didaktikdebatte im Fach Deutsch als Zweit-/ Deutsch als Fremdsprache beleben werden. Zugleich aber wirkt der Aufbau des Ganzen unentschlossen und bisweilen recht willkürlich, und zur „deutschsprachigen Migrationsliteratur“, zumal der jüngeren, erfährt man kaum wirklich Neues. Insofern ist diese Arbeit selbst ein Baustein, der zu einem Gebäude, das, getrieben durch die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung, nach Fertigstellung schreit, manch Wissens- und Erwägenswertes beiträgt. Eine intensive wissenschaftliche Reflexion und vor allem eine unterrichtspraktische Didaktisierung der „deutschsprachigen Migrationsliteratur“ sind nach wie vor Desiderate. Beate Laudenbergs Arbeit geht zweifellos in die richtige Richtung, doch bedürfen ihre Fragen und Anstöße unbedingt einer systematisierenden Ergänzung.

Titelbild

Beate Laudenberg: Inter-, Trans- und Synkulturalität deutschsprachiger Migrationsliteratur und ihre Didaktik.
Iudicium-Verlag, München 2016.
275 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783862054466

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